Solidarität

Demos, Spenden und Gebete

Parteinahme für Israel: Rabbiner Yitshak Ehrenberg bei einer Kundgebung am Sonntag in Berlin Foto: Mike Minehan

Fast hautnah erlebten viele Juden in Deutschland via E-Mail, Facebook oder Skype das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde in Israel mit. Viele hörten von Angehörigen, dass sie zum Militärdienst einberufen wurden. Bis zu 75.000 Israelis mussten angesichts der Gewalteskalation aus dem Gazastreifen mit der Einberufung rechnen.

Beschwichtigende Mails, wie sie Küf Kaufmann, der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, am Wochenende erhielt, verfehlen ihre Wirkung: »Seid unbesorgt, Papa hat gesehen, wie eine Rakete abgefangen wurde«, lautete eine der Nachrichten. Eine andere: »Wir sind in Sicherheit im Keller.«

Hilflosigkeit Wirklich beruhigen konnten solche Botschaften nicht. »Die Lage ist ernst, und die Entfernung verstärkt die Sorge«, beschrieb Hagay Feldheim, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Hagen, die Stimmung.

»Wir alle machten uns furchtbare Sorgen und finden ein bisschen Trost darin, dass wir miteinander darüber sprechen konnten«, ergänzt Judith Neuwald-Tasbach, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen. Am schlimmsten sei die Hilflosigkeit, findet sie. »Man fühlt sich wirklich ganz fürchterlich: Wir leben hier in Sicherheit, und dort befanden sich die Verwandten und Freunde in dieser schrecklichen Situation. Und wir konnten nichts tun, außer hoffen und beten. Das ist wirklich belastend.«

Der ständige Raketenhagel durch die Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung müsse endlich ein Ende haben, forderte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. »Bisher wurde dieser tagtägliche Terror, ausgeführt durch die diktatorische, brutale Terrorfiliale des Irans im Gaza, von der Weltöffentlichkeit viel zu oft ignoriert und stillschweigend hingenommen.« Durch den Raketenangriff auf Tel Aviv hatte die Bedrohung nun eine neue Dimension erreicht, so Graumann weiter.

Unterstützung Bedrückung herrschte in den jüdischen Gemeinden im ganzen Land. Der Gaza-Konflikt war das beherrschende Thema: zu Hause, wenn die Menschen mit Bangen die Nachrichten verfolgten oder vor dem Computer auf Neuigkeiten aus der Gefahrenzone warteten, in den Gemeindezentren, in denen diskutiert wurde, wie man die Opfer der Raketenangriffe unterstützen kann, in den Synagogen, wo am Schabbat überall besonders für die Menschen in Israel gebetet wurde.

»Der Mische Berach (der Segen für die Kranken) für das Land Israel wurde stehend und mit besonderer Andacht gesprochen«, berichtete Hagay Feldheim. In Halle an der Saale betete die jüdische Gemeinde für den Frieden in Israel und für die Angehörigen der israelischen Streitkräfte. Die Besorgnis in Sachsen-Anhalt war besonders groß, weil sich eine Reisegruppe aus den jüdischen Gemeinden Halle und Dessau in Israel befand, just als sich der Konflikt zuspitzte, berichtete Max Privorozki, Vorsitzender der Gemeinde Halle.

sPENDEN Am Wochenende beschlossen die jüdischen Gemeinden Halle und Magdeburg spontan, alle Einnahmen aus dem Ticketverkauf für ihre Chanukka-Bälle dem Staat Israel zu spenden. Die jüdische Gemeinde in Villingen-Schwennigen rief auf ihrer Internetseite zu Spenden für die Opfer in Israel auf. Mit den Erträgen sollte die medizinische Versorgung der israelischen Verletzten unterstützt werden. Die Jüdische Gemeinde Chemnitz wird bei ihrer nächsten Gemeinderatsitzung entscheiden, ob und wie sie den Menschen in Israel finanziell beistehen kann.

Viele Gemeinden unterstützten die Spendenaufrufe des Jüdischen Nationalfonds und von Keren Hayesod. Der Jüdische Nationalfonds Keren Kayemeth LeIsrael (JNF-KKL) öffnet sein Sommercamp »Nes Harim« bei Jerusalem, um Kinder und Familien aus der Gefahrenzone zu schaffen. »Damit wir das Angebot möglichst vielen machen können, benötigen wir finanzielle Unterstützung. Allein für ein Kind betragen die Kosten 180 Euro. Jeder Euro hilft«, erklärte Shaul Chorev, Hauptdelegierter des Jüdischen Nationalsfonds für Deutschland. Zu den Spendenrückläufen aus den jüdischen Gemeinden konnten die Hilfsorganisationen Anfang dieser Woche noch nicht viel sagen.

Kundgebungen Ihren Beistand für Israel demonstrierten viele jüdische Gemeinden in Deutschland aber nicht nur durch Geldspenden. Am Wochenende versammelten sich rund 300 Israel-Unterstützer am Joachimsthaler Platz in Berlin zu der Kundgebung »Solidarität mit Israel – free Gaza from Hamas«. Im Laufe dieser Woche sind weitere Pro-Israel-Kundgebungen in mehreren deutschen Städten geplant.

»Wir sind hier, um die Wahrheit all den Verzerrungen entgegenzusetzen, die hierzulande so oft verbreitet werden«, sagte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, im Rahmen der Berliner Veranstaltung am vergangenen Sonntag. Israels Regierung habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihre Bürger zu beschützen.

Dieselbe Auffassung vertritt der Deutsche Israelkongress, der sich am vergangenen Freitag mit einer Solidaritätserklärung an die Öffentlichkeit wandte. Darin heißt es: »Es gibt keine Rechtfertigung für die Gewalt, die Hamas und andere brutale Terrorfilialen des Iran in Gaza seit Monaten und Jahren gegen das israelische Volk ausüben. Der ständige Raketenhagel durch Terrorgruppen aus dem von der Hamas regierten Gazastreifen auf Israel muss endlich ein Ende haben!« Zahlreiche jüdische Gemeinden unterzeichneten die Stellungnahme.

Diese Forderungen sprachen auch Nathan von Schneer-Hirschfeld aus dem Herzen. Der zweite Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Villingen-Schwenningen fand deutliche Worte: »Wir sehen die Lage in Israel positiv und hoffen, dass die Regierung jetzt die richtigen Schritte einlenkt. Ich bin pro Krieg eingestellt, obwohl ich persönlich viele Freunde in Tel Aviv habe. Aber ständiges klein beizugeben hat Israel in der Vergangenheit nicht geholfen.«

Gaza-Blockade Es muss sich grundlegend etwas ändern im Konfliktgebiet, darin sind sich die meisten jüdischen Gemeinden einig. In der jüdischen Gemeinde Oldenburg drehten sich die Gespräche am Wochenende zum Beispiel um die Blockade des Gazastreifens: »Einige erhoffen sich von der derzeitigen Situation ein Umdenken der Regierung, denn die dauerhafte Blockade schadet Israel doch mehr, als sie nützt«, meint der stellvertretende Gemeindevorsitzende Jehuda Wältermann.

Judith Neuwald-Tasbach aus Gelsenkirchen räumte ein: »Es konnte ja nicht so weitergehen mit den Beschüssen aus Gaza. Aber man hat eben Angst um die Menschen. Jede Minute, die sich der Konflikt länger hinzog, konnte mehr Menschenleben kosten. Der Krieg war plötzlich so nahe gerückt.«

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