Porträt der Woche

Die den Helfern hilft

»Wir müssen darüber nachdenken, wie wir den Generationswechsel im Team hinbekommen«: Tatyana Makhova Foto: Christian Rudnik

Manchmal kann ich nicht glauben, was für ein Leben ich jetzt führe. Es ist so ganz anders als früher. Ich nenne es mein zweites Leben: Ich bin jüdischer geworden und habe mit Menschen zu tun. Welche Veränderung! Früher in Usbekistan war ich Wasserbauingenieurin. 2003 bin ich mit meiner erwachsenen Tochter von Taschkent nach München gekommen. Hier bin ich seit 2007 als »Koordinatorin des ehrenamtlichen Dienstes« in der Sozialabteilung der Kultusgemeinde tätig.

Nie hätte ich mir früher vorstellen können, so viel zu sprechen, auch am Telefon, denn ich bin ja eher zurückhaltend. Aber ich fühle mich in meinem Arbeitsteam sehr, sehr wohl. Wir verstehen uns gut, ob alt oder jung, und Frau Albrandt an der Spitze hat immer ein offenes Ohr für meine Vorschläge. Mein Job ist zu meinem Leben geworden, einem guten Leben. Es hat sich also als richtig erwiesen, dass wir unser altes Zuhause verlassen haben.

Usbekistan Es war kein leichter Entschluss damals. Aber nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Usbekistan zu einem anderen Land geworden. Ich dachte an die Zukunft meiner Tochter, sie ist Medizinerin, aber ich dachte auch an mich. Ich war damals 50 Jahre alt und sah beruflich kaum mehr Chancen für mich.

Viele Verwandte, Freunde und Arbeitskollegen waren schon ausgewandert. Ich habe überlegt, ob wir nach Israel gehen sollen, doch dann erfuhr ich, dass man auch nach Deutschland kann; das hat mir die Entscheidung erleichtert. Deutsch konnte ich aus der Schule, und Deutschland ist ein europäisches Land. Diese beiden Dinge waren für mich ausschlaggebend. Israel hatte ich mir zwar auch angeschaut, aber es kam aus irgendeinem Grund für mich nicht infrage.

Natürlich hatte ich als neu Zugewanderte am Anfang Sorgen. Nachts dachte ich darüber nach, ob ich jemals wieder Arbeit finden würde, ob meine Tochter gut unterkommen würde. Mittlerweile ist sie Ärztin in Aschaffenburg, hat einen sehr netten deutschen Mann geheiratet und drei kleine Kinder: Zwillinge, ein Bub und ein Mädchen, und letzten Sommer kam noch ein Mädchen dazu. Ich habe also drei Enkelkinder – das hätte ich mir nie träumen lassen! Einmal im Monat versuche ich, sie zu besuchen.

Frühstücksbrei Ich arbeite an vier Tagen in der Woche: montags, mittwochs und freitags am Vormittag und donnerstags am Nachmittag. Mit der S‐Bahn bin ich in 20 Minuten am Marienplatz, von da sind es nur noch wenige Schritte bis zum Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Es reicht also, wenn ich gegen halb sieben aufstehe. Zum Frühstück esse ich einen Brei. Daran bin ich gewöhnt, und zu meiner Freude mögen auch meine Enkelkinder süßen Brei zum Frühstück.

Im Büro angekommen, nehme ich mit den Ehrenamtlichen Kontakt auf. Neuen erkläre ich alles, was sie wissen müssen. Ich achte darauf, wie gut ihr Deutsch ist. Immer wieder sind Texte für unser Infoblatt zu erstellen: »Wir suchen Ehrenamtliche für …«. Im Grunde bieten wir drei Bereiche an: Dolmetscherdienste, Besuchsdienste – da schaut man bei Leuten vorbei, die nicht mehr aus dem Haus kommen oder im Krankenhaus liegen – und Handwerkerdienste. Die sind natürlich besonders für unsere Männer interessant. Weil ich viele der Zuwanderer kenne, spreche ich sie manchmal auch an, wenn wir uns irgendwo treffen, und versuche, sie für ein Ehrenamt zu gewinnen.

