JSUD

»Das positive Judentum zeigen«

»Ein jüdisches Narrativ in nichtjüdische Themen bringen«: Michael Ushakov Foto: Gregor Zielke

JSUD

»Das positive Judentum zeigen«

Michael Ushakov über eine Auszeichnung, Pläne für das Jahr 2020 und Verantwortung von Studierenden

von Katrin Richter  09.01.2020 15:44 Uhr

Herr Ushakov, »JewishANDProud« – auch die Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD) hat sich auf Instagram an dieser Kampagne des American Jewish Committee mit Storys beteiligt. Was verbinden Sie mit diesem Hashtag?
Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen Probleme mit dem Wort Stolz habe. Natürlich verstehe ich die Message hinter dieser Kampagne – wir als JSUD unterstützen sie ja. Dennoch musste ich mich erst einmal fragen: Wie geht man damit um? Ich kann stolz auf Dinge sein, die ich selbst tue. Aber kann ich stolz auf meine Herkunft sein? Vielmehr geht es doch darum, jeden Teil seiner Identität zu akzeptieren, ihn nach außen zu zeigen und auch zeigen zu können. Zu verstehen, dass die Individualität und der Reichtum an Hintergründen unsere Gesellschaft bereichert und sie bunter macht, ist wichtig. Deswegen sind wir »jüdisch und stolz«.

Dieser Hashtag wurde am vergangenen Sonntag auch bei der großen New Yorker Solidaritätsdemonstration für die Opfer des antisemitischen Anschlags in Monsey benutzt. Wie präsent ist das Thema Antisemitismus für die JSUD?
Wenn ich in meinen E-Mails nach Antisemitismus suche, dann ist das Ergebnis enorm. Im deutschen Kontext wird, wenn es um Jüdinnen und Juden geht, viel über Antisemitismus gesprochen. Ich sehe ja, wie häufig dieses Thema außerhalb der Community diskutiert wird, und weiß aber von der Arbeit in den Gemeinden, dass sich junge Jüdinnen und Juden auch ganz anderen Themen widmen wollen. Wir möchten uns nicht nur über dieses negative Thema Antisemitismus definieren.

Gelingt das?
Ich glaube, es geht eher darum, dass über nichts anderes gesprochen wird, wenn das Judentum thematisiert wird. Das beste Beispiel ist doch die Schule: In der jüdischen Grundschule hatten wir das Thema Holocaust kurz durchgenommen. Ab der fünften Klasse war ich auf einem staatlichen Gymnasium, und wir haben Juden nur im negativen Kontext kennengelernt: Antijudaismus im Mittelalter und später dann immer mal wieder der Holocaust. Dass diese Themen Teil des Geschichtsunterrichts sind, ist natürlich nicht verkehrt.

Aber?
Wir haben doch auch Heine gelesen, wir haben Kafka gelesen. Niemand hat über deren jüdischen Hintergrund gesprochen. Ich habe mich immer gefragt, warum nicht Heines Übersetzung der jüdischen Liturgie gelesen wurde. Ich würde mir allerdings auch wünschen, dass Jüdinnen und Juden nicht immer zuallererst das Thema Antisemitismus ansprechen.

Die JSUD ist auf dem Treffen der World Union of Jewish Students am vergangenen Wochenende mit dem »Union of the Year« Award ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Ich habe mich sehr gefreut, denn uns gibt es erst seit gut drei Jahren, und es zeigt, dass Arbeit fruchtet. Die JSUD vor Ort wird immer strukturierter, bietet mehr an, und das sehe ich täglich, wenn ich auf unserer Facebook-Seite die Veranstaltungen aufrufe. Im kommenden Monat sind das 15 bis 20 Termine. Und ich glaube, das zeigt auch, dass die Themen, die wir setzen, die richtigen sind. Wir müssen ein jüdisches Narrativ in nichtjüdische Themen bringen. Wir wollen das stolze, jüdische Judentum, das nicht nur negativ belastet ist, nach außen zeigen. Dieser Award ist eine Bestätigung, dass genau dieses Narrativ, das auch schon unsere Vorgänger eingeschlagen haben, das richtige ist.

Wie gestaltet sich der Austausch mit den anderen Studierendenorganisationen?
Es ist sehr unterschiedlich, mit wem man sich vergleicht. Den britischen Studierendenverband »Union of Jewish Students« gibt es seit mehr als 100 Jahren. Er hat einen ganz anderen Mitarbeiterstab und besetzt Themen wie BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) oder Israel. Man muss dazu sagen, dass gerade Großbritannien viele Probleme mit BDS hat. Da sind wir hier in Deutschland doch in einer privilegierten Situation. Es gibt aber auch ganz kleine Unions, die ihre Arbeit eher dem kulturellen Bereich widmen, als an der Hochschule tätig zu sein.

Was heißt es heute eigentlich, eine jüdische Studentin, ein jüdischer Student zu sein?
Viele haben für sich selbst verstanden, dass es kein Widerspruch sein muss, jüdisch zu sein, deutsch zu sein, einen russischen Background zu haben. Für den durchschnittlichen Deutschen ohne einen so vielfältigen Migrationshintergrund kann es noch schwer sein, diese Aspekte zusammenzubringen. Ein weiterer Punkt ist die Religion. Viele jüdische Studierende wollen ihre jüdischen Werte mit den universalistischen Werten verbinden. Nicht überall in der jüdischen Gemeinschaft werden beispielsweise Themen wie Homosexualität, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Loslösung von Rollenbildern angesprochen. An der Universität hingegen werden diese Belange sehr offen diskutiert. Es gibt dort sehr progressive Haltungen.

Die JSUD vertritt mehr als 25.000 Studierende. Was erwarten Sie von denen?
Ich erwarte generell von allen Menschen, dass sie sich engagieren. Aber von den jüdischen Studierenden erhoffe ich mir, dass »JewishANDProud« generell ihr Leitmotto wird und sie viel offener mit ihrem Judentum umgehen. Es muss ja nicht jeder gleich ein Schild damit herumtragen, aber wenn sich 25.000 Menschen regelmäßig aktiv zu ihrem Judentum äußern würden, dann gäbe es vielleicht auch mehr Normalität.

Was steht bei der JSUD im Jahr 2020 an?
Ich möchte noch gar nicht allzu viel verraten, aber wir werden viel zum Thema Nachhaltigkeit machen. Und eine Deutsch-Israelische Studierendenkonferenz (DISK) in Kooperation mit dem Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist geplant. Auch den »Jewish Women Empowerment Summit« wird es wieder geben und natürlich die Campuswoche. Die beiden letzten Projekte werden mit der Erfahrung aus den vergangenen Jahren um einiges interessanter, und die Campuswoche wird größer. Wir planen auch Projekte mit anderen Minderheiten, denn wir wollen mit anderen Menschen zusammen für ein postmigrantisches Verständnis kämpfen. Wir wollen mit unserer Stimme andere unterstützen.

Zum Anfang des weltlichen Jahres vielleicht ein bisschen Selbstkritik: Was könnte 2020 besser laufen?
Die Einbindung der Studierenden, die wir vertreten, könnte noch intensiver sein. Ich hoffe, dass wir noch mehr davon überzeugen können, sich zu engagieren. Auch wir sind nur Studierende, und wer Lust hat, der kann uns immer anschreiben oder uns über die sozialen Medien kontaktieren. Wir sind noch ein junger Verband und möchten unsere Strukturen auch verbessern.

Mit dem Präsidenten der JSUD sprach Katrin Richter.

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