Keren Hayesod

Der Geduldige

Zuhören gehört zu seinem Beruf: KH-Delegierter Jacob Snir Foto: Mike Minehan

Geduldig sein – das ist eine seiner Stärken. Er mag es, auf andere Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören und an ihren Lebensgeschichten teilzuhaben. Pompöse Reden, sich in den Mittelpunkt stellen – das sei nicht seine Art, betont Jacob Snir. »Ich bin ein zurückhaltender Mensch.«

Seit Juni ist der 66-Jährige als Delegierter von Keren Hayesod (KH) für Berlin zuständig. »Als Israeli für Israel etwas zu tun« – das ist für ihn wichtig. Snir hat sich viel vorgenommen, das Arbeitspensum ist enorm. Vergangene Woche besuchte er mehrere Städte in Deutschland, um Interessierte für die jüdische Wohltätigkeitsorganisation zu gewinnen. »In diesen Tagen stehen Büroarbeit und Besuche in Berlin an.«

Acht Jahre war er Europachef des KH, jetzt wollte er »noch einmal ins Feld«. Er ziehe es vor, in direktem Kontakt mit den Spendern zu stehen, als »nur« zu organisieren. Jacob Snir möchte die Menschen kennenlernen. »Für manche bin ich zum Ersatzpsychologen geworden, vor allem für die, die niemanden mehr haben.« Er melde sich regelmäßig bei ihnen und »schenke ihnen etwas Andacht«. Aber einen 100-prozentigen Erfolg, dass sie für KH spenden, gebe es nicht, räumt er ein. Seine Erfahrung sei aber schon, dass sich die Besuche lohnen, und je mehr er sich darum kümmere, desto mehr käme zurück.

Station Berlin kannte er bis dahin nur von zwei- bis dreitägigen Geschäftsreisen. »Nun wird es wahrscheinlich meine letzte Station für Keren Hayesod sein«, erzählt Jacob Snir. Zusätzlich betreut er für den Verein auch die Spendenkampagnen in Finnland und Norwegen. Vor allem das Leben in der Diaspora hat ihn so interessiert, dass er Israel noch einmal vorübergehend verlassen wollte, was er schon mehrmals getan hatte.

Als 22-Jähriger kam er 1968 aus Israel für die Zionistische Jugend Deutschlands nach München und war erstaunt. Es sei für ihn das erste Mal gewesen, eine jüdische Gemeinde außerhalb Israels kennenzulernen und schließlich so ein Leben mitzugestalten. »Die Diaspora ist eine strategische Notwendigkeit und eine wunderbare Erscheinung jüdischen Lebens. Das waren zwei Jahre, die mein Leben nachhaltig prägten«, sagt der Vater von drei heute erwachsenen Kindern. Anschließend ging er für die Jewish Agency nach Holland.

»Die jeweiligen Sprachen zu lernen, fiel mir leicht.« Später arbeitete der Soziologe in Israel in der Industrie. Anfang der 90er-Jahre gründete er dann zusammen mit seiner Frau in Jerusalem eine Sprachschule. Vor allem Zuwanderer sollten ausgebildet werden. Aber das Geld habe nicht ausgereicht, und deshalb hätten sie ein Fundraising-Modell zur Finanzierung entwickelt. Das war dann so erfolgreich, dass er von Keren Hayesod in die USA eingeladen wurde, um es vorzustellen.

Er blieb dort, denn die Organisation war an ihm und seinen Erfahrungen so interessiert, dass er KH-Delegierter wurde. Nach fünf Jahren wurde er nach Holland geschickt, das er aus den 70er-Jahren schon kannte. Und als die Stelle des Europachefs bei KH neu besetzt werden sollte, wusste er, dass das seine Chance war. Er bewarb sich – und bekam den Job. Die Jahre in Jerusalem seien kompliziert gewesen, resümiert er.

Die Organisation sei in fast allen europäischen Ländern, von Finnland bis nach Griechenland, vertreten. Das sei ein großer heterogener Raum, mit unterschiedlichen Traditionen und vielen Sprachen. »Das war nicht immer leicht zu handhaben.« Erschwerend komme hinzu, dass Keren Hayesod mittlerweile keine Monopolstellung mehr habe. Mehrere Tausend Organisationen bitten in Israel um Spenden. »Da müssen wir schneller, klüger und attraktiver sein. Also, eine halbe Stunde früher da sein.« Das schaffe man wiederum nur durch harte Arbeit und mit viel Geduld.

