Porträt der Woche

Der Strukturalist

Manchmal machen sich meine Freunde lustig über mich und mein Bedürfnis nach Ordnung. Aber für mich ist das ganz wichtig. Ich brauche eine feste Struktur, um arbeiten zu können. Wenn es im Atelier nicht ordentlich ist, muss ich erst aufräumen, bevor ich mit der Arbeit beginnen kann. Es mag sich seltsam anhören, aber ich trage in meinen Kalender ein: »Montag: 9 bis 18 Uhr Malen«. Nur so gelingt es mir, mit den Bildern voranzukommen. Natürlich breche ich meine Regeln hin und wieder. Und wenn ich gerade gut vorankomme oder eine Ausstellung ansteht, dann bleibe ich bis in die Nacht an der Uni und male weiter. Insofern passe ich ganz gut zu Deutschland und dem Bedürfnis nach Struktur und Ordnung, das diesem Land nachgesagt wird.

Geboren wurde ich 1985 in London. Als ich zwei Jahre alt war, zog ich mit meinen Eltern nach Tel Aviv. Mit 21 habe ich in Jerusalem angefangen, Malerei zu studieren. Seit 2009 bin ich an der Universität der Künste (UdK) in Berlin.

Kindheit Wie vermutlich die meisten Künstler habe ich schon immer gemalt und gezeichnet. Für mich war das ganz natürlich, ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Bis heute habe ich einen Skizzenblock neben dem Bett liegen und zeichne vor dem Einschlafen. Als Kind habe ich immer Dinge gezeichnet, die ich gern sehen wollte und die es in der realen Welt nicht gab. Das war ein Fluchtmechanismus in die Welt meiner Fantasie.

In der Schule war ich eher ein Außenseiter und fühlte mich oft missverstanden. Entweder kam ich mir unterfordert vor und lenkte mich ab, oder ich verstand die einfachsten Dinge nicht, weil ich gerade nicht zugehört hatte. Wenn ich dann dumme Fragen stellte, dachten die Lehrer, ich wäre nicht in der Lage, dem Unterricht zu folgen. Vielleicht verstanden die Erwachsenen auch nicht, was ich zeichnete, und wunderten sich über die Monster, Skelette und den Tod, die in meinen Bildern eine große Rolle spielen.

Meine Fantasiewelt war natürlich auch stark geprägt von den Nachrichten in Zeitungen und im Fernsehen. Zum Glück hat meine Familie einen Sinn für Kunst und meine Kreativität, sodass ich immer viel Unterstützung bekam. Meine Mutter war Schauspielerin, als sie mit meinem Vater nach London zog. Heute arbeitet sie als Journalistin und Autorin. Mein Vater ist Cutter in der Filmbranche, eine Tante ist Malerin. Meine Eltern sind getrennt, sie leben in Tel Aviv, nur wenige Straßen voneinander entfernt.

Ich bin sehr säkular aufgewachsen, hatte aber durch meine Großmutter, die Religionslehrerin an einer Schule war, schon in der Kindheit eine enge Beziehung zu den biblischen Geschichten. Auch heute noch spielen die mythologischen Erzählungen und Figuren eine große Rolle in meiner Malerei. Auch als ich beim Militär war, habe ich immer gezeichnet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jemand, der überall zeichnet, stets gern gesehen ist, genauso wie jemand, der Gitarre spielt.

Die Zeit in der Armee hat mich stark beeinflusst. Mein Blick ist realistischer geworden, und ich stehe fester mit beiden Beinen auf der Erde. Nach dem Militärdienst bin ich nach Jerusalem gezogen und habe angefangen, an der Studio School bei Israel Hershberg und Eldar Farber zu studieren. Dort lernte ich auch meine Freundin kennen. Sie kommt aus einer sehr religiösen Umgebung. Dadurch habe ich angefangen, mich mehr mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Vor allem jetzt, da ich im Ausland lebe, empfinde ich eine sehr viel stärkere Beziehung dazu.

