Porträt der Woche

»Bevor es zu spät ist«

Vor einem Plakat seines Films »Alle Juden raus!«: Emanuel Rund Foto: Christian Rudnik

Mein Alltag, wie mein ganzes Leben, ist sehr von Tikkun Olam geprägt, von der Idee, die Welt besser zu machen. Ich bin ein Brückenbauer. Wenn ich zum Beispiel als Kantor in irgendeiner Gemeinde singe und danach Leute aus der ehemaligen Sowjetunion zu mir kommen, die nie richtiges Judentum erlebt haben, mich umarmen und sagen: »Bitte, komm wieder«, und ich antworte: »Wenn ich eingeladen werde, komme ich wieder« – dann habe ich das Gefühl, etwas zur Verbesserung der Welt beigetragen zu haben.

Es ist noch nicht lange her, da habe ich 365 Tage im Jahr gearbeitet. Freitags bin ich losgefahren zu irgendeiner Gemeinde, die mich einmalig oder ein Jahr lang als Kantor gebraucht hat. Dort blieb ich dann den ganzen Schabbat. Sonntags bin ich wieder nach München zurückgekommen und war von montags bis freitags mit meinen Filmen beschäftigt.

Kantor Im Moment sieht es anders aus. Ich habe mich aufs Schreiben verlegt und warte darauf, dass man wieder häufiger nach mir als Kantor verlangt. Ich stehe auch bereit, wenn man, wie schon einige Male geschehen, als Schauspieler nach mir fragt. In dem Film Comedian Harmonists war ich der Rabbi und Kantor, im Letzten Zug von Joseph Vilsmaier ein orthodoxer Jude.

Ich hoffe sehr, dass meine eigenen Filme wieder mehr Beachtung finden und dass die Wichtigkeit des filmischen Materials, das sich über die Jahre in meiner Wohnung und in drei Lagerräumen angesammelt hat, erkannt wird. Ich habe viele der Großen, die Deutschland verlassen mussten, aufgenommen, war beim Treffen der Walter‐Benjamin‐Gesellschaft in Portbou dabei. Das muss alles unbedingt archiviert werden, ich will es geordnet in Kopien dem Leo‐Baeck‐Institut und dem Berliner Jüdischen Museum übergeben. Aber allein ist das nicht zu schaffen. Deshalb biete ich es als Projekt an. Vielleicht ist eine Universität interessiert. Da bin ich sehr auf der Suche.

Manchmal schrecke ich nachts aus dem Schlaf und denke, mit meinem Material sei etwas passiert. Mir gehen viele Ideen und Geschichten durch den Kopf. Seit ich in Deutschland bin, komme ich von der Geschichte meiner Vorfahren nicht mehr los. Deshalb schreibe ich.

Geschichten In der Regel wache ich morgens zwischen fünf und sechs Uhr auf. Manchmal bleibe ich liegen, manchmal stehe ich sofort auf. Das hängt ganz davon ab, wie anstrengend der vorherige Tag war. Nach dem Aufstehen kommt das Morgengebet. Danach schaue ich ins Internet, checke meine Mails, trinke Kaffee, erledige Telefonate. Dann gehe ich zur Bibliothek, wo ich mindestens vier Tageszeitungen lese. Informationen aus Israel hole ich mir aus dem Netz. Ansonsten schreibe ich, unterbrochen durch ein Mittagessen und ein paar Spaziergänge. Ich arbeite an mehreren Romanen gleichzeitig. Ein Geschichtenerzähler war ich schon immer.

Die Romane, an denen ich sitze, bestehen zum großen Teil aus den Biografien meiner Familie. In einem gehe ich 200 Jahre zurück, als Juden und Nichtjuden zusammenlebten – mit der Bibel als gemeinsamem Nenner. Es gibt da Fischer und Viehhändler, wie mein Großvater in Ostfriesland einer war. Zudem war er Kantor und Rabbiner. Ich schreibe auch über meinen Vater, der in Berlin geboren wurde. Er hat, genauso wie ich, erzählt und geschrieben, zum Beispiel über den Krieg in Jerusalem und wie sich die Jeckes dort angestellt haben, als es darum ging, ihre Stadt zu verteidigen. Die hatten ja keine Ahnung und wussten nicht, wie man ein Gewehr hält.

