Dresden

Blick auf den Osten

Wie ist es eigentlich, christlich, jüdisch oder muslimisch im Osten zu sein? Unter anderem das war am Mittwoch vergangener Woche Thema bei einer Podiumsdiskussion der »Denkfabrik Schalom Aleikum«.

Unter dem Motto »Glaubensspuren. Jüdische, christliche und muslimische Stimmen in Dresden« sprach die »Zeit«-Journalistin Jana Hensel mit drei in Sachsen lebenden Vertretern der Religionsgemeinschaften – Johanna Stoll, Tobias Funke und Azim Semizoglu – im Hygiene-Museum der sächsischen Landeshauptstadt.

PERSPEKTIVE Im Mittelpunkt standen Fragen nach den besonderen Erfahrungen in der eher religionsfernen ostdeutschen Diaspora, in der es aus westlicher Perspektive viel Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und auch Antisemitismus gibt. Es ging um Vorurteile, Wahrheiten und das Dazwischen. Ein Gespräch, das eine neue Sicht auf ein Leben mit erstaunlicher religiöser Vielfalt und einer entwickelten Zivilgesellschaft, wie etwa in den sächsischen Großstädten Dresden und Leipzig, beförderte.

Tobias Funke, Pfarrer am evangelischen Jugendzentrum in Dresden, engagiert sich seit Jahren für den interreligiösen Dialog. Beim Studium der Judaistik in Jerusalem hat er dafür viele Erfahrungen gesammelt. Eine von ihm mitgegründete Initiative heißt »anders wachsen«.

Johanna Stoll, gelernte Agraringenieurin und Sozialarbeiterin, gehört der Jüdischen Gemeinde zu Dresden an. Sie berichtete von ihrer gebrochenen Biografie und ihrer Suche nach jüdischer Identität. Für ihren Vater, der die Schoa im sowjetischen Exil überlebte, habe Religion keine Rolle gespielt.

migranten Schon in den 90er-Jahren gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des Dresdner Ausländerrats sowie des jüdischen Kultur-und Bildungsvereins Hatikva. Vielen Migranten konnte geholfen werden. Stoll musste aber auch erleben, wie ganze Roma-Familien gnadenlos abgeschoben wurden. Eine schwer zu ertragende Realität.

Jüdisch oder muslimisch im Osten? Das geht!

Und das Jüdischsein in Ostdeutschland? Für Stoll kein Problem. Auch der Staatsrechtler Azim Semizoglu fühlt sich im Osten wohl, als Muslim und Wissenschaftler. Das Kind einer türkischen Gastarbeiterfamilie aus Darmstadt, zog bewusst nach Leipzig, gründete das »Haus der sozialen Vielfalt e.V.« mit. Allerdings werde er gerade bei Besuchen im Westen häufig darauf gestoßen, einer Minderheit anzugehören, wenn nach seinem Wohnort gefragt wird. Geht das, ein im Osten lebender Muslim? »Es geht! Sogar sehr gut.«

Noch immer gibt es viele Vorbehalte gegenüber den ostdeutschen Bundesländern. Um die abzubauen, seien Formate wie die Denkfabrik Schalom Aleikum hilfreich. Andererseits sind die Erfahrungen mit religiösen Minderheiten in Ostdeutschland gering – ein möglicher Grund für Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.

fazit Dennoch ist der Osten kein weißer Fleck, das war ein Fazit der Veranstaltung. Bianca Nissim aus Pforzheim, Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, verglich das Diskussionsformat mit dem jüdischen Streben nach Tikkun Olam, Verbesserung oder Heilung der Welt.

Bereits zu DDR-Zeiten gab es Initiativen wie die christliche AG »Begegnung mit dem Judentum«, Muslime lebten als Studenten und Vertragsarbeiter in Dresden, Leipzig und Jena – Gemeinden konnten sie allerdings erst nach 1989 gründen. Sie mussten aber nicht bei null anfangen. Und so gibt es in Dresden nicht nur den Ausländerrat, sondern seit über zehn Jahren auch das »Friedensfest der Kinder Abrahams«, gestaltet von Juden, Christen und Muslimen, das jährlich im Rathaus gefeiert wird.

Programm

Vortrag, Führung, Finissage: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 27. August bis zum 3. September

 26.08.2026

Neuanfang

Erste Klasse

Zwischen Schultüte und Blumen: Jüdinnen und Juden öffnen ihre Fotoalben und blicken auf ihre Einschulung zurück – in Israel, im Baltikum, in der Sowjetunion sowie in Ost- und West-Berlin

von Christine Schmitt  26.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  26.08.2026

Plädoyer

Stark und selbstbewusst

Die Zeiten des Ghettos und Sich-Wegduckens gehören zum Glück der Vergangenheit an. Umso mehr sollten Juden hierzulande entschiedener für ihre Interessen eintreten

von Sacha Stawski  25.08.2026

München

Von Deutschland in die Welt

Eine Ausstellung widmet sich dem Wirken jüdischer Architekten, deren Karrieren von Verfolgung und Exil bestimmt waren. Ihre Bauten beeinflussten die Moderne maßgeblich

von Ellen Presser  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Spremberg/Forst

Stolpersteine gestohlen

Der Staatsschutz ermittelt

 24.08.2026

Dresden

Unbekannter entwendet Kippa

Der Staatsschutz der Dresdner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen

 24.08.2026

Meinung

Jüdische Schulen: Orte der Zugehörigkeit

Der Wunsch nach jüdischer Bildung wächst, während die Strukturen zunehmend fragil werden

von Eduard Steinberg  24.08.2026