Ich sage immer: »Ich habe auch als Ehrenamtliche begonnen, und es hat mir so viel gebracht!« Und das stimmt auch. Ich bin in Deutschland angekommen, hatte keine Arbeit und habe mir gesagt, dann helfe ich eben ehrenamtlich in der Gemeinde. Ich habe damals gedolmetscht. Unsere Gemeindepräsidentin, Frau Knobloch, verlangt immer noch ab und zu nach mir, wenn es bei Gesprächen mit meinen Leuten etwas zu übersetzen gibt, und das freut mich jedes Mal. Übrigens bin ich bis heute neben meiner Arbeit auch ehrenamtlich tätig.

klub »60 minus« Irgendwann ist mir aufgefallen, dass es bei uns ein reichhaltiges Programmangebot für die Jungen gibt und ebenso für die alten Menschen. Aber was ist mit der mittleren Generation? Also habe ich ein paar Anzeigen geschrieben – »Wir möchten eine Gruppe gründen …« –, und jetzt gibt es ihn schon seit fünf Jahren: unseren Klub »60 minus«.

Er ist mein Lieblingsklub. Wir treffen uns einmal im Monat und unternehmen gemeinsam etwas. Mittlerweile sind wir 60 Teilnehmer, und alle sind noch fit. In dieser Lebensphase hat man ähnliche Probleme, gemeinsame Interessen, die Kinder heiraten, bekommen wieder Kinder … Wir verstehen uns sehr gut und freuen uns, wenn wir einander sehen.

Außerdem bin ich in der Wandergruppe unserer Sozialabteilung sozusagen ehrenamtliche Ko‐Leiterin. Ich wandere doch so gerne! Deshalb hat mir München auch von Anfang an gefallen. Es ist eine große Stadt mit allen Annehmlichkeiten, und trotzdem ist man schnell an den Seen und in den Bergen – eine gute Mischung, wie in Taschkent. Einmal pro Woche fahre ich mit der S‐Bahn hinaus ins Grüne, denn ich bin ja auch noch Mitglied im Wanderklub des russischen Kulturzentrums »Gorod«.

Berge Ein Höhepunkt für unsere Abteilung und alle Ehrenamtlichen ist im Sommer der große Ausflug. Dieses Jahr sind wir mit zwei Bussen auf Reisen gegangen: nach Kufstein. Und im Winter ist der Höhepunkt der Ball im Hubert‐Burda‐Saal: Alles ist festlich geschmückt, die Tische sind schön gedeckt, Kerzen überall, gutes Essen und Live‐Musik.

Ich kann wirklich sagen, dass ich sehr zufrieden bin – mit meinem Leben und meiner Arbeit. Sie ist gut und fordert mich: Jetzt müssen wir im Team zum Beispiel darüber nachdenken, wie wir den Generationswechsel bei den Ehrenamtlichen hinbekommen.

Uns helfen ja vor allem ältere Leute zwischen 70 und 80 Jahren. Ich finde es gut und wichtig, dass diese Menschen lange aktiv bleiben. Aber irgendwann geht es eben nicht mehr, und deshalb muss ich mich nach Jüngeren umschauen, es muss eine Generation nachrücken: die 40‐ bis 50‐Jährigen. Aber das ist nicht einfach, denn sie stehen noch im Arbeitsleben.

Ab und zu erreichen mich übrigens auch Beschwerden – zwar eher selten, aber es kommt vor. Ich halte mich dann in meiner Reaktion eher zurück, obwohl ich mir jede Meinung anhöre. Aber ich finde, man sollte nicht undankbar sein gegenüber denen, die ehrenamtlich für andere da sind.

tradition Durch meine Arbeit in der Gemeinde bekomme ich einiges von den jüdischen Feiertagen und der Tradition mit. Von Kindheit an – ich bin 1951 geboren – wusste ich zwar, dass ich Jüdin bin, aber es bedeutete nicht viel. Bei den Großeltern väterlicherseits gab es zu Pessach Mazzot, und wir begingen Rosch Haschana mit einem großen Familientreffen.

Aber von meiner Mutter kam in jüdischer Hinsicht so gut wie nichts. Sie war zwar Jüdin, aber vor allem war sie Kommunistin. Und so kam es, dass in Usbekistan meine Tochter, die in Taschkent ins Jüdische Zentrum ging, übers Judentum besser Bescheid wusste als ich.

Heute habe ich in Usbekistan keine Verwandten mehr, nur noch Gräber. Wenn ich mal wieder hinkäme, wie das letzte Mal 2004, könnte ich ohne Weiteres bei Bekannten übernachten. Aber das ist mir nicht so recht; da bin ich eigen. Außerdem ist der Flug recht teuer. Aber ich muss da auch nicht mehr hin. Ich halte es hier in München sehr gut aus in meinem neuen Leben.

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