Porträt der Woche

»Der Musik verdanke ich viel«

Hary Lin ist Soulsänger und trat früher mit der britischen Popband »The Hollies« auf

von Katrin Diehl  02.01.2018 12:34 Uhr

»Ich bin der totale Autodidakt – ich habe mir ein Instrument nach dem anderen selbst beigebracht«: Hary Lin (66) lebt in Augsburg. Foto: Christian Rudnik

Hary Lin ist Soulsänger und trat früher mit der britischen Popband »The Hollies« auf

von Katrin Diehl  02.01.2018 12:34 Uhr

Von heute auf morgen hat sich mein Leben verändert. So etwas nennt man wohl einen Schicksalsschlag. Zack. Nichts ist seit meinem Schlaganfall mehr wie vorher. Tag für Tag bin ich dabei, mich ins Leben zurückzuarbeiten. Das ist Arbeit. Harte Arbeit. Ich zähle die Schritte, die ich wieder gehen kann. Schwerstarbeit. Aber am Ende habe ich sie gemacht. Und wenn mich die Leute fragen: »Hary, na, wie geht es dir?«, dann sage ich: »Na, so einigermaßen.« Und nur wenige wissen, was das bedeutet.

Im Frühjahr 2013 hatte uns beide, meine Frau Cécile und mich, zunächst eine schwere Grippe erwischt. Dann überstürzten sich plötzlich die Ereignisse – ich musste kurz ins Bad, stürzte, meine Frau kam, brachte mich irgendwie ins Wohnzimmer und erlitt dabei einen Herzinfarkt. Wir wurden beide ins Krankenhaus gebracht. Cécile lag drei Tage, ich – nach einem schweren Schlaganfall – drei Wochen im Koma.

Und heute? Heute leben meine Frau und ich zusammen in einer Wohnanlage für Betreutes Wohnen im Augsburger Prinz‐Karl‐Viertel.

akkorde Augsburg – diese Stadt hat sehr viel mit meinem Leben zu tun, einem Leben, das irgendwie weitergeht. Meine Frau sorgt dafür. Jeden Tag. Ich verdanke ihr sehr viel. Ohne sie ginge es nicht. Sie lässt nicht locker. Wir weinen zusammen, und wir lachen zusammen. Und am Ende muss ich sagen, dass ich wohl auch noch Glück im Unglück hatte, weil es meine linke Gehirnhälfte erwischt hat und nicht die rechte. Hätte es die rechte erwischt, dann könnte ich jetzt noch nicht einmal mehr sprechen.

Auch der Musik verdanke ich unglaublich viel. Sie bestimmte mein Leben, und jetzt legt sie mir Ziele vor. Denn ich möchte mit meiner linken Hand, die herunterfällt wie ein Sack, wieder Akkorde auf der Gitarre greifen. Ich arbeite fest daran. Den Rest überlasse ich Avinu Malkeinu. Zu dem habe ich nämlich einen Draht.

Was mir ebenfalls Halt gibt, ist mein Wissen um die Geschichte meiner Familie. Die ist mir wichtig. Ich könnte Romane schreiben mit Passagen, die sind reinstes Hollywood. Andere lassen meine Augen feucht werden. Auch die vielen schrägen Storys, die ich als Musiker erlebt habe, lassen mich mitunter ungläubig den Kopf schütteln und gleichzeitig lachen. Als Sänger hat man mich »den Weißen mit der schwarzen Soulstimme« genannt.

vater Geboren wurde ich 1951 in Petach Tikwa bei Tel Aviv. Mit zwölfeinhalb Jahren kam ich mit meinen Eltern und meinem acht Jahre jüngeren Bruder Abi nach Augsburg. Nicht gerade typisch für eine israelische Familie, zu der ein Vater gehörte, der Auschwitz und einige weitere Konzentrationslager überlebt hatte.

Viel hatte mein Vater darüber nie erzählt. Aber immerhin immer mal wieder etwas. Bis für mich über die Jahre hinweg daraus eine zusammenhängende Geschichte geworden ist. Die Fotos, die es dazu gibt, habe ich alle in meinem Computer gespeichert.

Als 14‐Jähriger musste Zundel Lin, so hieß mein Vater, mit ansehen, wie alle älteren männlichen Bewohner seiner polnischen Heimatstadt Bialystok zusammengetrieben und mit Maschinengewehrsalven erschossen wurden – darunter auch sein Großvater Abraham. Gemeinsam mit seinem Vetter Zwi ist mein Vater zum nächsten Bahnhof geflüchtet und dort Hals über Kopf in den ersten Zug gestiegen. Der fuhr nach Auschwitz … Zwi und Zundel haben die Schoa überlebt, und das natürlich nur, weil sie unglaubliches Glück hatten.

pakete Zum Beispiel hat in einem Lager einmal ein SS‐Mann in den Raum gebrüllt: »Wer kann hier Strümpfe stopfen?« Mein Vater, dessen Eltern eine kleine Fabrik für Steppdecken betrieben hatten, hat sich sofort gemeldet und ist dann nach getaner Arbeit von diesem SS‐Mann sogar gelobt worden: »Mensch, Lin, das machst du ja besser als jede Frau.« Er bekam eine zusätzliche Kelle Suppe und einen Platz am Ofen, wo er Strümpfe stopfen konnte.

