Frankfurt

Besuch in der alten Heimat

Wir waren Frankfurter, vom jüdischen Leben kann ich Ihnen gar nichts erzählen», sagt Renata Harris in bestem Deutsch. «Wir waren mehr als liberal», fügt die 1929 in Frankfurt geborene Dame hinzu. So feierte ihre Familie sowohl Chanukka als auch Weihnachten. Harris konnte mit dem letzten Kindertransport nach England fliehen. Ihre Mutter Adelheid Adler wurde 1942 deportiert und ermordet. An das genaue Datum ihrer Flucht erinnert sich Renata Harris noch heute: 26. August 1939.

Anlässlich des Besuchsprogramms für ehemalige Frankfurter und ihre Nachfahren ist Harris Anfang Mai für acht Tage in ihre Geburtsstadt gekommen. Sie hat schon 2012, 2013 und 2014 am Besuchsprogramm teilgenommen, und das ist nicht selbstverständlich. «Die letzten 75 Jahre habe ich nichts zu tun gehabt mit Frankfurt und Deutschland», sagt Renata Harris.

Unter den etwa 50 Teilnehmern des diesjährigen Programms ist sie eine der wenigen unmittelbaren Zeitzeugen – die meisten sind Kinder und Enkel. «Die Zweite Generation hat sehr wohl etwas zu sagen», betont Angelika Rieber, Gründerin und Leiterin von «Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt». Die Initiative betreut das Besuchsprogramm überwiegend ehrenamtlich in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und dem Schulamt.

nachfahren Seit 2012 werden auch die Kinder ehemaliger Frankfurter eingeladen. Von schwindendem Interesse der Nachfahren kann laut Rieber keine Rede sein. «Die Stadt hat eine lange Anmeldeliste.» Auf dem Programm stehen unter anderem Gespräche mit Schulklassen und Rundgänge durch die Stadtteile, aus denen die Vorfahren stammen. Einige besuchen zudem die Herkunftsorte ihrer Eltern oder Großeltern außerhalb Frankfurts.

Am vergangenen Donnerstag kamen die Teilnehmer in der Deutschen National­bibliothek zu einem Begegnungsabend mit Schülern und Lehrern zusammen. In ihrer Begrüßungsrede sprach Angelika Rieber die oft gemischten Gefühle der Teilnehmer an: «Freude und Neugier könnten sie ebenso begleiten wie Angst.»

Zeitzeugen könnten junge Menschen für das Thema Schoa öffnen, auch wenn viele Schüler keine deutschen Vorfahren hätten, sagte Rieber. Besonders berühre die Schüler die Erfahrung derjenigen, die durch die Kindertransporte gerettet wurden. Die von Rieber geleitete Initiative sammelt derzeit Spenden für ein Kindertransport-Denkmal am Frankfurter Hauptbahnhof.

Beim anschließenden Gespräch zwischen Schülern, Lehrern, Zeitzeugen und Nachfahren könnte die Frage im Zentrum gestanden haben: Was bewegt die Kinder und Enkel ehemaliger Frankfurter, die Stadt aufzusuchen, die sie meist nur aus Erzählungen kennen?

Familienforschung
Daniela und Moshe Wolman sind aus Israel angereist. Ihre Mutter sei in Frankfurt geboren, erzählt Daniela Wolman. «Wir erhoffen uns, mehr über die Geschichte unserer Vorfahren zu erfahren», sagt sie. Judith Travis ist etwa 70 Jahre alt und lebt in Florida.

Ihre Mutter wuchs in Frankfurt auf, ging auf das dortige Philanthropin und floh 1939 in die USA. Travis ist mit ihrer Tochter Emilie nach Frankfurt gekommen. Sie nennt zwei maßgebliche Gründe für den Besuch. Zum einen geht es ihr darum, ein Gespür für ihre Wurzeln zu bekommen: «Wo komme ich her?» Travis möchte zudem, dass ihre Tochter Geschichte nicht aus Büchern lernt, sondern direkt erfährt.

Bereitwillig erzählt Judith Travis die Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter war Klavierspielerin und Organistin, der Vater Kantor einer deutsch-jüdischen Gemeinde in Manhattan. «Mein Vater war ein guter Deutscher», sagt Travis. Sie beschreibt ihn als ordentlich und strukturiert. Überhaupt seien die Eltern strenggläubig gewesen. Die häufigen Synagogenbesuche und die deutschsprachigen Gottesdienste seien für sie als Kind «eine Folter» gewesen, erinnert sich Travis. Als Studentin distanzierte sie sich von der Religion: «Es machte keinen Spaß, jüdisch zu sein.»

Bizzlwasser Es sind bisweilen kleine Details, die Judith Travis’ Erinnerung anregen – so zum Beispiel das Sprudelwasser, das im Verlauf des Abends an den Tischen verteilt wird. «Bizzlwasser» hätten es ihre Eltern genannt. Das habe immer vorrätig im Kühlschrank gestanden. Ihre Eltern haben zu Hause Deutsch gesprochen, berichtet Travis. Sie hätten einerseits die deutsche Kultur, insbesondere die Musik, glorifiziert, meint die Tochter. Andererseits hätten sie unablässig von Hitler und den Nazis gesprochen. Dabei seien die Eltern aber nicht ins Detail gegangen. Sie hätten kaum über die Verfolgung während der NS-Zeit gesprochen.

Ihr Vater war im Konzentrationslager Dachau, erzählt Travis. Die Eltern ihrer Mutter schafften es nicht, aus Deutschland zu fliehen, und wurden ermordet. «Wir wussten vom Terror – und wir fühlten ihn», fasst Judith Travis ihre Erfahrungen zusammen. Sie erinnert sich dann an eine Deutschlandreise mit ihren Eltern im Jahr 1972. Erst hätten sie Sehenswürdigkeiten in München besichtigt, dann seien sie nach Dachau gefahren. «Es war eine starke Erfahrung», sagt Travis sichtlich bewegt. Auch ihre Tochter ringt um Fassung.

Intensiv und konzentriert wirken die Gespräche zwischen Schülern und Zeitzeugen, so verging der etwa zweistündige Begegnungsabend für alle Beteiligten sehr schnell. Für den nächsten Tag planten Judith und Emilie Travis Besuche von Orten, an denen ihre Mutter und Großmutter aufwuchsen. Ein Ausflug nach Heidelberg und ein Gespräch mit Schülern der Europäischen Schule rundeten den Besuch ab. «Ich habe Neues über meine Mutter und unsere Familiengeschichte gelernt», resümierte Emilie Travis.

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