Ausbildung

Der Fragende

Talmud und Halacha: Das sind derzeit die Themenschwerpunkte für Boruch Binyamin Kochan. Er ist aber auch schon in der praktischen Rabbinerausbildung. Foto: Mike Minehan

Von außen ahnt man nicht, dass sich auf diesem Hinterhof in Berlin‐Mitte eine eigene Welt verbirgt. Aber wer durch die Eingangstür tritt, blickt auf ein »Zentrum für jüdisches Leben und Lernen«, das seit 2006 hier in der Brunnenstraße residiert – die Yeshivas Beis Zion, ein Kindergarten, Wohnungen, ein Speisesaal und das Rabbinerseminar zu Berlin. Im Mittelpunkt die Synagoge Beth Zion, die 1938 in der »Pogromnacht« nur deswegen nicht komplett niedergebrannt wurde, weil die Nazis nicht wollten, dass das Feuer auf das auch von Nichtjuden bewohnte Hauptgebäude übergreift.

In der DDR als Lagerhaus benutzt, wurde der ehemalige Sitz des Hildesheimerschen Rabbinerseminars Jahre nach der Wende hergerichtet und dient heute wieder seinem ursprünglichen Zweck, jungen Männern Unterweisung in jüdischer Gelehrsamkeit zu geben.

Einer von ihnen ist Boruch Binyamin Kochan (24), der sich zurzeit im zweiten Jahr seiner Rabbinerausbildung befindet. Im Gebetsraum diskutiert er mit einem Kommilitonen über eine schwierige Talmudstelle. Über den ganzen Raum verteilt, an den Tischen und auf den Bänken sitzend oder an Pulten stehend, sind die Studenten in Zweier‐ und Dreiergrüppchen ins Gespräch vertieft. »Jeden Tag von neun bis zwölf widmen wir uns dem Talmud«, erklärt Binyamin.

Im Jahr 2006 war er zum ersten Mal mit der Yeshivas Beis Zion in Kontakt gekommen. Da war er gerade aus Regensburg nach Berlin gezogen, um an der Jüdischen Oberschule sein Abitur zu machen und in den Abendstunden Kurse an der Jeschiwa zu besuchen. »Natürlich nur dann, wenn ich keine Referate oder Klausuren vorzubereiten hatte«, sagt Binyamin. Rabbiner werden wollte er zwar auch damals schon – es war ihm aber wichtig, vorher sein Abitur zu machen.

Begeisterung Geboren ist Binyamin im russischen Magadan. »Ganz weit im Osten, praktisch schon Alaska«, sagt er augenzwinkernd. Gelebt hat er dort allerdings nur zwei Jahre, dann zogen seine Eltern mit ihm in die Nähe von Moskau. Als er 14 war, ging die Familie nach Deutschland, nach Magdeburg. Dort begann der Teenager erstmals, sich mit seinem Judentum zu beschäftigen.

»Meine Eltern waren nicht religiös, überhaupt wurde das jüdische Thema in unserer Familie nicht erwähnt«, erinnert er sich. Doch im Aufnahmeheim für russische Zuwanderer kam er mit anderen jungen Juden in Kontakt, ein Freund nahm ihn irgendwann mit in die Magdeburger Synagoge. Binyamin war begeistert: »Zuvor hatte ich noch nie eine Synagoge von innen gesehen.«

Damals fing Binyamin auch an, Bücher über jüdische Geschichte zu lesen, von Josephus Flavius bis Lion Feuchtwanger. »Mir wurde bewusst, dass ich zu einem Volk gehöre, das eine Geschichte hat. Doch dann habe ich begriffen, es ist nicht nur Geschichte – es ist auch ein Tun. Ich wollte wissen: Warum singt man an Kabbalat Schabbat? Was ist der Siddur, welche Bedeutung hat Pessach?«

Smicha Und so kam es, dass sich Binyamin Kochan in die jüdischen Studien vertiefte und sich heute dem Rabbinatsstudium widmet – als einer von acht jungen Männern, die meisten ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion, die hier in Vollzeit auf ihre Smicha hinarbeiten. Der erste Jahrgang wurde 2009 in München ordiniert. Die bislang vier Absolventen des Rabbinerseminars arbeiten heute in den Gemeinden Freiburg, Leipzig, Magdeburg und Potsdam. Im September dieses Jahres werden vier weitere Jungrabbiner auf einer Feier in Köln ihre Smicha erhalten.

