Trauer

Die letzte Ruhe

Am Montag vergangener Woche hat Uri Siegel sel. A. auf dem Alten Israelitischen Friedhof an der Thalkirchner Straße seine letzte Ruhestätte gefunden. Es war ein Begräbnis von historischer Bedeutung, denn nach diesem wird es auf dem Friedhofsgelände im Süden Münchens keine Beerdigung mehr geben.

»Die Friedhöfe in München, ganz besonders der Alte Israelitische Friedhof, spiegeln auch immer die Geschichte der Stadt und die Geschichte der Juden in der Stadt wider«, beschreibt IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch einen Aspekt, der in Bezug auf Uri Siegel ein ganz besonderes Gewicht hat. Uri Siegel war selbst ein wichtiger Teil der Münchner Stadtgeschichte.

Siegel wurde von vielen Menschen wertgeschätzt.

Dass er von vielen Menschen so wertgeschätzt wurde, wurde bei der Beerdigung, die wegen der Corona-Krise nur in einem kleinen ausgewählten Kreis von Trauergästen stattfinden konnte, noch einmal sehr klar.

Denn neben der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, mit der Uri Siegel viele Jahre im Vorstand saß, wollten auch Oberbürgermeister Dieter Reiter und Uli Hoeneß, langjähriger Manager und Präsident des FC Bayern München, persönlich Abschied von dem Münchner nehmen.

Trauer Ein Begriff, der von den Trauergästen in Zusammenhang mit Uri Siegel mehrfach benutzt wurde, war seine Beschreibung als »außergewöhnlich«. »Uri Siegel war mit seiner stets direkten und verbindlichen Art, seiner freundlichen Nahbarkeit und Offenheit immer eine Bereicherung für seine Umgebung.«

Uri Siegel, der beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters trat, setzte sich als Anwalt in den 50er-Jahren zu Fragen der Widergutmachung für jüdische Mandanten ein. Diese Tätigkeit, die nur zeitlich begrenzt sein sollte, führte ihn nach dem Krieg an seinen Geburtsort München zurück. Bereits 1934 war seine Familie nach Palästina ausgewandert, um den Nazis zu entkommen. Damals war er elf Jahre alt. »Dass er zurückkehrt und am Ende auch hier in München bleibt, war nicht vorhersehbar«, stellt Charlotte Knobloch mit Blick auf seine Vita fest.

Zeitzeuge Viele Freunde, Bekannte und Menschen, die ihn vielleicht nur kurz kannten, werden ihn vermissen und sich an ihn als einen außergewöhnlichen Menschen erinnen, als einen der letzten Zeitzeugen, die die Zeit vor dem NS-Regime noch selbst erlebt hatten. Damit gehörte Siegel in den letzten Jahren seines Lebens zu den ganz wenigen Zeugen jener Epoche.

»Umso wichtiger war deshalb seine Stimme. Mit Nachdruck setzte er sich gegen das Vergessen ein und wurde zu einem Wortführer für angemessene Erinnerung«, würdigte die IKG-Präsidentin das Engagement von Uri Siegel. Es sei nun Aufgabe der gegenwärtigen und künftigen Generationen, die Erinnerung an dieses Leben wachzuhalten, betonte Knobloch.

fussball Dass es wichtig ist, an den Nationalsozialismus zu erinnern, hat der FC Bayern München anhand seiner eigenen Geschichte schon vor etlichen Jahren erkannt. Das jüdische Kapitel des Vereins ist mit dem Namen Kurt Landauer untrennbar verbunden. Der Kaufmann, der vor den Nazis flüchten musste, war von 1913 bis 1914, von 1919 bis 1933 und erneut von 1947 bis 1951 der Präsident des FC Bayern.

Über den Fußballverein und Kurt Landauer führt ein kurzer Weg zu Uri Siegel. Denn er war der Neffe des früheren Vereinspräsidenten und eng mit dem FC Bayern München verbunden. »Uri Siegel stand dem Präsdium und dem Vorstand des FC Bayern über viele Jahre vertrauensvoll und verlässlich beratend zur Seite. Dafür sind wir ihm zu großem Dank verpflichtet«, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, nachdem er vom Tod Uri Siegels erfahren hatte.

Familiengrab Die Beisetzung Uri Siegels im Familiengrab auf dem Alten Israelitischen Friedhof stand schon lange fest. »Es war sein Wunsch, an der Seite seines Großvaters bestattet zu werden und er konnte erfüllt werden, da eine Grabstätte der Familie noch frei und für ihn reserviert war«, erklärte Charlotte Knobloch.

Das Familiengrab der Siegels, einer angesehenen Münchner Familie, besteht seit über 100 Jahren. Der Alte Israelitische Friedhof wurde im Jahr 1816 in Betrieb genommen und bestand knapp 100 Jahre. Anfang des 20. Jahrhunderts war seine Kapazität mit rund 6000 Gräbern erschöpft, der Neue Isra elitische Friedhof entstand und wurde 1908 eröffnet. Auf dem Alten Friedhof sind seitdem nur noch zuvor feststehende Bestattungen in den Familiengräbern möglich – wie jetzt bei Uri Siegel. Die letzte Beerdigung fand im Jahr 2003 statt.

Es war sein Wunsch, neben seinem Großvaters bestattet zu werden.

Die IKG-Präsidentin geht davon aus, dass keine weiteren Bestattungen auf dem Friedhof mehr stattfinden werden. Zwar gebe es noch einige wenige freie Plätze in Familiengräbern, doch keine Nachfahren mehr. »Seit vielen Jahren«, stellt sie fest, »hat sich niemand gemeldet.«

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