Berlin

Der Dolmetscher

Nicholas Yantian: »Ich bin in diesen Beruf hineingewachsen.« Foto: Stephan Pramme

Er ist Brite und Israeli. Er lebt in Deutschland und wuchs in der Schweiz auf. Er spricht Deutsch, Iwrit, Englisch, Französisch und Italienisch. Seine Mutter stammt aus Ungarn, die Familie seines Vaters aus der Ukraine und sein Nachname ist identisch mit dem eines Stadtbezirks und Hafens im chinesischen Shenzhen. Was ist man da, Weltbürger? »Ich denke, ich habe von allem etwas. Aber vor allem die jüdische Identität. Das ist mein stärkster Bezug, die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, mehr säkular als religiös. Das ist mir sehr wichtig«, sagt Nicholas Yantian. Und was wird man, wenn man von allem etwas hat? Übersetzer.

Arbeitszimmer In Nicholas Yantians Wohnung in Wilmersdorf ist das Arbeitszimmer der zentrale Raum. Hier stapeln sich Urkunden, Verträge, Rentenversicherungsunterlagen. Er übersetzt Artikel aus Zeitungen, bekommt Aufträge von Bundesbehörden, Parteien, von der israelischen Botschaft und jüdischen Gemeinden.

Es melden sich Verlage, die Übersetzungen aus dem Iwrit benötigen und junge Israelis, die nach Berlin kommen. So viele, dass er kaum nachkommt. Sie alle müssen Dokumente beglaubigt übersetzen lassen. Geburtsurkunden, Schulzeugnisse, Studienunterlagen. »Man merkt wirklich, dass immer mehr junge Israelis hier studieren oder bleiben wollen. Und ich habe die Er‐
fahrung gemacht, dass die arabischen Israelis mehr Heimweh haben als die jüdischen. Neulich war jemand hier, der hat fast geweint, weil es hier kein gutes Hummus gibt.« Nicholas Yantian lacht. Er lässt sich sein Hummus aus Israel kommen. »Das ist eben besser.«

Stimme Er spricht ein hartes »r« und einen leichten, schweizerischen Singsang. Seine Stimme ist tief, ein Timbre, das man so schnell nicht vergisst. Seine Sprache klar, gewählt und präzise. Man hört ihm gerne zu, und nach einer Weile glaubt man beinahe, einem Nachrichtensprecher oder einem Vorleser gegenüberzusitzen. So gewinnen seine Worte stets etwas Gewichtiges, selbst wenn er Sätze sagt wie: »Wenn man viel allein zu Hause arbeitet, muss man auch mal raus.«

Also beginnt sein Tag meist mit Espresso und Zeitungen im Café. »Ich bin passionierter Zeitungsleser und da bleibe ich ein altmodischer Mensch. Natürlich bekommt man heute alle israelischen Zeitungen im Internet, aber ich brauche das haptische Erlebnis, die Zeitung in der Hand.« Seine Wohnung liegt nicht weit vom Kudamm – die Auswahl an Kaffeehäusern in Fußläufigkeit ist groß.

Nicholas Yantian ist landgerichtlich beeidigter Übersetzer für Hebräisch und Englisch. Er bekommt Aufträge über verschiedene Dolmetscher‐Webseiten, auf denen er mit Iwrit in der »Exoten‐Liste« geführt wird. Die meisten Verbindungen aber kommen durch eigene Leistung zustande: Man kennt und empfiehlt ihn einfach weiter. Einen großen Bereich seines Schaffens bildet das Simultandolmetschen. »Das ist kommunikativer als die schriftliche Tätigkeit zu Hause, man ist mit Menschen zusammen. Der Druck ist groß, das gesprochene Wort ist viel schneller, aber das macht Spaß.«

Simultanübersetzung Simultan bedeutet: der Übersetzer sitzt während eines Kongresses oder einer Rede in einer Kabine und übersetzt während der Referent spricht, so schnell und genau es eben geht. Oder man sitzt an einer »Flüsteranlage« in der Nähe der Zuhörer und spricht leise ins Mikrofon. »Das muss man sich vorstellen wie einen kleinen Koffer.« Seine Zuhörer empfangen ihn ebenso über Kopfhörer. »Die Methode ist weniger aufwendig und kostengünstiger als die Kabine.« Bei kleinen Gruppen sitzt Yantian auch mal direkt neben seinen Zuhörern und »flüstert« ihnen seine Übersetzung ohne Anlage zu.

Zum anderen gibt es die konsekutive Übersetzung: »Der Übersetzer notiert und gibt das Gesprochene in Blöcken und zeitverzögert wieder. Jeder entwickelt da seine eigene Art, Stichworte zu notieren. Etwa sogenannte Scharniere, Konjunktionen wie ›aber‹ oder ›deshalb‹, die den Text strukturieren, zusammen mit im Text darauf folgenden Themenstichpunkten.« Die Ausformulierung erfolgt dann meist spontan. »Das ist eine große Belastung für das Gedächtnis.« Yantian bevorzugt das Simultane. »Man entwickelt einen sechsten Sinn, und es ist die Schnelligkeit des Mediums, die mich fasziniert.«

Dergestalt arbeitet er für deutsch‐israelische parlamentarische Austauschgruppen. Er begleitete Mitglieder der Knesset, die allerdings auf konsekutiver Übersetzung bestehen. »Es ist auch gut, immer zu zweit zu arbeiten, weil der Druck sehr hoch ist. In der Kabine kann man nicht länger als eine halbe Stunde dolmetschen, weil es so anstrengend ist. Da muss man sich ab‐
wechseln.«

