Stimmung

»Das Barometer steigt«

In Stuttgart gab es diesen Sommer die Anti-Israel-Demonstration mit den meisten Teilnehmern. Foto: dpa

Stimmung

»Das Barometer steigt«

Die Furcht vor antisemitischen Angriffen ist ungebrochen. Die Gemeinden versuchen zu helfen

von Brigitte Jähnigen  19.09.2014 16:00 Uhr

Ulm, 22. August 2014, früher Abend. Über den Münsterplatz eilt ein orthodox gekleideter Jude. Drei junge Muslime kreuzen seinen Weg. Sie tuscheln kurz, rufen dem Mann etwas nach. Er senkt den Kopf, beschleunigt seine Schritte, verschwindet in einer der kleinen Gassen. Erst kurz davor wendet er den Kopf, schaut zurück. Die drei Muslime schauen ihm noch immer hinterher. Er verspürt großes Unbehagen.

In England gibt es für antisemitische Übergriffe eine telefonische Hotline, und in Italien ist aktuell eine solche geplant. Bis vor einigen Jahren gab es diese auch in Berlin, berichtet der Sprecher des Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Levi Salomon. »Eine zentrale Hotline gibt es heute nicht mehr«, sagt Levi, doch sein Name sei aus früheren Jahren noch so bekannt, dass er bis heute von Hilfesuchenden angerufen würde. »Mein Handy klingelt immer noch fortwährend.« Auch über Facebook fragten Hilfesuchende immer wieder bei ihm an. Auch der Antisemitismusbeauftragte der Berliner Gemeinde, Daniel Alter, könne erste Hinweise geben. Psychologische Unterstützung gäbe es sonst nur dezentral über die Gemeinden.

anfeindungen »Eine solche Situation, wie in Ulm, ist sicher kein Einzelfall, aber unsere Leute erzählen auch nicht alles«, sagt Rabbiner Shneur Trebnik. Die aktuelle Situation sei alles andere als entspannt, aber einen konkreten Fall antisemitischer Anfeindungen oder eines Übergriffs kenne er nicht. »Doch das Antisemitismus-Barometer steigt seit Jahren«, sagt der Rabbiner der Synagoge am Weinhof. Es seien auch aus der Geschichte betrachtet immer »die Kleinigkeiten auf der Straße«, aus denen sich »Größeres« entwickle.

Auch in Ulm habe es Anti-Israel-Demonstrationen gegeben mit ein paar Hundert Teilnehmern. Trebnik wirkt besorgt. »Die politische Situation in Deutschland ist so, dass es noch nicht gut klingt, Antisemit zu sein«, sagt er. Doch der Blick in andere europäische Staaten lässt ihn befürchten, dass es auch in Deutschland anders kommen könne, trotz der großen Demonstration des Zentralrats der Juden vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Die meisten Mitglieder der Ulmer Gemeinde sind aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland zugewandert. »Die haben jetzt noch ein zusätzliches Thema, nämlich den Konflikt Ukraine–Russland und die Frage, wohin sie gehen sollen, wenn der Antisemitismus in Deutschland sie zur Flucht zwingt«, sagt Trebnik. Das werde derzeit in der Gemeinde diskutiert. Den Mitgliedern sage er: »Israel ist das einzige Land auf der Welt, das Juden bleibt.«

Reaktionen In Rostock ist die Lage entspannter. »Wir haben alle mit Sorge in den Zeitungen von den anti-israelischen Demonstrationen gelesen, aber hier war es ruhig«, sagt Juri Rosov. Der Vorsitzende der Gemeinde erinnert sich aber, dass im Jahre 2009 fünf Fenster der Rostocker Synagoge eingeworfen wurden – als Reaktion auf eine militärische Aktion in Gaza. Und natürlich hat die Gemeinde an der Demonstration am 14. September in Berlin teilgenommen.

Dass der Antisemitismus auf den Straßen vor allem von muslimischen Jugendlichen kommt, sieht Rosov differenziert. »Wir haben gute Kontakte zum Islamischen Bund in Rostock«, sagt er. Der Gemeindechef ist auch Vorsitzender des Migrantenrates in der Hansestadt. Die Ausländerquote in Rostock sei eher gering, die Zahl der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde doppelt so hoch wie die der muslimischen, so Rosov.

Der Antisemitismusbericht des Bundestages aus dem Jahr 2012 sagt, jeder fünfte Deutsche sei »latent antisemitisch«. Diese Erfahrungen machte die Kölner Synagogen-Gemeinde in den vergangenen Wochen vor allem in den sozialen Netzwerken. »Wir bekommen das verstärkt aus den neuen Medien mit«, sagt Alexander Sperling. »Einiges an schlimmen Anfeindungen« hätten Mitglieder auf Facebook erlebt, so der Geschäftsführer der Synagogen-Gemeinde. Von direkten oder verbalen Angriffen wisse er nichts. Im Gegenteil: Aus christlich-jüdischen Verbänden habe man in den vergangenen Wochen besonders viel Solidarität erfahren. Ebenso von der Politik. »Allerdings«, fügt er hinzu, »fehlt mir der große Aufschrei in der Mehrheitsgesellschaft gegen die antisemitischen Demonstrationen im Sommer«, sagt Sperling.