Kurz vor seinem Tod hat mein Vater ein Manuskript verfasst, in dem er beschreibt, wie er Berlin verließ und illegal ausgewandert ist. Er wollte sein Buch »Exodus« nennen, doch dann kam ihm Leon Uris mit seinem Roman zuvor. Ich habe jedenfalls vor, für diese Texte einen Verlag zu finden; das ist mir wichtig. In den vergangenen Jahren bin ich zu solchen Dingen kaum gekommen, weil ich damit beschäftigt war, Überlebende zu treffen und Filme mit ihnen zu drehen, bevor es zu spät ist.

Kindheit Beim Schreiben in den Vormittagsstunden kehre ich oft in meine Kindheit in Jerusalem zurück: Ich wuchs in einer aufregenden Nachbarschaft auf, hatte es mit Erwachsenen zu tun, die ich nie vergessen werde und die mich beeindruckt haben. Ich saß auf dem Schoß von Martin Buber, begegnete Schalom Ben‐Chorin und Professor Schmuel Bergman, einem Schulfreund Kafkas. Ich bin ihnen nicht nur begegnet, sondern ich habe sie ausgefragt, wie nur Kinder jemanden ausfragen können. Niemand außer mir wollte von ihnen wissen, wie es dort war, wo sie herkamen. Über diese Zeit schreibe ich heute.

In Jerusalem habe ich mich übrigens auch in die Kunst des synagogalen Gesangs unterweisen lassen – von zwei der berühmtesten Kantoren: Moshe Stern und Naftali Hershtig. Sie wohnten bei uns um die Ecke. Als mein Vater starb, war ich gerade mal zehn Jahre alt. Ich habe für ihn das Kaddisch gesagt, war in diesem Alter bereits Kantor meiner Schule. Aus meinen Erinnerungen und Romanen sollen später Drehbücher werden. Und dann Filme.

Als Jugendlicher habe ich viel fotografiert, und mir war bald klar, dass ich Regisseur werden will, und zwar einer, der auch von Kameraführung etwas versteht. Ich machte Radio, kam zum israelischen Fernsehen, machte dort nach gerade mal drei Schulungsmonaten kleine Dokumentarfilme und kurze Berichte: Mal filmte ich, mal führte ich Regie – und schließlich schickte man mich nach Amerika, um von dort zu berichten. Ich blieb etwa 15 Jahre dort und war bei vielen Sendern gefragt. Mit der Kamera in der Hand habe ich einiges erkämpft für Schwarze, Latinos und Behinderte. Die Filme wurden landesweit in Lehrveranstaltungen gezeigt.

Irgendwann war ich dann in Hollywood und habe mit einer Gruppe von Leuten Spielfilme gedreht. Doch allmählich brachte mich diese Welt ins Grübeln: Ist das hier wirklich mein Ding, ist das hier meine Mission?

wurzeln 1984 bin ich nach Deutschland gegangen. Ich wollte mehr über meine Wurzeln erfahren. Meine Eltern haben ja fast nichts erzählt, es war zu schmerzhaft für sie. Hier in Deutschland habe ich dann auch gleich meinen nächsten Film gedreht, bin mit deutschen Gymnasiasten nach Israel gereist und brachte sie mit drei Generationen jüdischer Menschen ins Gespräch. Und immer hielt ich meine Kamera darauf. Wieder einmal sind Brücken entstanden.

Mein Film Alle Juden raus! erzählt die Familiengeschichte der Schoa‐Überlebenden Inge Auerbacher. Der Streifen hat es bis zum Oscar‐Wettbewerb gebracht. Er wird nächsten Mittwoch im Münchner Filmmuseum gezeigt. Ich werde bei der Vorführung anwesend sein und den Zuschauern Rede und Antwort stehen; davon erhoffe ich mir eine ganze Menge. Was Geld anbelangt, stehe ich im Moment nicht sehr gut da. Das deutsche Fernsehen schuldet mir noch einiges. Ich habe Geldsorgen. Und dabei lagern bei mir Schätze. Echte Schätze.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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