Literatur

Brasilianische Erinnerungen

»Es ist keine Biografie, es ist ein Roman«: Paula Zimerman Targownik mit Ellen Presser Foto: Marina Maisel

»Von meiner Mutter hörte ich diese Geschichten, meinen Töchtern erzählte ich sie, und mein Mann überredete mich, sie aufzuschreiben« – so beginnt Paula Zimerman Targowniks Roman 6 x Jom Kippur. Ihr Debüt ist jüngst im Verlag Compania erschienen und wurde nun zum Auftakt der Jüdischen Kulturtage 2013 im IKG-Kulturzentrum vorgestellt. Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums, moderierte das Gespräch mit der Autorin. Die Schauspielerin und Sprecherin Carmen Härdle trug Ausschnitte aus dem Roman vor.

Bei der Vorstellung erzählte die mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautorin, Regisseurin und dreifache Mutter Targownik lebhaft, wie sie für ihr Erstlingswerk sehr stark aus den Geschichten ihrer Mutter schöpfte. Doch irgendwann »ist mein Vorrat mit Geschichten meiner Mutter zu Ende gewesen«, berichtete Targownik schmunzelnd. Da habe sie kurzerhand ihre Mutter angerufen und um weitere gebeten. Aus all dem entfaltete sich schließlich die Geschichte ihrer Protagonistin: die Brasilianerin Jamile Abuhab, Tochter einer sefardischen Familie, die aus dem Libanon stammt und nach Brasilien ausgewandert war.

Israel Ebendort ist auch Targownik geboren und aufgewachsen. Mitte der 80er-Jahre ging sie nach Israel, wo sie an der Filmhochschule in Tel Aviv Regie studierte. Hier lernte sie ihren späteren Mann kennen und folgte ihm nach München. Brasilien ist aber nach wie vor von großer Bedeutung für die Schriftstellerin: »Ich bin in einem Viertel aufgewachsen, in dem alles jüdisch war. Es war wie ein kleines Israel«, erinnerte sie sich im Gespräch mit Ellen Presser.

»Es gab mehrere Synagogen, zehn jüdische Schulen und Juden aller Richtungen von streng orthodox bis jüdisch-kommunistisch und atheistisch.« Damals, so Targownik, kannte sie den Unterschied zwischen sefardisch und aschkenasisch noch nicht. Heute weiß sie, dass die meisten ihrer Freundinnen aschkenasisch waren. »Aber letztlich war es unwichtig, weil alle nur eine Sprache sprachen: Portugiesisch.«

Die Geschichten der Mutter in São Paulo sind für die Autorin auch Teil der eigenen Erinnerungen. Religiöse Bräuche wie die Kapara-Zeremonie gehörten fest zum jüdischen Leben. »Ich habe das miterlebt und mitgemacht. Wir sind zum Schochet nach Hause gegangen. Es ist kaum vorzustellen, dass heute in München jemand so etwas machte, dort war es selbstverständlich.«

Familie Schwarz-weiße Fotos, im Bühnenhintergrund auf die Wand projiziert, zeigten dem Publikum die Jamile-Familie. Die Schwestern Sarah und Jamile Abuhab, das junge Ehepaar Jamile und Jorg zusammen mit den Eltern Bida und Salim Abuhab sowie Sebastiãn und Caecilia Zimerman und – als letztes, symbolisches Bild – vier Frauen, vier Generationen Hand in Hand: Bida, Jamile, Paula und Amili, Paulas ältere Tochter.

Anfangs waren es nur zusammenhanglose Episoden. Paula Zimerman Targownik wollte die fehlenden Stücke von ihrer Mutter erfragen, aber »es kam nicht viel von ihr«. Darum habe sie selbst die Lücken geschlossen – »deswegen ist es keine Biografie, sondern ein Roman«. Doch als Jamile das Manuskript liest, wunderte sie sich: »Genau so war es! Woher weißt du das?«

Wenige Tage nach der Lesung in der Kultusgemeinde wurde Targownik auf der Frankfurter Buchmesse empfangen, bei der Brasilien in diesem Jahr Ehrengast war. Doch bevor es nach Frankfurt ging, signierte die Schriftstellerin noch ihr Buch in der Kultusgemeinde – und freute sich über das große Interesse an ihrem ersten Roman und ihrer ganz besonderen brasilianischen Familiengeschichte.

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