Kultur

Die neuen Salons

Mit Verve und doch hoch konzentriert spielt Jascha Nemtsov die Tasten des schwarzen Flügels, der von einem hellen Licht angestrahlt wird. Plötzlich tritt eine Schauspielerin aus dem dunklen Vorhang, der neben dem Instrument wie ein Zelt von der Decke hängt: Während die Klänge des Klaviers verstummen, beginnt die Künstlerin, dramatische Verse zu deklamieren.

Mit der Collage aus musikalischer und theatralischer Darbietung feiern »nemtsov & nemtsov« die Eröffnung ihres »Raums für Kunst und Diskurs«: Gemeinsam mit seiner Frau Sarah will Jascha Nemtsov damit eine neue Salonreihe in Berlin etablieren. Der lang gestreckte und weiß gestrichene Altbau-Raum befindet sich direkt unter der Wohnung des Pianisten und Musikwissenschaftlers.

Über Wochen wurde das frühere Ladengeschäft renoviert, um einen »Ort für kulturellen Austausch« zu schaffen, wie Nemstov sagt. An den Wänden hängen Gemälde seiner Schwiegermutter Elisabeth Naomi Reuter: melancholische Porträts in zurückgenommenen Farben, die intensiv auf den Betrachter wirken.

resonanz Bei der Premiere des ersten Salons spricht Verlegerin Nora Pester, die den Verlag »Hentrich & Hentrich« leitet, ein paar Worte über die Künstlerin – ist doch gerade ein Reuter-Bildband bei ihr erschienen. Pester selbst hat schon vor einem Monat gemeinsam mit zwei Freundinnen eine Veranstaltungsreihe gestartet, die unter dem Namen »Berliner Salon für jüdische Kultur und Wissenschaft« firmiert – und das wie beim Salon der Nemtsovs mit überwältigender Resonanz.

»Nachdem wir unsere Einladung verschickt hatten, waren die 60 Plätze innerhalb von 48 Stunden vergeben«, erzählt die Verlegerin. Mit ihrem Salon solle ein Forum geschaffen werden, »in dem wir aktuelle Themen in einem offenen und vertrauten Umfeld diskutieren können«. Ein Hotelsaal in Prenzlauer Berg bot dafür Ende April erstmals die Gelegenheit.

Unter dem Titel »Wie viel Geschichte braucht die Medizin?« wurde hier gemeinsam mit dem Mediziner und Autor Harro Jenss über historisches Bewusstsein und wissenschaftlichen Fortschritt am Beispiel des jüdischen Arztes Hermann Strauß debattiert. Ein spannendes, aber kein leichtes Thema für einen Salon. Und doch diskutierten die Gäste im stimmungsvollen Hotelsaal mit den schweren Vorhängen und den brokatüberzogenen Stühlen angeregt über Verantwortung und Aufarbeitung unterschiedlicher medizinischer Zweige.

ambiente »Wir haben anscheinend mit dieser Form des Gesprächs und mit dem Ambiente einen Nerv getroffen«, erklärt sich Nora Pester die vielen Gäste ihres ersten Salons. »Ich könnte mir vorstellen, dass das etwas mit dem Mythos der Salonkultur zu tun hat«, ergänzt ihre Mitstreiterin Lara Dämmig, die Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora ist.

Tatsächlich umgibt gerade die Berliner Salonkultur, die vom ausgehenden 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert reichte und oft von Jüdinnen initiiert wurde, bis heute ein ganz eigener Reiz. Das liegt nicht zuletzt an der kulturellen Ausnahmesituation, die jene Salons schufen.

inseln »Die heitere Öffentlichkeit der jüdischen Salons beruhte auf der Ablehnung traditioneller Schranken, welche den Edelmann vom Bürger, den Christen vom Juden, den Mann von der Frau trennten«, schreibt die amerikanische Historikerin Deborah Hertz in ihrem Standardwerk Die jüdischen Salons im alten Berlin.

Gerade für viele Frauen sind Salondamen wie Rahel Levin-Varnhagen, Henriette Herz und Dorothea Schlegel bis heute Vorreiterinnen einer jüdischen Emanzipationsbewegung und Vertreterinnen eines universalen Bildungsideals. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass zahlreiche Salondamen zum Christentum konvertierten und bei ihren Kulturabenden auch antisemitische Töne einiger Gäste zu hören waren. Und dennoch galten und gelten die Salons als fragile neutrale Inseln, die Raum für den Austausch von Menschen unterschiedlicher Schichten boten.

renaissance Schöngeist, Neugier und Weltoffenheit: Mit diesen Charakteristika fasziniert die vergangene Salonkultur noch heute. Doch rechtfertigen zwei neue Veranstaltungsreihen, die unter ebendiesem Etikett laufen, von einer Renaissance eben jener Kultur zu sprechen? Für Jascha Nemtsov ist sein Salon ebenso wie der von Nora Pester und ihren Freundinnen durchaus Ausdruck eines Trends. »Es gibt bei den Menschen ein Bedürfnis nach Orten abseits der offiziellen Kultur«, mutmaßt er. Dabei stünden die Salons von »nemtsov & nemtsov« allen Gästen und allen Themen offen.

