Porträt der Woche

Berliner Geschichten

Sonja Arendt gründete »Zitty« mit und wurde unter einem Pseudonym zur Erfolgsautorin

von Gerhard Haase-Hindenberg  06.07.2024 22:56 Uhr

»Über die Beschäftigung mit der Geschichte meiner Familie fand ich zu meinen jüdischen Wurzeln«: Sonja Arendt (77) Foto: Stephan Pramme

Sonja Arendt gründete »Zitty« mit und wurde unter einem Pseudonym zur Erfolgsautorin

von Gerhard Haase-Hindenberg  06.07.2024 22:56 Uhr

Als ich anfing, Bücher zu schreiben, habe ich mir ein Pseudonym zugelegt. Der Hintergrund war, dass mir manche eine physische Ähnlichkeit mit Hannah Arendt nachsagten, mit deren Vorfahren vor drei Generationen der Familienzweig meines Vaters tatsächlich verwandt war. Fragen nach einer solchen Verwandtschaft wollte ich von vornherein aus dem Weg gehen. Nun war mir der Nathan Zuckerman als fiktive Figur eines jungen Autors in den Romanen von Philip Roth bekannt. Ich habe mich ein bisschen als dessen kleine Schwester imaginiert und veröffentlichte meine Bücher daher unter dem Namen Marcia Zuckermann.

Mischpoke und Schlamassel sind die Titel zweier Romane, in denen ich die Geschichte meiner jüdischen Familie abgehandelt habe. Deren Stammbaum ist bis ins Jahr 1721 zurück nachweisbar. Wobei Mischpoke das Buch über die Frauen ist, die alle die Schoa auf die eine oder andere Weise überlebt haben. Bei Schlamassel stehen dann die Männer im Mittelpunkt, allen voran mein Vater. Er war Kommunist und ist gleich 1933 bei der ersten Verhaftungswelle festgenommen worden.

Die rote Fahne auf dem höchsten Fabrikschornstein Berlins

Nach der Machtübernahme der Nazis hatte er gemeinsam mit seinem Bruder die rote Fahne auf dem höchsten Fabrikschornstein Berlins angebracht – als Fanal gegen das Verbot der Gewerkschaften. Nach der Verurteilung zu einer Haftstrafe von 15 Jahren kamen sie ins Zuchthaus Brandenburg. Dort gab es einen schrecklichen Kalfaktor, der die ihm unterstellten Gefangenen furchtbar behandelt hat. Sein Name war Erich Honecker. Zu den Olympischen Spielen 1936 gab es eine Amnestie. Die beiden Brüder kamen kurzfristig frei. Meinem Onkel gelang die Flucht nach England, mein Vater ist bald erneut festgenommen worden und kam ins KZ Buchenwald.

Letztlich hat es ihm das Leben gerettet, dass er dort als Kommunist einsaß, als in Berlin die Deportationen der jüdischen Bevölkerung stattfanden. Nach der Befreiung lernte er meine Mutter kennen, die im Untergrund Widerstand geleistet hatte. Sie hatte geholfen, bedrohte Menschen aus Deutschland hinauszuschmuggeln.

Bemerkenswert an meiner Sozialisation ist, dass ich im Gegensatz zu anderen jüdischen Kindern durch meine Eltern kein Trauma der Entwürdigung erfahren habe. Mein Vater hat sich nämlich nie als Opfer empfunden, sondern nur als »unterlegener Kämpfer«. Mein Trauma war, dass ich von Helden umstellt war. Da musste man sich doch eigentlich unbedeutend fühlen. Doch der uneingeschränkte Stolz meines Vaters hat sich positiv auf mein Selbstbewusstsein ausgewirkt.

Mein Trauma: Ich war von Helden umstellt.

In Ost-Berlin war mein Vater bei seiner Partei bald in Ungnade gefallen. Im Jahr 1958 sind wir in den West-Teil geflüchtet, und meine Eltern wurden als politische Flüchtlinge anerkannt. Weil man uns vor Racheakten der Stasi gewarnt hatte, waren wir über Jahre immer woanders polizeilich gemeldet als dort, wo wir tatsächlich wohnten.

Die Schule habe ich nicht bis zum Abi­tur durchlaufen, und das hat einen erzählenswerten Hintergrund. Es waren unter den Schülern kleine Arbeitsgruppen gebildet worden, die sich mit aktuellen politischen Fragen beschäftigen und das Ergebnis auf einer großen Veranstaltung in der Aula vorstellen sollten. Anfang der 60er-Jahre waren die ehemals deutschen Ostgebiete noch ein kontrovers diskutiertes Thema.

Der Tenor meiner Ausführungen war: Deutschland hat den Krieg angefangen und verloren. So sei es nur recht und billig, dass dieser Verlust eingetreten ist. Da an dieser Veranstaltung auch der Bezirksschulrat teilnahm, war das der maximale Skandal. Fortan machte man mir den Besuch der Schule zur Hölle, bis ich sie schließlich verließ und erst einmal zu meinem Onkel nach England ging.

