Child Survivors

Das fünfte Mädchen

Lebte vor der Schoa in Tomaszów Mazowiecki südlich von Lodz: Ruth Melcer; auf dem Tisch ein Foto ihres Bruders Mirek, der im Alter von sechs Jahren ermordet wurde Foto: Christian Rudnik

»Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte?«, fragt Ruth Melcer und erwartet keine Antwort. Es ist ein kleines Glück passiert. Oder sagen wir, es hat eine äußerst überraschende Begegnung stattgefunden. Ruth Melcer ist 82 Jahre alt und seit »ewigen Zeiten« zu Hause in München, wo sie ein »gastfreundliches Haus führt«, wie es in ihrem jüdischen Kochbuch von 2015 heißt, das »wunderbare Rezepte« entlang ihrer Biografie vorstellt.

Ruth Melcer besitzt die Gabe, sachlich zu bleiben. Zu große Wellen, welcher Art auch immer, wehrt sie mit einer lässigen Handbewegung ab. Bringt sie damit auf die angemessene Größe.
Ihre analytische Urteilskraft ist ihr nicht zu nehmen, auch nicht von dieser »unglaublichen Geschichte«. Manchmal, sagt Ruth Melcer, »war das schon emotional«, wie zum Beispiel, als ihre Freundinnen hier zusammen mit ihr auf dem Sofa im hellen Wohnzimmer Platz genommen hatten und sie die ganze Geschichte noch einmal genau erzählen musste.

»Da saßen wir dann alle einfach nebeneinander und haben geheult.« Was das wirklich bedeutet, wenn sie sagt »Das war schon emotional«, weiß keiner. Am Ende existieren für sie klare Prioritäten. Dabei lenkt sie den Blick gerne etwas weg von der eigenen Person. »Zunächst einmal ist es mir wichtig, dass auf diese Organisation aufmerksam gemacht wird.«

skopusberg »Diese Organisation«, das ist die »World Federation of Jewish Child Survivors of the Holocaust and Descendants« mit Sitz in den Vereinigten Staaten. Die Vereinigung richtet ihr Augenmerk auf Juden, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, lädt sie einmal im Jahr zu einer internationalen Konferenz ein, meistens irgendwo in den USA, aber auch Berlin war zum 25. Jubiläum an die Reihe gekommen, und im vergangenen November dann schließlich Jerusalem.

»Das war schon etwas Besonderes«, sagt Ruth Melcer. Das habe nicht so einen Eventcharakter gehabt wie sonst, sei aber auch nicht so rein akademisch »und ein bisschen kalt« gewesen, wie vor drei Jahren in Berlin, »sondern klug und emotional zugleich«. Etwa 125 Überlebende sind ins Dan Hotel gekommen, wunderbar gelegen an einer Anhöhe des Skopusbergs, um die 150 Familienangehörige der »Second Generation«, ungefähr 35 der »Third Generation«.

Am letzten Tag hat sich Ruth Melcer zusammen mit Freundinnen, die eine aus den USA, die andere aus Tel Aviv, für ein Seminar in hebräischer Sprache entschieden, »wo ich doch in Deutschland kaum Möglichkeiten habe, mit dieser Sprache in Berührung zu kommen«. Gesprochen wurde über das Schicksal der Kinder, die nach dem Krieg keine Eltern mehr hatten, also wirklich ganz alleine dastanden. Sehr emotional sei das gewesen, sagt Ruth Melcer, »wirklich sehr emotional«.

tova Etwa 15 Leute saßen in der Runde, erinnert sie sich, vor allem Damen, und dann sollte sich jeder erst einmal kurz vorstellen. Wie das eben so läuft. Irgendwann kam eine »wirklich vitale« Tova an die Reihe, eine gewisse Tova Friedman aus New York. Sie erzählte, dass sie Auschwitz überlebt hat, dass sie dort, gerade einmal fünf Jahre alt, zusammen mit ihrer Mutter befreit worden war. Ruth Melcer horcht auf.