»Natürlich sind unsere Salons auf eine Art jüdisch, denn wir sind selbst Juden, und jüdische Themen sind uns entsprechend wichtig. Das heißt aber nicht, dass wir keine anderen Gegenstände in den Fokus stellen werden«, so Nemtsov. Ganz bewusst werde so an die Tradition der Berliner Salons angeknüpft: »So wie für die Juden damals nicht nur jüdische Themen interessant waren, so sind wir auch heute offen und interessieren uns für viele Bereiche.«

modern Ähnlich verhält es sich beim Salon von Nora Pester, Lara Dämmig und Michal Or-Guil. So sagt etwa Dämmig, dass es durchaus Salonabende geben werde, die keinen Bezug zum Judentum haben. Allerdings, und das ist ihr wichtig, könne jüdisches Leben ohnehin nicht getrennt von deutscher Geschichte gesehen werden. »Ich wünsche mir, dass der Salon ein Ort ist, wo sich jüdische und nichtjüdische Menschen treffen können, ohne dass die eigene Identität hinterfragt wird«, unterstreicht sie.

Zudem wäre es vermessen, wenn sie an den Mythos Salonkultur hätten anknüpfen wollen. »Wir sind Frauen des 21. Jahrhunderts, leben unter ganz anderen Rahmenbedingungen, und Berlin hat sich verändert«, fügt Nora Pester hinzu. Für sie gibt es eine ganz eigene jüdische Diskussionskultur, die sich vor allem durch Offenheit und Lebendigkeit auszeichnet und mit ihrer Salonreihe gefördert werden soll.

Auch Jascha Nemtsov betont, dass es bei seinen Salons um Austausch, Dialog und gegenseitiges Zuhören geht – Charakteristika, die eben jener verloren gegangenen Berliner jüdischen Salonkultur zugeschrieben werden.

Der nächste Salonabend von »nemtsov & nemtsov« findet am 11. Juni um 20 Uhr in der Witzlebenstraße 38 statt. Thema: »Juden in der Unterhaltungsmusik der 20er-Jahre«

Sicherheit

Bundesregierung unterstützt den Schutz jüdischer Einrichtungen mit 22 Millionen Euro

Zentralratspräsident Josef Schuster: »Für jüdische Gemeinden stellen die Ausgaben für Sicherheit häufig eine erhebliche finanzielle Belastung dar«

 17.09.2020

Trier

Größter Wunsch: Normalität

Wie die Gemeinde auf das Jahr zurückschaut und was sie für 5781 erwartet

von Elke Wittich  17.09.2020

Berlin

Vier Rabbis und ein Kantor

Das Abraham Geiger Kolleg feierte seine zehnte Ordination – dieses Mal unter Corona-Bedingungen

von Ayala Goldmann  17.09.2020

Rosch Haschana

Wir haben nur eine Welt

Am Feiertag wird an die Schöpfung erinnert. Vier Jugendliche wollen dafür sorgen, dass sie nicht zerstört wird

von Christine Schmitt  17.09.2020

Rosch Haschana

»Ein Volk besteht aus 5000 Bienen«

Fabian und Lena Münch über ihre Imkerei, die Rolle der Königin und verschiedene Honigsorten

von Christine Schmitt  17.09.2020

Rosch Haschana

Unter einem Dach

5780 war ein Jahr der Verunsicherung. Aber auch 5781 können wir die Herausforderungen gemeinsam bewältigen

von Josef Schuster  17.09.2020

Thüringen

Ein Paradiesbaum in Erfurt

Achava-Festspiele trotz der Corona-Beschränkungen: Sie vermitteln Hoffnung

von Esther Goldberg  17.09.2020

Festival of Lights

Zusammen strahlen

Die israelische Botschaft zeigt eine symbolträchtige Lichtcollage zu Kunst und Kultur des Landes

von Alice Lanzke  17.09.2020

Schleswig-Holstein

Auszeichnung für einen Überlebenden

Der 87-jährige Zeitzeuge Jurek Szarf erhielt das Bundesverdienstkreuz

von Moritz Piehler  17.09.2020