Ausbildung zur Werbekauffrau

Nach einer Weile kehrte ich zurück nach Berlin und habe im wissenschaftlichen Springer-Verlag eine Ausbildung zur Werbekauffrau absolviert. Danach hat man mich wegen meiner guten Englischkenntnisse für das New Yorker Büro vorgeschlagen. Dort machte ich dasselbe wie hier auch: Ich pflegte den Direktkontakt mit den Anzeigenkunden und bereitete Kongresse vor. Allerdings war in den 60er-Jahren in New York das gesellschaftliche Klima noch ziemlich altmodisch.

Da gab es beispielsweise einen Dresscode, der mich zwang, selbst bei 35 Grad Außentemperatur Nylonstrümpfe und geschlossene Schuhe zu tragen. In den USA war man damals nur in den Kunstkreisen progressiv, nicht aber im amerikanischen Alltag. Nach zwei Jahren kehrte ich New York den Rücken.

Zurück in Berlin, war ich bei einem Stadtmagazin für die Anzeigenakquise tätig. Doch das Unternehmen stand auf der Kippe, die Mitarbeiter hatten teils schon seit Monaten kein Gehalt bekommen. In dieser Situation habe ich meinen Kollegen den Vorschlag gemacht, eine eigene Zeitschrift auf den Markt zu bringen. So wurde in meinem Wohnzimmer das Stadtmagazin »Zitty« gegründet und ich dessen Geschäftsführerin.

Dem Zeitgeist entsprechend linksradikal eingestellt

Dem Zeitgeist entsprechend war ich seinerzeit linksradikal eingestellt, allerdings gemäß der Familiengeschichte in Opposition zu allen Stalinisten – in meinem Fall als Trotzkistin. Jedenfalls wurde mir bald klar, dass man mit sechs Leuten in einem Berliner Zimmer schwerlich eine Weltrevolution veranstalten kann. Also gab ich diese Verirrung schnell auf und stufte die sozialistischen Ideen als utopische Träumereien ein. Ich wollte endlich journalistisch tätig werden, aber das Zitty-Kollektiv sah meinen Aufgabenbereich eher in der Geldbeschaffung.

Also habe ich meinen Geschäftsanteil verkauft und begann meine journalistische Karriere bei der Zeitschrift »Konkret« mit einer Reportage über skandalöse Zustände im Frauengefängnis Lehrter Straße. Sie führte schließlich zum Sturz des Justizsenators Hermann Oxfort, der bereits wegen anderer Skandale angezählt war. Danach war ich als freie Journalistin für Zeitungen, Radio und Fernsehen im Bereich Jugendkultur und Soziales tätig.

Ich drehte Dokumentationen über die erste Kinderladen-Generation oder Porträts gegensätzlicher Generationsgespanne.

Ich drehte Dokumentationen über die erste Kinderladen-Generation oder unter dem Titel »Zwei Mütter, zwei Töchter« Porträts gegensätzlicher Generationsgespanne. Über Nina Hagen habe ich ein 30-minütiges Radio-Porträt gemacht, das in allen Sendern der ARD und über Deutschlands Grenzen hinaus gesendet wurde. Zum Glück gab es damals noch Wiederholungshonorare.

Nach der Wende habe ich sieben Jahre in Spanien für die deutsch-spanische Verlagsgruppe »Vista« als Beraterin gearbeitet. In der Freizeit habe ich meinen Debütroman Das vereinigte Paradies geschrieben, der 1999 erschien. Bald danach habe ich mich bei Recherchen für den Roman Mischpoke mit dem Stammbaum meiner Familie beschäftigt, den mein englischer Onkel angefertigt hatte. Einige Male wäre ich fast an der Fülle des Stoffes gescheitert. Aber ich machte weiter und fand über die Beschäftigung mit der Geschichte meiner Familie immer mehr zu meinen jüdischen Wurzeln.

Verbindung zur jüdischen Gemeinde

Damals kannte ich ein paar säkulare Juden, aber meine Verbindung zur jüdischen Gemeinde war nicht existent. Nun aber musste ich mich mit dem Judentum beschäftigen, mit der Religion, der Tradition und all dem, was sich davon in der Familiengeschichte spiegelt. Irgendwann wollte auch ich dazugehören. Da ich aber nur patrilinear jüdisch war, musste ich über einen Giur nachdenken. Das hat mich erst einmal abgeschreckt.

Dann bin ich auf das Faktum gestoßen, dass es von 1920 bis zum Jahr 1953 in der Berliner Reformgemeinde das Egalitätsprinzip gab, was bedeutet, dass in der Zeit, als ich geboren wurde, auch die väterliche Linie als jüdisch zugelassen war. In einem Gespräch mit Rabbiner Andreas Nachama habe ich mich auf dieses damals gültige Egalitätsprinzip berufen. Nach einer Art Giur »light« durfte ich mich einem dreiköpfigen Rabbinatsgremium vorstellen, das mich schließlich als Jüdin anerkannt hat. Endlich hatte ich das Gefühl, dazuzugehören. Da in meiner unmittelbaren Nachbarschaft einige jüdische Freunde wohnen, nehme ich, wenngleich unregelmäßig, am traditionellen jüdischen Leben teil.

Auf mein ereignisreiches Leben zurückblickend sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass ich alleinerziehend auch zwei Kinder großgezogen habe. Mein Sohn ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann in Stuttgart und meine Tochter Ärztin in Frankfurt.

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