Meine Freundin studiert ebenfalls Malerei. Wir hatten beide das Glück, einen Platz an der UdK zu bekommen. Wir wollten unbedingt ins Ausland. Das ist ein Bedürfnis, das die meisten Israelis teilen, denn das Land ist klein. Unsere erste Wahl war New York, aber ich bin auch sehr zufrieden hier in Berlin. Die Stadt gefällt mir gut. Anfangs konnte keiner von uns Deutsch. So haben wir einen Kurs am Goethe‐Institut belegt. Ich habe mich dann immer gezwungen, so viel Deutsch wie möglich zu sprechen, obwohl ich anfangs sehr still und zurückgezogen war. Aber mittlerweile spreche ich die Sprache recht gut.

Mit dem Studium hier erfüllt sich einer meiner Träume: Ich kann frei und selbstständig arbeiten und ein Atelier nutzen. Das Studium in Jerusalem war ein wenig verschult, es gab weniger Freiheiten. Mittlerweile bekomme ich auch sehr gute Rückmeldungen zu meinen Bildern. Es läuft prima im Moment.

Zukunft Ich werde auf jeden Fall auf absehbare Zeit in Deutschland bleiben. Wenn man die Malerei professionell betreiben will, ist es ganz wichtig, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen. Dadurch ist man dann allerdings nicht mehr ganz so flexibel in seiner Lebensplanung. Andererseits ist aber auch Internationalität ein wichtiger Aspekt, denke ich. Vor einer Weile habe ich einen Preis für meine Arbeiten bekommen. Das macht mich sehr stolz und bestärkt mich in meiner Arbeit.

Im Sommer werde ich hoffentlich die Uni beenden. Wenn alles gut läuft, kann ich im Anschluss Meisterschüler werden. Ich habe auch schon Kontakte zu einer Galerie und bereits ein paar Bilder verkaufen können. Aber leben kann ich von meiner Kunst noch nicht.

Nebenbei arbeite ich in einer Bar. Das ist natürlich ziemlich anstrengend und bringt mich immer aus meinem Rhythmus, den ich mir angewöhnt habe. Dennoch ist diese Arbeit ein willkommener Ausgleich. Ich finde es wichtig und nötig, auch Abstand zum Malen zu bekommen und nicht den ganzen Tag von Leinwänden und Farben umgeben zu sein.

Ich bin sehr froh, dass ich nicht nur Künstler in meinem Freundeskreis habe, sondern mich auch mit Menschen aus anderen Bereichen austauschen kann. Meiner Freundin geht es ähnlich. Sie arbeitet nebenher im Jüdischen Museum. Zum Glück haben wir getrennte Ateliers, sodass wir uns nicht den ganzen Tag sehen. Denn die Kunst und das Malen sind natürlich immer ein großes Thema bei uns.

Als Ausgleich habe ich angefangen, Sport zu treiben. Zuerst bin ich gelaufen. Besonders an kalten Tagen war das aber oft eine große Überwindung. Jetzt bin ich in einem Fitness‐Studio und merke, wie das fast süchtig machen kann.

Ausstellung Am Freitagabend öffnet in der Galerie im Tempelhof‐Museum meine erste Einzelausstellung. Sie läuft bis zum 13. Mai. Es geht in meinen Bildern viel um den Kontrast von alten mythologischen Elementen und aktuellen gesellschaftlichen und auch politischen Themen. Sehr oft diskutiere ich zum Beispiel mit einer Freundin, die sehr feministisch eingestellt ist. Und so kommt es, dass in einigen meiner Bilder Männlichkeit und deren Wahrnehmung eine Rolle spielt.

Wie die Idee zu einem neuen Bild entsteht, das ist immer ein recht langer Prozess. Vielleicht bildet eine Skizze den Ausgangspunkt, die ich irgendwann einmal gemacht habe, und dann lese ich und recherchiere. Erst nach vielen Zeichnungen gehe ich schließlich an die Leinwand und beginne zu malen. Ich versuche, den unbefangenen Blick und die Welt der Assoziationen meiner Kindheit zu behalten und verbinde diese mit Themen von heute.

Aufgezeichnet von Urs Kind

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