Religion

Die älteste Anleitung der Welt

Religiös und säkular: Daniel Krochmalnik und Susanne May diskutieren über die Aktualität der Zehn Gebote Foto: Mirayam Gümbel

Wenn die uralten zehn Gebote trotz der an ihnen wahrnehmbaren Spuren längst vergangener Zeiten noch immer so frisch und neu sind wie am ersten Tag, dann deshalb, weil sie unsere Freiheit verteidigen. Als solche haben sie Zukunft. Dieses Zitat des evangelischen Theologen Eberhard Jüngel ist eine Stimme, die auf dem Flyer der Vortragsreihe »Vor dem Gesetz. Zur Aktualität der Zehn Gebote« abgedruckt ist. Nach dem überwältigenden Erfolg dieser mehrteiligen Reihe sprachen wir mit Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der IKG und Mitinitiatorin über dieses Projekt. Die Idee dazu habe sie seit Jahren umgetrieben. Eines war ihr dabei von Anfang an klar: Sie wollte es dialektisch aufbauen, Stimmen und Auffassungen von mehreren Seiten zu Wort kommen lassen.

Traum »Für mich war klar, dass die zehn Gebote im engeren Sinne eine Weisung an das jüdische Volk sind«, sagt Ellen Presser. Außerhalb des Judentums sind sie eine verbindliche Botschaft an die Welt, die nicht nur das Christentum achtet. Letztere Auffassung vertritt zum Beispiel Susanne May von der Offenen Akademie der Münchner Volkshochschule. Auch sie hatte schon lange daran gedacht, ein Thema rund um die Gebote vom Sinai auf die Beine zu stellen. Bei einem Gespräch der beiden Frauen, bei dem sie sich über ihre Projekte, Wünsche und Visionen austauschten, kam auch dieses Thema zur Sprache. Gemeinsam wollten sie nun diesen langjährigen Traum umsetzen. Und gemeinsam konnten sie dieses umfangreiche Vorhaben auch leichter schultern.

Kommunikation Sie fanden noch weitere Partner, die bei der Realisierung halfen, nicht zuletzt die Organisatoren des Ökumenischen Kirchentages, die in diesem Projekt eine gute Einstimmung für ihre Veranstaltung sahen. Den Kontakt zu diesen hatte die Evangelische Stadtakademie hergestellt, die ebenso mit im Boot war wie die Fachstelle Medien und Kommunikation. Ein weiterer Partner wurde der Bayerische Rundfunk, der die gesamte Vortragsreihe für sein Fernsehprogramm BR alpha aufgezeichnet hat. Die Grundidee von Ellen Presser konnte in allen acht Vorträgen umgesetzt werden. Jeweils zwei Referenten betrachteten die Gebote aus jüdischer sowie christlicher oder säkularer Sicht. Ein besonders beeindruckendes Beispiel dafür war der Abend zum Thema »Du sollst den Schabbat heiligen.

Der souveräne Umgang mit der Zeit.« Karlheinz A. Geißler, Professor und Wirtschaftspädagoge von der Deutschen Gesellschaft für Wirtschaftspädagogik in München und Meir Seidler von der Bar Ilan Universität in Israel stellten ihre Sichtweise gegenüber. Dabei wurden die Auswirkungen des göttlichen Gebotes auf die heutige Welt mit festgeschriebenen Pausen und Ruhephasen besonders deutlich. Dass die gedanklichen Grundlagen für modernes Zeitmanagement bereits mehrere tausend Jahre alt sind, war eine beeindruckende Erkenntnis. Einen Tag auszusparen, ohne Neues zu schaffen, ist im heutigen Rhythmus eine positive Option.

Basis Die unterschiedliche Annäherung an die Zehn Gebote, einmal als die von Gott gegebenen Lebensrichtlinien und zum anderen als die Basis für einen Konsens im Zusammenleben, hatte dabei Susanne May bereits in ihrem Gespräch mit Daniel Krochmalnik mit Nachdruck herausgestellt. Diese dialektische Haltung zog sich durch alle Vorträge und wurde im letzten Beitrag besonders deutlich: Krochmalnik, Professor an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg hatte in seinem Auftaktvortrag davon gesprochen, dass die Zehn Gebote eine Aufforderung seien, etwas zu tun oder zu lassen. Sie sind in der jüdischen Religion kein Gesetz, das mit einer Strafandrohung belegt ist. Sie fanden aber Eingang in Rechtskodices. Dies war Thema beim Abschlussvortrag der Reihe »Himmlische Quelle und irdisches Recht. Die Zehn Gebote und die Rechtsentwicklung«. Auf dem Podium saßen Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaft an der Johann-Wolfgang-Goethe-Univerität in Frankfurt, Friedrich Wilhelm Graf, Theologieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Tine Stein vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Die Resonanz auf die Veranstaltungsreihe war groß. Und so mancher, der erst zu spät sein Interesse dafür entdeckte, fragte bei Ellen Presser nach einem Zugang zu möglichen Unterlagen an. Für die Leiterin des Kulturzentrums der IKG hat sich damit ein neuer Wunsch auf ihrer Liste aufgetan: »Meine Vision: eine Dokumentation aus den Vorträgen zu machen.« Dabei sollen auch die Gebote, die nicht im Einzelnen besprochen werden konnten, Berücksichtigung finden. Dabei denkt sie unter anderem an den Historiker Avi Blumenfeld, der nicht nur ein Essay dazu schreibt, sondern vielleicht sogar zu einem Vortrag in seine frühere Heimatstadt München kommen wird.

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