München

Bilder voller Erinnerungen

Der Lärmpegel ist hoch. Jugendliche sitzen an weißen Arbeitstischen und diskutieren, auf Bildschirme schauend, über ihre Arbeit. Mithilfe von Computermäusen korrigieren sie hier und da etwas und legen die Köpfe schräg, um den optischen Eindruck ihrer Korrektur von allen Seiten zu betrachten. Das Vestibül der Villa am Isarhochufer mit den halb abgerissenen Girlanden an den Wänden und längst verjährten Weihnachtssternen in den Fenstern mag so gar nicht zu der schmucken Nachbarschaft stilvoller Villen passen. Seit mehr als einem Jahr ist dieses Haus ein Heim für Flüchtlinge.

Sharon Bruck, »Fotoprojektleiterin«, geht von einem zum anderen, ruft immer wieder »Abspeichern nicht vergessen!« und zeigt, dass es noch etwas zu verbessern gibt. Mahammad hatte die Idee, sich zweimal ins Bild zu montieren, einmal so, wie er heute aussieht, und einmal, wie er auf der Flucht ausgesehen hat. »Ich hatte da drei Tage nichts gegessen und war völlig platt.« Die Idee macht die Runde, alle sind begeistert.

Seinen Ursprung hat das Münchener Projekt bei Rabbiner Bob Kaplan im 6500 Kilometer westlich gelegenen New Yorker Stadtteil Manhattan. Mitte der 90er-Jahre hat er hier das Community-Bildungsnetzwerk »YouthBridge-NY« ins Leben gerufen. Die Idee ist, Jugendliche verschiedener Herkunftsländer, unterschiedlicher Hautfarben, Kulturen und Religionen zusammenzubringen, sie miteinander reden und gemeinsame Unternehmungen planen zu lassen. Vorbehalte und Vorurteile sollen dadurch abgebaut werden und Konflikte gar nicht erst entstehen.

Programm Eva Haller und Stanislav Skibinski, die beiden Leiter der Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA) in München, haben von der Sache gehört und beschlossen, das Programm nach Deutschland zu holen. »Man muss doch dringend etwas tun, um all die jungen Geflüchteten in die deutsche Gesellschaft einzugliedern«, sagt Eva Haller. Gesagt, getan. Sievlud Rabbiner Kaplan zu einem Vortrag nach München ein, marschierte mit ihm ins Rathaus, um die zuständigen Beamten davon zu überzeugen, dass das, was in New York funktioniert, auch in München möglich sein sollte. So fand YouthBridge seinen Weg in die Villa an der Isar und wurde zu einem Pilotprojekt der Korczak-Akademie, das seit Oktober 2016 läuft.

»Jetzt ist München natürlich nicht New York, und auch die Situation unserer jungen Leute ist eine andere«, sagt Eva Rapaport, die als Mediatorin das EJKA-Projekt unterstützt. Die Villa, die vom »Verein für Sozialarbeit« als Heim mit Rundumbetreuung von sieben unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien genutzt wird, habe man »der Einfachheit halber für das Projekt gewählt, weil da die Infrastruktur schon vorhanden war, und weil das ein schöner Ort ist, um die Geflüchteten mit Münchner Jugendlichen zusammenzubringen«.

Fachkräfte Eva Rapaport hat eine psychotherapeutische Ausbildung und schon einige Male mit Jugendlichen gearbeitet. Jetzt ist sie Mitgestalterin wie auch Wohltäterin des EJKA-Projekts YouthBridge. »Ich habe das Konzept den Münchner Bedingungen angepasst«, erklärt sie. »Das hat viel Zeit und Sorgfalt verlangt, aber ohne genaue Strukturierung und festgelegten Plan funktioniert so etwas einfach nicht.« Entstanden ist ein Ablauf in drei Stufen, der Phase für Phase von professionellen Fachkräften begleitet wird.

Den Anfang machte eine Schulung von neun christlichen, jüdischen und muslimischen Münchner Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, der späteren Mentorengruppe, die als Multiplikatoren das Projekt weitertragen sollen. Dann trafen sich die Jugendlichen. »Da war ich mir natürlich nicht ganz sicher, wie das werden würde«, erinnert sich Jana (18) aus der liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom. »Aber die waren wirklich sehr offen, wir haben gut zusammengefunden, und meine Schwester Liza und ich hoffen wirklich, dass die ganze Sache weitergeht.« Nach dem anfänglichen »Beschnuppern« habe man gemeinsam gekocht, erzählt sie weiter. Die Jugendlichen kreierten zusammen ein dreigängiges Menü – eine syrische und eine türkische Vorspeise, ein afghanisches Hauptgericht und eine deutsche Nachspeise: Apfelkuchen. »Das haben alle wirklich geliebt«, freut sich Eva Rapaport. »Das war eine sinnliche Erfahrung.«

Uri (15) schaut mit projektorientiertem kritischen Blick auf diese Erfahrung: Kochen sei ja nicht immer ganz einfach, und die Art, wie man etwas Schwieriges angehe, das habe er beobachtet, »die ist – auch wenn die Hintergründe ganz verschieden sind – oft identisch«. Überhaupt fand er »den Austausch mit Leuten, mit denen ich sonst nie zu tun gehabt hätte, schon sehr interessant«. Und die Religion? »Hat keine Rolle gespielt. Ich glaube, niemand weiß genau, wer welche Religion hat.«

Flüchtlinge Mahammads (16) Hand ist dick bandagiert. Auf dem Kopf trägt er ein lose gebundenes Tuch, an den bloßen Füßen Gummilatschen. Mahammad kommt aus Afghanistan, ist Vollwaise und seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Er spricht gut Deutsch, will Elektroniker werden, und ihm gefällt, dass hier alle zusammen sind, egal welcher Religion sie angehören. »Ich habe erlebt, wie man in der Gruppe arbeitet. In meinem Land habe ich nur gelernt, dass die Juden schlecht sind und die Christen schlecht sind.« Hier habe er erfahren, »dass es nicht um die Religion geht, sondern ums Herz«. Mahammad will Boxen lernen, am liebsten in einem Verein, »damit die Aggressionen aus dem Kopf gehen«.

Derweil geht die Diskussion am weißen Tisch im Foyer weiter. Was da an den Computern geschäftig vorbereitet wird, ist eine Foto-Ausstellung: die letzte Phase des dreistufigen Projekts. Die Bilder, die die Jugendlichen gemacht haben und die sie jetzt bearbeiten, versuchen, den Augenblick zu bannen, der – mal direkt, mal versteckt – davon erzählt, wie es ist, geflohen zu sein, in einer neuen Stadt zu leben, Sorgen und Ängste zu haben und neue Freunde zu gewinnen.

»Auch wir Organisatoren haben bei dieser Sache kostbare, wertvolle Menschen erlebt, die uns alle berührt haben«, sagt Oren Osterer, der als Projektkoordinator fungiert. Zusammen mit Eva Rapaport wünscht er sich noch mehr jugendliche Teilnehmer aus den beiden jüdischen Gemeinden Münchens. Nach dem Projekt ist schließlich vor dem Projekt.

Die Ausstellung wird ab dem 26. März im Münchner Oskar-von-Miller-Gymnasium im Rahmen des Projekts »Schule ohne Rassismus« zu sehen sein. Auch Rabbiner Kaplan kommt zur Vernissage.

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