Holocaust

Das Mädchen und das Tagebuch

Anne Frank Foto: picture alliance / Photo12/Ann Ronan Picture Librar

Dunkle funkelnde Augen, ein fröhliches offenes Lächeln: So kennen Millionen Menschen weltweit Anne Frank. Das jüdische Mädchen ist ein Symbol seit Jahrzehnten, für die Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Zu ihrem 13. Geburtstag bekommt Anne von ihren Eltern ein Tagebuch geschenkt, rot kariert ist es. Sie wird es vollschreiben, und dann noch viele Hefte. Zwei Jahre lang. Im Alter von 15 Jahren stirbt Anne im KZ Bergen-Belsen. Am Mittwoch, den 12. Juni wäre sie 95 Jahre alt geworden.

In Amsterdam erinnert noch sehr viel an Annes Leben. Sie war mit ihren Eltern und der älteren Schwester Margot 1933 aus Frankfurt vor der zunehmenden Judenverfolgung nach Amsterdam emigriert. Die Wohnung der Familie am Merwedeplein im Süden von Amsterdam gibt es noch, ebenso ihre Schule, der kleine Buchladen, in dem sie das Tagebuch aussucht. Und natürlich das Hinterhaus an der Prinsengracht, in dem die Familie mehr als zwei Jahre lang im Versteck lebt vor den deutschen Nationalsozialisten.

Im August 1944 wird das Versteck entdeckt und die Bewohner deportiert. Anne stirbt 1945 im KZ. Nur Vater Otto überlebt. Er kehrt später zurück und veröffentlicht das Tagebuch seiner Tochter.

1,5 Millionen ermordete Kinder

Das Hinterhaus, in dem Anne ihr Tagebuch schrieb, ist heute ein Museum. Fast 40 Millionen Menschen haben es bereits besucht, im vergangenen Jahr waren es mehr als 1,2 Millionen Besucher aus aller Welt.

Auch fast 80 Jahre nach ihrem Tod sind Anne und ihre Geschichte aktuell, sagt der Projektleiter im Anne-Frank-Haus, Menno Metselaar, in Amsterdam der Deutschen Presse-Agentur. »Anne ist eins von etwa 1,5 Millionen Kindern, die die Nazis ermordeten.« Und ihre Geschichte steht nicht nur symbolisch für den Holocaust, sondern breiter für Rassismus und Diskriminierung. »Das wollte Otto Frank auch«, sagt Metselaar, »er fand es sehr wichtig, dass ihre Geschichte breiter gesehen wurde.«

Ihre Geschichte ist universell und inspiriert viele. Und das liegt ganz sicher an ihrem Tagebuch. Es gehört zum Unesco Weltkulturerbe, wurde in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Es inspiriere gerade viele junge Menschen, ist »eine Quelle der Kraft«, sagt Metselaar.

Sehr selbstkritisch

Anne hat ein großes Talent, und das wird im Tagebuch deutlich. Sie wollte selbst auch Schriftstellerin werden, und ging sehr selbstkritisch mit eigenen Texten um. »Das Tagebuch ist authentisch, es ist echt«, sagt Metselaar. »Sie sieht sehr viel, sie beobachtet sich selbst auch sehr scharf.« Und Anne beobachtet ihre Mitbewohner im Hinterhaus, beschreibt das Leben dort, auch mit viel Humor.

Die Themen bleiben aktuell, sagt Metselaar, der mehrere Bücher über Anne geschrieben hat. »Erwachsen werden, seinen Weg finden, Talente entwickeln, Beziehung zu den Eltern, Verliebtsein.« Anne ist eben auch ein Teenager.

Es bleibt aber nach gut 80 Jahren nicht aus, dass es schwieriger wird, das Tagebuch zu lesen. Heute würde eine 13-Jährige vermutlich ihre Erlebnisse und Gedanken auf Tiktok äußern. Das Anne-Frank-Haus versucht daher auf vielerlei Weise, die Geschichte auch auf moderne Weise zu vermitteln. Zum Beispiel mit einem Videotagebuch auf Youtube. Anne bekommt dann zum Geburtstag eine Kamera und erzählt dem Zuschauer direkt, was sie erlebt, denkt, fühlt.

Heftiger Eklat

Anne schrieb auch andere Texte, kurze Geschichten, Märchen und begann sogar einen Roman. Zu ihrem 95. Geburtstag zeigt das Anne-Frank-Haus in einer Ausstellung eine neue Perspektive auf die Autorin Anne Frank. »Es gibt noch viel zu entdecken«, sagt Metselaar.

Viel ist bereits über Anne Frank und das Tagebuch geschrieben und geforscht worden. Nur ein Rätsel bleibt. Wer hat das Versteck im August 1944 verraten? Oder war es überhaupt ein Verrat?

Vor gut zwei Jahren hatte es zu dieser Frage einen heftigen Eklat gegeben. Ein sogenanntes internationales Coldcase-Team unter Leitung eines ehemaligen FBI-Agenten hatte angeblich die Lösung gefunden und publikumswirksam veröffentlicht - und vermarktet. Ein jüdischer Notar sollte der Verräter sein. Doch namhafte Historiker hatten das in einer Gegenstudie niedergemacht. Das Buch sei stümperhaft, beruhe auf falschen Annahmen, Quellen seien falsch genutzt worden.

Alles, was mit Anne Frank zu tun hat, bleibt eben interessant. »Doch ist es auch wichtig?«, fragt sich der Experte Metselaar. »Es ändert nichts an ihrer Geschichte.« Zehntausende Juden wurden in den Niederlanden verraten, entdeckt, deportiert. Etwa 102 000 ermordet. »Annes Geschichte darf kein Schlusspunkt sein«, sagt er. »Für junge Leute sollte sie ein Startpunkt sein, um mehr zu erfahren über diese entsetzliche Periode der Geschichte.«

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