Porträt der Woche

Der Heimatforscher

Leonid »Joine« Kogan studiert die Geschichte seiner ukrainischen Geburtsstadt Zvil

von Marlies Bilz-Leonhardt  03.04.2013 20:49 Uhr

Liest gern Bucher uber die Geschichte der Ukraine: Leonid Kogan zu Hause in Lubeck Foto: Manfred Bredehoft

Leonid »Joine« Kogan studiert die Geschichte seiner ukrainischen Geburtsstadt Zvil

von Marlies Bilz-Leonhardt  03.04.2013 20:49 Uhr

Sie finden es vielleicht sonderbar, dass ich, seit ich in Deutschland lebe, die meiste Zeit damit verbringe, die Geschichte meiner Heimatstadt Novograd Volynskii (oder Zvil, wie sie auf Jiddisch heißt) zu erforschen und zu dokumentieren. Ich bin 1956 dort geboren und habe mehr als 40 Jahre in dieser Stadt gelebt. Und dann fragen Sie sich vielleicht, was es mit dem Namen »Joine« auf sich hat. So nannte mich meine Mutter – es ist der Name, der mir bis heute der liebste ist.

Ich bin ein Schtetl‐Jude mit Leib und Seele, auch wenn ich seit 1997 in Lübeck lebe. Religiös bin ich eigentlich nicht. Ich beschränke mich darauf, kein Schweinefleisch zu essen, an Jom Kippur zu fasten und den Gottesdienst in der Synagoge zu besuchen sowie am Todestag meiner Mutter eine Kerze anzuzünden und das Totengebet zu sprechen.

Lehrer Ende der 80er‐Jahre wurden die Lebensbedingungen in der zerfallenden Sowjetunion zusehends schwieriger. In den Läden gab es kaum was zu kaufen – zumal für mich als Diabetiker. Ich muss täglich Insulin spritzen. Auch das war schwer zu bekommen.

Vor meiner Ausreise war ich Lehrer für Heimatkunde und Biologie, unterrichtete an einer Dorfschule und gab zusätzlich einige Stunden in der Stadt. In der Dorfschule war die Unterrichtssprache Ukrainisch, in der Stadt Russisch. Mitte der 90er‐Jahre wurde in der Westukraine das Russische als Unterrichtssprache abgeschafft. Zudem wurden Geschichtsbücher in nationalem Geist eingeführt, in denen Juden so gut wie nicht vorkamen, obwohl sie seit mehr als 200 Jahren in der Region ansässig sind. Das machte mich traurig.

Bis zum Tod meiner Mutter habe ich mit ihr zusammengelebt. Sie entging dem Massaker im August 1941, als mehr als 1500 jüdische Frauen und Kinder aus der Gegend von Zvil von den Nazischergen erschossen und in einem Massengrab verscharrt wurden. Meine Mutter erfuhr rechtzeitig von der bevorstehen »Aktion« und floh mit ihrer Schwester nach Turkmenistan. Nach dem Krieg kehrte sie zurück.

Als sie 1993 starb, wurde es einsam um mich. Verheiratet war ich nie. Kurz nach Mutters Tod kam mein Cousin zu Besuch nach Zvil. Er war nach Deutschland ausgewandert und ermunterte mich, es ihm nachzutun. Und so entschloss ich mich, meine Heimat in Richtung Deutschland zu verlassen. Leicht gefallen ist es mir nicht. Was würde mich in dem unbekannten Land erwarten?

Sprachlich war ich einigermaßen gewappnet, denn als mein Plan reifte, nach Deutschland zu gehen, fing ich an, Deutsch zu lernen. Bis ich die Ausreisegenehmigung in Händen hielt, vergingen zwei Jahre. Da hatte ich die Sprache bereits einigermaßen gut gelernt. Gedanklich bin ich bis heute meiner Heimat fest verbunden. Und nicht nur gedanklich.

gemeinde Das Schicksal führte mich nach Lübeck. Ein Glücksfall, denn hier gibt es eine lebendige jüdische Gemeinde. Ich bin zwar nicht religiös, aber in der Gemeinde finde ich Menschen aus meiner Heimat, Leute, die Russisch sprechen. Die meisten dort sind Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion.

Ich habe eine kleine Einzimmerwohnung in einem Wohnblock in Moisling bekommen, einem Stadtteil, der wegen seiner vielen Ausländer und Arbeitslosen als sozialer Brennpunkt gilt. Es gefällt mir dort. Das hat viele Gründe. Zum einen liegt es daran, dass es hier einen jüdischen Friedhof gibt, den ich bis vor Kurzem von meinem Fenster aus sehen konnte. Heute wohne ich in einer anderen Wohnung in Moisling.