Herkunft Nicholas Yantian ist eigentlich Quereinsteiger in seinem Beruf. Er hat in Israel und Deutschland Geschichte und Judaistik studiert. Er wurde in Birmingham geboren. Die Familie seines Vaters stammt aus dem zaristischen Russland. Yantians Mutter ist in Ungarn zur Welt gekommen. Sie überlebte den Holocaust dort versteckt. Nach dem Krieg arbeitete sein Vater, ein Ökonom, zunächst für die Hilfsorganisation Joint in der britischen Zone Österreichs. »Er sprach Deutsch und wollte sich um die Überlebenden kümmern.« Auch Yantians Mutter konnte fließend Deutsch – und dazu noch Englisch, Französisch und Italienisch. Sie fand eine Stelle als Sekretärin für den Joint, so lernten sich seine Eltern kennen.

1952 bekam sein Vater das Angebot, für eine britische Firma in der Schweiz zu arbeiten. Damals wuchs Yantian in Zürich auf. Dort wurde er aktiv in der zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hazair – und begann, Hebräisch zu lernen. Mit 20 Jahren ging er nach Israel in den Kibbuz Baram an der libanesischen Grenze. »Über den Zionismus wollte ich meiner jüdischen Identität Ausdruck verleihen, mein Judentum entdecken und leben. Nach zwei Jahren wurde mir klar, dass das Kibbuzleben nichts für mich ist.«

Er studierte in Haifa allgemeine und nahöstliche Geschichte sowie Pädagogik. Arbeitete als Guide im Diaspora‐Museum in Tel Aviv und im Institut Massuah zum Thema Antisemitismus. 1986 ging er nach Deutschland. »Ich wollte Zeit in Europa verbringen und hatte ein Angebot der Jüdischen Gemeinde Hannover.« Dort kümmerte er sich um das Jugendzentrum und gab Religionsunterricht. Drei Jahre später zog er nach Berlin – »da gab es mehr Möglichkeiten, und für ein Jugendzentrum ist man irgendwann zu alt.«

Beruf Immer wieder hatte er mit Sprachen und Übersetzungen zu tun. »Ich bin in diesen Beruf hineingewachsen.« Eine Weile übersetzte er bei der BfA deutsch‐israelische Rentenverträge. Mit der Atmosphäre einer deutschen Behörde wollte er sich lange nicht anfreunden. Aber dabei konnte er, schon wie aus einer alten Familientradition heraus, seine Magisterarbeit in Judaistik über Displaced Persons schreiben. Dann machte er sich selbstständig.

Nicholas Yantian hat einen 14‐jährigen Sohn, der die 9. Klasse eines deutsch‐englischen Gymnasiums besucht. Der Filius scheint das Sprachtalent der Familie geerbt zu haben. »Ich habe es aber auch konsequent durchgezogen, von Geburt an mit ihm Englisch zu sprechen. Am Anfang hat er noch auf Deutsch geantwortet – jetzt unterhalten wir uns nur auf Englisch. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob er Übersetzer wird.«

Ist das denn überhaupt noch ein Beruf mit Zukunft? »Das kommt auf die Sprachkombination an. Es gibt einen Riesenbedarf, aber mit konventionellen Sprachen wie Deutsch und Englisch allein wird man es schwer haben.« Die Sache kann lohnen: »Die meisten hebräischen Dolmetscherarbeiten sind gut bezahlt. Allerdings gibt es nicht ständig Aufträge.« Fazit und Los des Freiberuflers: »Man wird nicht reich, aber ich kann gut davon leben.«

Seit 15 Jahren unterrichtet Nicholas Yantian Hebräisch an der Jüdischen Volkshochschule in der Fasanenstraße. Das sieht er als eine Art Hobby, und »das ist sehr dankbar. Erwachsene Schüler sind wirklich bei der Sache.« Zudem hält ihn die Arbeit mit Jugendlichen jung. Im Rahmen des stetig wachsenden Jugendaustausches wird er oft gebraucht. »Früher war das noch sehr einseitig. Da gingen deutsche Jugendliche von Aktion Sühnezeichen nach Israel. Ich habe vor Kurzem für Organisationen gedolmetscht, die diesen Austausch vorantreiben wollen. Das finde ich spannend.«

So lebt die Verbindung zu Israel in seinem Beruf weiter. Demgemäß seine Passion: »Das junge israelische Kino. Das hat sich derart enorm entwickelt. Jedesmal, wenn ich in Israel bin, decke ich mich mit Filmen ein.«

Und dann bekommt er einen Glanz in den Augen. »Ich weiß nicht, wohin mich das Leben noch verschlägt, keine Ahnung. Jetzt bleibe ich erst mal hier, solange mein Sohn zur Schule geht.« Nicholas Yantian ist ein Weltbürger, der seine Heimat gefunden hat. »Ich liebe Berlin.« Einstweilen, jedenfalls.

Porträt der Woche

»Eine Reise ins Ungewisse«

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019

Düsseldorf

Zu Hause an Rhein und Ruhr

Knapper, präziser, jünger – die Jüdischen Kulturtage haben eine Wandlung vollzogen

von Annette Kanis  22.03.2019

Nachruf

Mahner und Gelehrter

Am Donnerstag verstarb Rabbiner Ernst Stein im Jüdischen Krankenhaus Berlin

von Rabbiner Andreas Nachama  22.03.2019