Am Abend trifft sie Tova am Buffet wieder. Sie spricht sie an. »Du wurdest in Auschwitz befreit?« »Ja.« »Ich auch. Und wo genau wurdest du befreit?« »Im Zigeunerlager.« »Ich auch. Und wo kommst du ursprünglich her?« »Aus Tomaszów Mazowiecki.« »Ich auch!« Stille. »Dann bist du«, ruft Tova Friedman aufgeregt, »dann bist du das fünfte Mädchen, nach dem ich so lange gesucht habe!«

In der polnischen Stadt Tomaszów Mazowiecki, die bekannt war für ihre Textilindustrie und die etwa 55 Kilometer südwestlich von Lódz gelegen ist, lebten vor dem Zweiten Weltkrieg etwa 13.000 Juden, davon waren ungefähr 5000 Kinder. Nach 1945 sind es gerade einmal etwa 200 Überlebende gewesen, die nach Tomaszów Mazowiecki zurückgekehrt sind, in der Hoffnung, dort auf vermisste Familienangehörige zu stoßen, unter ihnen fünf Kinder, fünf Mädchen. Eines mit Namen Ruth, damals noch Ryta, Ryta Cukierman.

Tova Friedman hat sich später, als sie in den USA lebte, auf die Suche nach den Mädchen von damals gemacht. Und sie hat sie gefunden, Rachel Hyams, die in Kanada lebte und sich 2008 das Leben genommen hat; Renia Chernoff, die 2016 in Brooklyn gestorben ist; Frieda Tenenbaum aus Boston und jetzt endlich auch Ruth Melcer aus München. Das sind sie, die »five girls«, die fünf Mädchen aus Tomaszów.

pogrom Seither habe sie Tova schon ein paar E-Mails geschickt, sagt Ruth Melcer, aber noch keine Antwort darauf erhalten. Einmal haben sie telefoniert. Weil es da schon noch einiges gibt, was sie genauer wissen möchte. Zumal Tova damals viel länger als sie in Tomaszów geblieben ist.

»Nach dem Pogrom von Kielce im Juli 1946 mit ungefähr 40 jüdischen Todesopfern sind wir schnell weggegangen aus Polen«, sagt Ruth Melcer. Vor drei Jahren ist sie dann doch noch einmal zurückgekehrt in die Stadt, aus der sie ursprünglich kommt, zusammen mit ihrer Großfamilie in einem Bus. Sie haben sich einiges angesehen. Vieles war kaum wiederzuerkennen. Und dann hat eine Historikerin, die recherchiert hatte, Ruth Melcer eine Stelle im Wald bei Blizyn gezeigt.

In Blizyn, etwa 100 Kilometer von Tomaszów entfernt, hat sich damals ein Arbeitslager befunden, in das vor der Deportation nach Auschwitz »der Rest der Familie« gekommen ist.
»Hier könnte es gewesen sein«, hat die Historikerin gesagt, hier könnte 1943 Ruth Melcers kleiner Bruder Mirek im Alter von sechs Jahren ermordet worden sein.

Ruth Melcer will keine großen Bilder von sich in der Zeitung sehen. »Was soll denn das?« Lieber will sie davon erzählen, dass sie bei jenem wichtigen Treffen in Jerusalem ganz überraschend eine Batmizwa-Feier bekommen hat. »Wir alten Herrschaften sind samt Rollatoren und Rollstühlen mit dem Bus ganz nahe an die Kotel gefahren, um einem 85-Jährigen, der seine Barmizwa nachholen wollte, Gesellschaft zu leisten. Da sind natürlich dann auch einige Tränen geflossen. Und dann kam auch gleich die Frage an uns Frauen, wer noch keine Batmizwa gehabt hatte, und also wurde auch das nachgeholt.«

irrtum Ruth Melcer war schwer beeindruckt von dem Klagemauer-Tunnel, wie schön alles dort extra für sie vorbereitet worden war, gutes Essen stand bereit, »auch wenn daran gerade keiner denken konnte«. Und dann sagt sie ganz unvermittelt: »Nein, da hat Tova wirklich nicht recht, da hat sie sich total geirrt, es waren da nicht nur wir fünf Mädchen, da war auch noch ein Junge, ein hübscher Junge.«

Er habe in einem Bunker überlebt, habe nach dem Krieg kaum gerade gehen können. »Er ist, glaube ich, Professor geworden in Amerika.« An seinen Namen erinnert sich Ruth Melcer leider nicht mehr. Doch die Geschichte jedenfalls ist aus ihrer Sicht noch lange nicht zu Ende.

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