Ein anderes Mal musste Zundel für einen Wächter Pakete schnüren, auf denen immer und ganz deutlich der Zielort »Augsburg« angegeben war. Nach seiner Befreiung kehrte er zunächst nach Bialystok zurück. Dort empfing man ihn in seinem Elternhaus, in dem alles beschlagnahmt worden war, mit den Worten: »Was? Du hast überlebt? Das konnte ja keiner ahnen!« Auf seiner Weiterfahrt geisterte dieses Wort, Augsburg, in seinem Kopf herum. Das führte schließlich dazu, dass mein Vater einfach ausgestiegen ist, als der Zug in Augsburg anhielt. Er stieg aus und lernte später im Milchladen ein hübsches Mädchen, meine Mutter, kennen.

Weil dieser Zundel aber so ein junger Kerl war, den jemand in der Augsburger Synagoge mit dem Satz ansprach: »Hey, Jungs wie dich brauchen wir jetzt in Israel«, ist dieser Zundel diesem »Ruf« ins ferne Land gefolgt. Meine Mutter reiste ihm später nach. Sie ist konvertiert, aus der Inge ist also eine Ruth geworden, und die zwei haben geheiratet.

Schimpfwörter Dass es für Ruth als ehemalige deutsche Inge in Israel alles andere als leicht war, kann man sich denken, und trotzdem hat es ihr dort gut gefallen. Allerdings verlangten die Großeltern, überzeugte Sozialdemokraten auch schon während der Hitlerzeit, danach, ihre Enkelkinder öfter zu sehen, und weil mein Vater außerdem keine große Lust auf weitere Kriege hatte, ist die mittlerweile vierköpfige Familie in einer Nacht‐ und Nebelaktion nach Augsburg zurückgekehrt. Bei der Fahrt über den Brenner habe ich zum ersten Mal Berge und Schnee gesehen.

Für mich als Steppke war das neue Leben in Augsburg hart, eine riesige Umstellung. Ich hatte zu kämpfen gegen Lehrer, die schlugen, Schimpfwörter, die mir nachgerufen wurden, und eine schwierige deutsche Sprache. In zwei Jahren habe ich acht Klassen durchlaufen. Irgendwann habe ich dann die Musik entdeckt – und alles wurde besser. Der Kontakt zur Gemeinde war übrigens auch schnell da. Meinen Vater kannte man dort ja schon.

Die Synagoge war noch ziemlich kaputt, und oben haben die Tauben sich breitgemacht. Aber im Keller, da konnte man Musik spielen, und nach und nach habe ich mir ein Instrument nach dem anderen selbst beigebracht: Gitarre, Schlagzeug, Klavier, Trompete, Posaune, Flöte. Irgendwann habe ich auch gesungen.

kultband Ich bin der totale Autodidakt, immer bereit, mehr zu lernen und mich zu verbessern. Da lag es nur nahe, dass ich mich, als man mich als 16‐Jährigen zu dieser Art Vormilitärdienst nach Israel holen wollte, als Gastschüler am Augsburger Mozart‐Konservatorium eingeschrieben habe.

Das Geld dafür musste allerdings erst einmal verdient werden. Ich bin um sechs Uhr morgens aufgestanden, habe ab sieben für einen Einkaufsmarkt Tonnen von Waren abgeladen und eingeschichtet, bin danach zum Musikstudium gegangen, um am Nachmittag in der Firma NCR zu arbeiten. Die stellten Registrierkassen her, und ich war mittlerweile ja auch schon ausgebildeter Maschinenschlosser.

Später spielte ich in den verschiedensten Bands, eine der frühen hieß »Soul Empire«. Unter anderem unterhielt ich auch das Publikum im Augsburger Tanzlokal Tabaris, das mein Vater betrieben hat. Viele jüdische Leute betrieben damals Tanzbars in Augsburg. Ich ging auf Tour, trat mit der britischen Kultband »The Hollies« im Fernsehen auf und lernte bei einem Konzert im Münchner »Captain Cook« Cécile kennen, ein süßes Mädchen, das Friseurin werden wollte.

gemeinde Bald hat man mich auch in der Gemeinde angesprochen, ob ich nicht irgendwie mitwirken wolle. Ich war dort zweiter Vorsitzender und lange Zeit im Vorstand, bis ich dann aus allem herausgerissen worden bin. Zu unserem Rabbiner Henry G. Brandt habe ich ein sehr herzliches Verhältnis. Damals, als meine Mutter gestorben ist, reiste er extra aus der Schweiz an, um sie zu beerdigen. Er ruft mich auch immer mal wieder an, um mich zu fragen, wie es mir so geht. Zu seinem 80. Geburtstag hatte ich für ihn ein paar jüdische Lieder auf der Gitarre gespielt. Und jetzt ist er schon 90 geworden. Die Zeit vergeht schnell – und dann auch wieder langsam.

Unsere Tage laufen nach einem festen Schema ab. Nach dem Frühstück beginnen die Therapien. Bei schönem Wetter fahre ich mit meinem Elektromobil in den nahen Park. Zu Hause sehe ich mir Musikvideos an. Ich singe mit und werde weiter kämpfen.
Zum Beispiel dafür, dass ich wieder in meiner ganz eigenen Technik Gitarre spielen kann. Es ist eine Technik, die sonst, soweit ich weiß, nur noch der puerto‐ricanische Gitarrist José Feliciano anwendet. Wenn ich die Augen schließe, kann ich meine Finger sehen, wie sie sich auf dem Griffbrett bewegen.

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