Porträt

Das Leben genießen

Der Musiker Don Jaffé hat viel gearbeitet, freut sich über freie Zeit und seinen 90. Geburtstag

von Christine Schmitt  22.01.2023 10:03 Uhr

Fit, musikalisch und bald 90: Don Jaffé aus Bremen Foto: Till Schmidt

Der Musiker Don Jaffé hat viel gearbeitet, freut sich über freie Zeit und seinen 90. Geburtstag

von Christine Schmitt  22.01.2023 10:03 Uhr

Sein eiserner Wille begleitet ihn bereits sein ganzes Leben, seine Frau Elza, seitdem er 23 Jahre alt ist, und die Musik eigentlich schon immer, denn als Kind lernte er bereits Klavier. Am 24. Januar wird Don Jaffé 90 Jahre alt. Seit 1975 sind er und seine Frau Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Bremen.

»So lange wie kaum ein anderer«, sagt Jaffé lachend. Seinen Humor hat er behalten – obwohl er sein Leben als »äußerst schwer« beschreibt. Als Kind musste er vor den Nazis fliehen. Alle 70 Verwandten, die in Lettland und Litauen geblieben waren, kamen ums Leben.

Werk Musik ist für ihn lebenswichtig – nicht nur als etwas, das ihm im Alltag Kraft und Halt gibt, sondern auch, um durch sie an die Geschichte der Schoa zu erinnern, so der ehemalige Cellist und Komponist. Sein Werk ist stark durch die jüdische und seine persönliche Geschichte inspiriert, denn seine Kompositionen tragen Titel wie »Schoa« oder »Exodus 1971«, in denen er das antisemitische Klima in Lettland vertont, in »Passionen« hingegen geht es um Religion, Hass, Leben und Tod. Als Kind wurde er von anderen als Jude beschimpft, was er in der Symphonie »Anni horribiles« (»Schreckliche Jahre«) andeutet.

Angst und Gewalt begleiteten ihn, als er im Jom-Kippur-Krieg war.

Als Junge in Riga schwänzt Don Jaffé häufig die Schule, da ihm der Unterricht zu langweilig ist. Eigentlich wollte er Klavier lernen. Damit hatte er vor der Schoa angefangen; aber damals – mit fast 14 Jahren – war er zu alt dazu. Deshalb fiel die Wahl auf das Cello, obwohl er als junger Mann noch nicht einmal wusste, wie das Instrument aussieht.

Innerhalb von vier Jahren schließt Jaffé die Ausbildung in der Musikschule für besonders begabte Schüler ab, es folgen fünf Jahre Studium an der Hochschule für Künste in Riga, gleichzeitig Arbeit in der Oper, und danach nimmt er eine Stelle beim Radio-Symphonie-Orchester an. Doch der Antisemitismus wächst.

Als er mit 23 Jahren seine Frau trifft und kennenlernt, weiß er, dass er eines Tages nach Israel emigrieren möchte. »Es war eine Utopie, ich glaubte selbst nicht daran.« 1971 gelang es ihm, und er konnte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ausreisen, wurde Mitglied beim Sinfonieorchester des Israelischen Rundfunks und unterrichtete an der Rubin-Akademie in Jerusalem. Zunächst einmal war er glücklich, spielte und unterrichtete viele Stunden am Tag Cello.

Sibirien Doch Angst und Gewalt begleiten ihn weiter, als Panzerfahrer ist er im Jom-Kippur-Krieg 1973 im Einsatz. »Es wird immer Krieg dort geben, und das wollte ich nicht für meine Kinder.« Dazu kam das Klima. »Mit Kälte komme ich zurecht, aber Hitze ist nichts für mich.«

Dieses Empfinden geht zurück auf eine Erfahrung als Kind: Als Achtjähriger musste er zu Fuß mit seiner Familie aus Riga nach Sibirien, Usbekistan und Tadschikistan fliehen, bis Lettland 1944 befreit wurde und die Familie zurückkehren konnte. Angst hatte der jüdische Junge aber immer noch: In Sibirien musste Jaffé auf dem Schulweg eine Schlucht passieren. »Vor den Wölfen hatte ich keine Angst, nur vor den anderen Kindern, die mich verprügeln wollten, weil ich ein Jude bin.«

Er plante die Ausreise nach Deutschland, zunächst einmal nach Berlin. Mit der deutschen Sprache war er vertraut: Seine Eltern sprachen zu Hause Deutsch. Sein Vater hatte vor seinem Umzug nach Riga in Berlin Elektrotechnik studiert, seine Mutter Ella hatte in Riga die deutsche Kommerzschule besucht.

Jeden Tag joggt er ein paar Kilometer durch den Stadtpark.

Jaffé mochte Berlin, aber 1974 befürchtete er zunehmend, dass die Russen in die Inselstadt einmarschieren könnten. Schließlich bewarb er sich in Bremen. So folgten auf die Berliner Symphoniker, wo er Solo-Cellist war, das Bremer Philharmonische Staatsorchester. »Ich habe wahnsinnig viel gearbeitet und neben meiner Orchester-Tätigkeit viel unterrichtet.« Seine Lehrtätigkeit setzte er auch an der Hochschule der Künste fort. Zeitweise hatte er mehr als 30 Schüler in der Woche. Freizeit kannte er nicht. »Ich hatte nie Ruhe, war immer angespannt.«

Fitness In Bremen führe er heute ein »fantastisches Leben«. Jeden Tag joggt er ein paar Kilometer durch den Stadtpark, absolviert sein Krafttraining und ist unternehmungslustig. Fitness ist ihm wichtig, denn zu oft wurde er von anderen verprügelt, weil er Jude ist. Mit seiner Musik möchte er mahnen, warnen und die Erinnerungskultur aufrechterhalten.

»Ich weiß, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, wir haben schon vieles wieder vergessen.« Allerdings stand ein Entschluss von ihm bereits vor ein paar Jahren fest: Er hat seine Arbeit als Komponist aufgegeben. »Ich habe gemerkt, wie ich die ganze Zeit über Harmonien und Melodien nachdenke und dabei das Leben verpasse.« Das möchte er nicht, denn er will es endlich genießen.

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