Trialog Der Trialog der Religionen sei trotz der Vorkommnisse nicht gescheitert. »Er findet weiterhin auf verschiedenen Ebenen statt«, betont Sperling. Nur sei das mehr als zurückhaltende Verhalten der liberalen muslimischen Verbände gegen militante Muslime, die sich nicht nur gegen Juden und Israel, sondern auch gegenüber aufgeklärten Muslimen und deren Gebetsstätten wendeten, »enttäuschend«.

Innerhalb der Gemeinde versuche man, präventiv gegen Antisemitismus durch Diskussionsrunden und juristische Begleitung im konkreten Fall vorzugehen. »Wir haben eine gute Sicherheitsabteilung, die kann auch im Einzelfall agieren«, erklärt der Geschäftsführer.

Auch in Leipzig setzt man auf Sicherheit. In diesem Fall »auf den guten Draht zur örtlichen Polizei«, sagt Klaudia Krenn. Bisher seien keine Anfragen wegen antisemitischer Angriffe bei der Gemeinde eingegangen, weder Pamphlete noch Briefe, so die Gemeindemitarbeiterin. Sollte sich jemand bedroht fühlen, fände er Beistand beim Gemeindevorstand Küf Kaufman oder bei Rabbiner Zsolt Balla.

In Stuttgart fand im Sommer die teilnehmerstärkste Anti-Israel-Demonstration statt. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) reagierte mit einer Gegendemonstration. Jurij Feldman war dabei, es sei »sehr schwer« für ihn gewesen, bekennt er. Er habe die aktuelle Situation in Gaza und Israel genau beobachtet. »Ich hatte Herzschmerzen dabei«, sagt der Arzt. Beschwerden, die andere vielleicht nicht so öffentlich zugeben. Vor Jahren schon hat der Psychiater in der IRGW einen kostenlosen medizinischen Dienst verschiedener Fachärzte eingerichtet. »Ich bin dabei, wenn psychologischer Beistand gebraucht wird«, sagt Feldman. Bisher seien ihm aber in der IRGW keine Vorfälle bekannt.

»Viele fühlen sich alleingelassen«, ist sich Sacha Stawski sicher. Der Frankfurter Mitinitiator des I-Like-Israel-Tags kennt genügend Beispiele, bei denen Juden, vor allem Multiplikatoren, aber auch Privatpersonen, auf Facebook und in entsprechenden Foren angegriffen werden. Das Klima führe dazu, dass »die Menora vom Fenster weggestellt« oder der Magen David an der Halskette »unter den Pullover geschoben« würde – für Stawski keine Kleinigkeiten, sondern Indizien für Angst. »Schon die Kinder in den jüdischen Kindergärten und Schulen, mögen die noch so gut bewacht sein, werden mit dieser Angst konfrontiert«, sagt Stawski.

Integrationspolitik Die Feindschaft treffe als orthodox erkennbare Juden ebenso wie säkulare. »Antisemiten unterscheiden nicht zwischen orthodoxen und liberalen Juden – Jude ist Jude«, sagt Stawski, der Antisemitismus sei in der Gesellschaft salonfähiger geworden. Doch es gehe nicht nur um Juden. »Was in den vergangenen Wochen an Antisemitismus auf der Straße passiert ist, zeigt das Scheitern der Integrationspolitik in der Bundesrepublik, aber auch in anderen europäischen Ländern«, so Stawski.

»Schon vor den Sommerferien haben wir im Zentralrat über eine zentrale Nummer nachgedacht, an die sich Gemeindemitglieder wenden können«, sagt Barbara Traub, im Präsidium des Zentralrats der Juden für die Gemeinden zuständig. »Wir dachten allerdings weniger an Fälle von antisemitischen Anfeindungen, sondern eher an Wünsche, Anregungen und Beschwerden«, so die Sprecherin der IRGW Stuttgart. Möglicherweise werde man erneut darüber reden müssen, so Traub, im Moment habe sich alles aber etwas beruhigt.

Aus Stuttgart sei ihr jedoch kein Fall bekannt, bei dem sich Mitglieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt gesehen hätten. »Wir denken, dass sie ein so offenes Verhältnis zum Vorstand haben, dass sie das gemeldet hätten«, kommentiert Traub eventuelle Dunkelziffern. »Wir tun alles, um das Selbstbewusstsein der Gemeindemitglieder zu stärken, sodass sie sich wegen ihres Jüdischseins nicht verstecken müssen.« Die Gemeinde habe in den vergangenen Wochen viel Unterstützung erfahren, von örtlichen Politikern, der Polizei, aber auch von Privatpersonen. »Das stärkt uns den Rücken«, so Traub. Wichtig sei zu vermitteln: »Wir sind nicht Juden, weil es Antisemitismus gibt, wir sind Juden eines gemeinsamen Glaubens, der gemeinsamen Tradition und der Kultur wegen.« Dennoch sei »die Schamschwelle, sich antisemitisch zu äußern«, in der Gesellschaft insgesamt gesunken.

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