Doch nicht jeder will unbedingt Rabbiner werden. Insgesamt hat die Jeschiwa, die 2000 von der Ronald S. Lauder Foundation gegründet wurde, derzeit mehr als 40 Studenten, die, oft neben dem Studium an einer Universität, Talmud und Tora lernen wollen. Dann gibt es noch zahlreiche Interessierte, die regelmäßig oder gelegentlich zu den Lehrveranstaltungen kommen.

Mietpreise Doch für Binyamin heißt es »alles oder nichts«. Er lebt im Internat des Zentrums – zumindest bis zum Sommer, dann wird er heiraten und sich mit seiner Frau, die er in Israel kennengelernt hat, eine Wohnung in der Nähe suchen. »Leider steigen die Mieten in Mitte immer weiter an«, weiß Binyamin.

Doch er will unbedingt in der Gegend wohnen bleiben, um Synagoge und Seminar zu Fuß erreichen zu können – ebenso wie etwa 60 jüdische Familien, die im Viertel um die Brunnenstraße wohnen. »Das ist eine richtige Gemeinde«, sagt Binyamin begeistert, »wie Golders Green in London, nur kleiner.« Doch in ein Land ziehen, in dem jüdisches Leben selbstverständlicher ist, möchte er nicht. »Ich will als Rabbiner unbedingt in Deutschland bleiben und das jüdische Leben hier aufbauen. Dazu muss man eine Menge wissen.«

Und damit ist nicht nur das Studium von Talmud und Halacha gemeint, obwohl das natürlich die Schwerpunkte der Ausbildung sind. Das Rabbinerseminar, das vom Zentralrat der Juden mitgetragen wird, arbeitet mit der Fachhochschule Erfurt zusammen, die den Studiengang Jüdische Sozialarbeit anbietet. Daran nehmen alle Rabbinatsstudenten teil. »Ein Rabbiner ist nicht nur fürs Kerzenanzünden da«, sagt Binyamin bestimmt. »Er muss wissen, wie eine Schule, ein Kindergarten, eine Gemeinde funktioniert.«

Praktikum Außerdem wird jedem Anwärter eine bestimmte Gemeinde zugeteilt – im Falle Binyamins ist es Frankfurt an der Oder –, mit der er mindestens einmal im Monat den Schabbat feiert oder in der Sonntagsschule Unterricht für die Kinder gibt. »So ein Praktikum ist wichtig«, betont Binyamin, »um bei allem Wissen auch einen Kontakt zu den Gemeinden zu bekommen.« Daher schließt die Ausbildung – nach dem Einführungsjahr, in dem unter anderem die Kenntnis des Althebräischen und des Aramäischen vermittelt wird, und dem eigentlichen Studium am Rabbinerseminar – im Anschluss an die Ordination mit einem praktischen Jahr ab.

Es gibt also viel zu tun hierzulande. »Oft höre ich, gerade von amerikanischen Juden, die Frage: Wie kannst du als Jude in Deutschland leben? Aber ich bin schon hier, seit ich 14 bin, für mich ist es ganz normal, genauso, wie Juden in England, Frankreich oder Spanien leben.«

Dennoch setzt Binyamin, wenn er in der Stadt unterwegs ist oder wenn er zum Ausgleich für das viele Lernen durch den Park joggt, eine Baseballkappe auf den Kopf. »Nicht, weil ich jemals bedroht worden wäre, sondern weil die Leute manchmal wegen der Kippa komisch gucken.« Damit ist er nicht alleine. »Wenn bei Lidl in der Brunnenstraße fünf Männer mit Baseballkappe an der Kasse stehen, weiß man schon Bescheid«, sagt er lachend. Er selbst besitzt gleich mehrere. »Wenn man nie ohne aus dem Haus geht, braucht man Abwechslung.«

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