Ich habe ein enges Verhältnis zur Natur und freue mich, dass unser Stadtteil an der Trave liegt, einem lieblichen Fluss, an dem ich gern spazieren gehe. Mit meiner finanziellen Situation komme ich zurecht. Vollzeit arbeiten kann ich wegen meiner Diabetes nicht. Ich bin zufrieden mit dem, was mir der deutsche Staat zahlt. Mit kleinen Nebenjobs verdiene ich etwas hinzu. So betreue ich seit 2010 die Ausstellung zur Geschichte der Juden in Lübeck in der hiesigen Synagoge.

Bei uns zu Hause wurde Russisch gesprochen. Nur manchmal redete meine Mutter mit ihrer Schwester Jiddisch. Davon habe ich wenig behalten. Wie reich und vielfältig diese Sprache ist, habe ich erst in Deutschland gelernt.

Ein kürzlich erschienenes russisch‐jiddisches Wörterbuch hilft mir, meine Kenntnisse zu erweitern. Ich flechte in meine Gespräche gern jiddische Ausdrücke ein, wünsche »Masseltoff« oder frage nach der »Mischpoche«. Das verstehen die meisten, auch wenn sie kein Jiddisch können.

Feuerberg Besonders gern lese ich Gedichte von Chaim Nachman Bialik. Im Jahr 2000 habe ich das ihm gewidmete Museum in Tel Aviv besucht. Mein Herz hängt aber auch an dem Schriftsteller Mordecai Ze’ev Feuerberg, der sein ganzes kurzes Leben in Zvil verbracht hat. Einiges von Feuerberg wurde ins Englische übersetzt. Auf Deutsch gibt es die Erzählung Das Kälbchen. Gern würde ich selbst etwas von Feuerberg übersetzen, aber dazu reichen meine Deutschkenntnisse nicht.

Schon vor meiner Ausreise habe ich mich mit der Geschichte und Kultur meiner Heimatstadt beschäftigt. Damals in erster Linie mit den jüdischen Friedhöfen in der Oblast Zhitomir, zu der Zvil gehört. 1994 nahm ich Kontakt mit dem Rabbinat in Kiew auf, das gemeinsam mit einer Organisation aus den USA eine Dokumentation über jüdische Friedhöfe in der Ukraine erarbeitete. Ich bekam die Aufgabe, Friedhöfe in der Umgebung von Zvil aufzuspüren und zu dokumentieren.

Das war beschwerlich. Oft musste ich lange Wege mit Bahn, Bus und zu Fuß bewältigen. Die Ergebnisse wurden in umfangreiche Fragebögen eingetragen. Ich bekam sechs Dollar pro Fragebogen – für die damalige Zeit eine erhebliche Summe. Sie half mir, die Zeit zu überstehen, in der ich kein Gehalt bekam.

In Deutschland konnte ich mir mithilfe dieses Verdienstes und anderer Nebeneinkünfte einen Computer kaufen und, was besonders wichtig ist, meine Reisen finanzieren. Denn jedes Jahr fahre ich in meine alte Heimat, um mit Zeitzeugen zu sprechen, in Archiven zu arbeiten, jüdische Friedhöfe aufzuspüren und Grabsteine zu entziffern. Zeitzeugen gibt es immer weniger. Es leben nur noch 70 Juden in Zvil – zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren es mehr als 10.000!

flugzeug Früher fuhr ich mit dem Bus in die Ukraine, eine lange beschwerliche Reise. Seit vom kleinen Lübecker Flughafen regelmäßig eine Billigfluglinie nach Kiew startet, nehme ich das Flugzeug.

Viele Jahre habe ich mich auf jüdische Friedhöfe konzentriert. Dabei ist es nicht geblieben. Heute beschäftige ich mich mit der gesamten Geschichte und Kultur meiner Heimat. Früher musste ich die Dokumente im Archiv abschreiben, heute fotografiere ich sie. Eine große Zeitersparnis.

Zurück in Lübeck verbringe ich viele Tage damit, das Material auszuwerten. Die Ergebnisse fasse ich in Aufsätzen für verschiedene Print‐ und Onlinemedien zusammen. Für die 2010 erschienene Chronik von Novograd Volynskii habe ich Aufsätze über die Stadt zur Zeit des Russischen Reichs und während der Revolution geschrieben. Für meine Verdienste um die Stadt wurde ich 2010 mit einer Medaille geehrt.

Derzeit arbeite ich an einem Aufsatz über einen polnischen Priester aus Zvil, der 1938 von den Sowjets umgebracht wurde. Mir geht es darum, dass die nachfolgenden Generationen ihre Geschichte kennenlernen. Das habe ich zu meiner Lebensaufgabe gemacht, und sie macht mir viel Freude.

Aufgezeichnet von Marlies Bilz‐Leonhardt

Meinung

Was erlauben Schulz!

Was tun, wenn plötzlich ein AfD-Vertreter vor der Tür steht? Und obendrein noch behauptet, er sei Jude?

von Martin Krauss  26.03.2019

Porträt der Woche

»Eine Reise ins Ungewisse«

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019

Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

Knapper, präziser, jünger – die Jüdischen Kulturtage haben eine Wandlung vollzogen

von Annette Kanis  22.03.2019