Im Jerusalemer Büro gebe es 80 Mitarbeiter und über die ganze Welt verstreut 35 Delegierte. Das sei der professionelle Kern. Die eigentliche Arbeit aber würden die über 1.000 ehrenamtlichen Funktionäre leisten, die in der ganzen Welt aktiv seien, sagt Snir. 180 Millionen US-Dollar fließen jährlich nach Israel, und KH sei die größte Fundraising-Organisation. Mit den Spenden würden Projekte, Programme, neue Gebäude und Stipendien finanziert, Holocaustüberlebende und Siedlerprojekte unterstützt.

Familie Aufgewachsen ist Jacob Snir im Kibbuz Kfar Szold im Norden Israels. Seine Eltern verließen 1931 Rumänien als junge Pioniere und gründeten den Kibbuz. Schon als kleiner Junge habe er den zionistischen Geist verinnerlicht, sagt er. Doch um internationale Beziehungen und Soziologie zu studieren, entschloss er sich, den Kibbuz zu verlassen.

Seiner Frau falle es im Gegensatz zu ihm sehr schwer, sich mit Deutschland zu arrangieren. Hauptsächlich wegen der Schoa – aber auch, weil das erste Enkelkind gerade ein Jahr alt ist. Derzeit ist sie noch in Jerusalem und arbeitet an der Übergabe der Sprachschule, damit sie in einigen Monaten nachkommen kann.

»Die Deutschen sind so ein nettes Volk, ich verstehe nicht, wie es zur Schoa kommen konnte«, sagt Jacob Snir. Ständig grübele er über diese Frage und lese nur noch Bücher zu diesem Thema. »Ich bin obsessiv in die Geschichte eingetaucht«, sagt er. Und sucht eine Antwort – auch dafür wird er viel Geduld brauchen.

Köln

»So klingt das Leben!«

Festival SHALOM-MUSIK.KOELN startet mit einer Hommage an die Dichterin Hilde Domin. Klang des Schofars ruft zum Zuhören

von Claudia Irle-Utsch  02.09.2026

Bildung

Neues ELES-Stipendium unterstützt jüdische Mediziner bei ihrer Promotion

Die Bewerbungsphase beginnt heute. Vorgesehen ist eine Förderung über zwölf Monate

 02.09.2026

Mitzvah Day

Gemeinsam. Füreinander.

Der »Tag der guten Taten« steht wieder vor der Tür

 02.09.2026

Ehrenamt

Zeit für andere

Vereine, Institutionen und auch Gemeinden bauen auf sie: Menschen, die sich freiwillig für jüdisches Leben engagieren. Zwei Projekte werden nun ausgezeichnet

von Katrin Richter  02.09.2026 Aktualisiert

Musik

»Wir müssen laut sein. Stark sein. Kämpfen«

Der Rapper Ben Salomo hat in den sozialen Medien eine eindringliche Botschaft an die jüdische Gemeinschaft gerichtet. Was ihn zu dem Appell bewegt hat, erklärt er im Gespräch mit JA-Videoredakteur Jan Feldmann

von Jan Feldmann  02.09.2026

Statistik

Mehr als viele denken

Zwar altern die Gemeinden hierzulande – und doch kommen neue Mitglieder hinzu

von Chajm Guski  02.09.2026

Interview

»Wir haben den Wiederaufbau im Kopf«

Fünf Minuten mit Charlotte Geva über eine Reise nach Czernowitz und Unterstützung für eine Kinderklinik

von Christine Schmitt  01.09.2026

Mode

»Die Kippa gehört zum Outfit«

Jonathan Hirsch über edle Stoffe zu den Feiertagen, stilistische Entgleisungen und die jüdische Kopfbedeckung als Accessoire

von Mascha Malburg  01.09.2026

Mainz

Besucherzentrum an Welterbe-Friedhof öffnet seine Türen

Nach zweijähriger Bauzeit öffnet am Gelände des historischen Mainzer Judenfriedhofs ein Besucherzentrum. Der Friedhof selbst war fünf Jahre zuvor zum Weltkulturerbe ernannt worden

 01.09.2026