München

»Der Beginn von Auschwitz«

Charlotte Knobloch vor der Grundsteinkapsel aus der früheren Hauptsynagoge Foto: Marina Maisel

Für die Juden in München ist der 9. Juni ein zentrales Datum der Erinnerung. An jenem Tag im Jahr 1938 wurde die Israelitische Kultusgemeinde buchstäblich grundlegend erschüttert. Ihre prächtige Hauptsynagoge wurde auf persönlichen Befehl Hitlers innerhalb weniger Stunden dem Erdboden gleichgemacht. Es war der Tag, an dem wir unsere Heimat verloren haben. Dieser Tag war das unheilvolle Vorzeichen des nahenden 9. November im Jahr 1938 – wie wir alle wissen: der Beginn von Auschwitz.

Am 9. Juni vor 75 Jahren begann der willkürliche, herz- und hemmungslose Abriss unserer einst prächtigen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße. Ich habe diese Tage als knapp sechsjähriges Mädchen erlebt. Doch die Erinnerung daran lässt in mir schlagartig die Beklemmung und die lähmende Fassungslosigkeit wiederaufleben.

Aussicht Mit meinem Vater hatte ich die Hohen Feiertage stets dort verbracht. Als Kind liebte ich den wuchtigen Bau mit seinem achteckigen Turm, den kleineren Türmen an den Seiten und den großen Fensterbögen. Ich sehe mich noch, wie ich die hohen Stufen des Treppenhauses zur Frauengalerie hinaufklettere. Von dort eröffnete sich die beste Aussicht auf den prächtigen Raum, in dessen Zentrum der reich verzierte Toraschrein unter einem kräftigen steinernen Bogen stand. Durch große Fensterrosetten fiel der Sonnenschein hinein und brachte mit den stattlichen Leuchtern, die von der hohen Decke hingen, den riesigen Raum zum Strahlen.

Am 9. Juni 1938 wurde diese Synagoge zerstört – ein weiterer Meilenstein auf dem Weg der Entrechtung und Vernichtung der Juden in Deutschland. Ich sehe meine Großmutter vor mir, wie sie angesichts der Berichte meines Vaters vom Fortgang der Zerstörung in sich zusammensackt. Jene Frau, die mir so unglaublich stark erschien, von der ich dachte, sie hätte Energie für uns drei – an diesem Tag lernte ich die Grenzen ihrer Kraft kennen. Dieses Ereignis überstieg die Vorstellungskraft auch ihres Verstandes. Nie werde ich das Bild dieser zutiefst religiösen Frau vergessen können, wie ihr die Tränen über das Gesicht laufen, wie sie erfolglos um Fassung ringt – und in der Leere nach Antworten sucht für das Unbegreifliche.

Dieses singuläre Verbrechen darf nie vergessen und nicht verharmlost werden. Für eine kluge Erinnerungskultur aber ist es entscheidend, dass sie nicht in der Fassungslosigkeit angesichts des Geschehenen verharrt, sondern sich der Zukunft zuwendet. Niemals sollten wir vergessen, was geschah. Niemals sollten wir vergessen, was man geschehen ließ, und niemals sollten wir vergessen, wie leicht es fiel.

Tendenzen Nur so wird die Zerbrechlichkeit von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde offenbar. Nur so verstehen wir, warum es so unerlässlich ist, jeden Tag für unsere fundamentalen Werte einzutreten und sie gegen antidemokratische Tendenzen, Hass und Intoleranz zu verteidigen. Das ist es, was eine gefestigte Gesellschaft ausmacht und was in letzter Konsequenz über ihren Fortbestand und die gute Zukunft der nachfolgenden Generationen entscheidet.

Mit unserer neuen Synagoge Ohel Jakob und dem Gemeindezentrum haben wir wieder unseren Platz im Herzen der Stadt. Mit der geretteten Grundsteinkapsel aus der vernichteten Synagoge im Vorraum werden Erinnerung und Verbindung zu unserer Gegenwart für immer sichtbar und präsent sein.

Wenn ich an die Grundsteinlegung für unser neues Haus denke, sehe ich wieder die ganze Bandbreite von Angst bis Freude. Da ist einmal der nur knapp vereitelte Anschlag Rechtsradikaler. Dieser zeigt, dass wir nach wie vor wachsam sein müssen. Er zeigt aber auch, dass wir heute Vertrauen in unseren demokratischen Staat haben dürfen.

Vertrauen Dieses Vertrauen hat die Bevölkerung gespürt und aufgegriffen aus einem kleinen Stichwort meiner Ansprache damals: »Die Koffer sind ausgepackt, wir sind in Deutschland angekommen.« Viele Jahre hätte ich dies nicht für möglich, nicht einmal für denkbar gehalten, angesichts der singulär schrecklichen Katastrophe, in welche Menschen ihresgleichen in diesem Land gestürzt hatten.

Deshalb gilt heute und in Zukunft: Unser Gemeinwesen braucht Zivilcourage und den festen Willen aller Menschen, daran zu arbeiten, dass unsere Heimat lebens- und liebenswert für alle bleibt, die bereit sind, offen, tolerant und in gegenseitigem Respekt zusammenzuleben.

Josef Schuster

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