Erfurt

Begegnungen in Thüringen

Die Achava-Festspiele widmen sich in den kommenden elf Tagen der Kultur, dem Dialog und der Arbeit mit Schülern. Foto: Blanka Weber

Wir werden eine Reise machen«, kündigt Martin Kranz, der Intendant der Achava‐Festspiele die kommenden elf Tage an. »Wir wollen Sie auf eine Reise mitnehmen in die Geschichte und auch in die der Stadt Erfurt. Wir wollen uns mit dem Mittelalter beschäftigen und der damals so begehrten Färbepflanze Waid. Was ist passiert, als der Reichtum aufkam durch diese Pflanze?« Doch der Faszination des »Erfurter Blau« und der Frage nachzuspüren: Durften auch Juden mit dem teuren Farbstoff handeln?, ist nur ein Aspekt der Veranstaltungen.

»Wir wollen über Diskriminierung reden, über 70 Jahre Israel, über Orte und Menschen – über Haifa und Erfurt«, so Kranz. Seit 18 Jahren sind beide Städte als Partner verbunden. Ob es trotz aller Unterschiede Schnittmengen in der Architektur der 20er‐ und 30er‐Jahre gibt, das wollten Architekten, Architekturhistoriker und Denkmalpfleger wissen.

Bauhaus Ines Weizman, geboren in Sachsen, pendelt heute zwischen ihrem Wohnort London und dem Arbeitsort Weimar. Sie lehrt dort an der Bauhaus‐Universität und hat sich dem Projekt intensiv gewidmet. Auch – erzählt sie zur Eröffnung – weil ihr Mann aus Haifa stammt. Und so machten sie sich und ihr Team auf den Weg, um Grundrisse mit den typisch kubischen Formen des Bauhauses zu analysieren, ebenso die Fassaden der Kinos, Wohn‐ und Geschäftshäuser, und mehr zu erfahren über die einstigen Architekten und deren Auftraggeber, zum Beispiel Alexander Baerwald.

Der aus Berlin stammende Architekt baute zwischen 1910 und 1914 das Technikum (Hochschule) in Haifa, aber auch einige Wohnhäuser, wie das für den Maler Hermann Struck. Auch Struck kam aus Berlin nach Haifa, um dort für immer zu bleiben.

Die Ergebnisse der Wissenschaftler sind nun in einer Fotoausstellung zu sehen. Erfurt/Haifa – Architekturen der Moderne im Dialog ist der Titel der Schau, die oft in Schwarz‐Weiß gehalten ist und mit deutsch‐englischen Begleittexten arbeitet. Denn, so der Wunsch der Organisatoren: »Wir wollen, dass diese Ausstellung auch in Haifa im kommenden Jahr gezeigt wird. Dann wäre es wirklich: Begegnung.«

Plattform Die Worte Begegnung und Miteinander fallen oft am Abend der Eröffnung. Auch von Bodo Ramelow, dem Thüringer Ministerpräsidenten, der sich seit vier Jahren stark für das Festival einsetzt. »Es ist wichtig, dass wir das Festival Achava als Plattform haben, als Verbindung für alle Religionen und für alle Menschen, die miteinander leben, egal woher sie kommen. Hauptsache ist, dass sie miteinander leben möchten.«

Der Ministerpräsident erinnerte an die im vergangenen Jahr verstorbene Avital Ben‐Chorin und an den kürzlich in Schmalkalden verstorbenen jüdischen Zeitzeugen Kurt Pappenheim. Auch er hatte noch im Januar in Erfurt über das jüdische Leben und den Holocaust berichtet.

Und so sind es mahnende, eindringliche Worte, die aus dem Festival kein reines Kulturfestival machen, sondern eines mit Auftrag – dem Auftrag, das Miteinander demokratisch, humanistisch und respektvoll zu gestalten. »Es gehört auch zu Erfurt, dass es hier die Vernichtung unserer jüdischen Mitbürger gegeben hat, mit industrieller Fabrikation in Perfektion«, sagt Ramelow, der damit an das ehemalige Unternehmen »Topf & Söhne« erinnerte. »Hier wurden die Verbrennungsöfen, unter anderem für Auschwitz, gebaut.«

traurig Es sind ernste Worte in Zeiten, in denen der Antisemitismus nicht weniger, sondern offener, fühlbarer und in Teilen auch radikaler gezeigt wird. Zeiten, die Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landsgemeinde Thüringen in Erfurt, als »traurige Zeiten« empfindet. »Dennoch«, sagt Schramm, »wir sehen auch, dass die jüdische Kultur hier ernst genommen wird. Das fühlen die Juden. Für uns ist das Festival auch wichtig, weil wir mit dieser Plattform einen Beitrag für Toleranz und Mitmenschlichkeit zwischen Christen, Juden und Atheisten leisten können.«

Das Achava‐Festival, der Yiddish Summer Weimar (im Juli) und die jüdisch‐israelischen Kulturtage (im November) sind drei starke Festivals, die sich dem Miteinander der Religionen verschrieben haben. Zu viel des Guten? Reinhard Schramm hat eine klare Antwort parat: »In Zeiten, in denen der Nationalismus erstarkt, ist es nicht zu viel, zumal diese Angebote auch alle sehr unterschiedlich und über ganz Thüringen verteilt sind.«

Auch Bodo Ramelow bezeichnete die drei Festivals als »Visitenkarte von Thüringen« nach außen. Achava widmet sich in den kommenden elf Tagen der Kultur, dem Dialog und der Arbeit mit Schülern. Am Montag wird der Landtag geöffnet sein und der Plenarsaal vermutlich zum landesweit größten Schülerforum werden. Auch Gemeindevorsitzender Schramm wird Gesprächspartner sein, ebenso wie Düzen Tekkal (Jesidin, Europäerin des Jahres 2018), der Musiker Elija Avital und weitere Vertreter verschiedener Religionen und Kulturen.

»Ich denke, mehr Kultur, mehr Bildungsarbeit – wie auch jetzt im Landtag –, wo in vielen kleinen Gruppen Wissen vermittelt wird, wäre schön. Denn wenn uns eines fehlt in diesen traurigen Tagen«, so Schramm, »dann ist es Bildung.«

»Wenn wir es schaffen, ein Zeichen von Respekt, Begegnung und Miteinander zu setzen, Geist und Augen zu öffnen, wäre das gut. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft nur so weiterkommen. Diesen Dialog halte ich für essentiell und ganz wichtig«, ergänzt Achava‐Intendant Kranz.

Schüler Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai wird mit dem David Klein Quartett einen »Kurt‐Tucholsky‐Abend« gestalten, die amerikanische A‐capella‐Gruppe Maccabeats wird nicht nur mit Schülern einen Workshop erarbeiten, sondern auch ein Konzert geben. Der Klarinettist Helmut Eisel ist zu Gast, auch er wird mit und für Schüler musizieren.

Die Schirmherrschaft teilt sich Bodo Ramelow mit Romani Rose, dem Vorsitzenden der Sinti und Roma, und mit Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden. »Unser Auftrag«, sagt Thüringens Ministerpräsident, »besteht heute darin, unsere Herzen nicht mit Hass zu füllen, sondern mit Freude. Und was gibt es Besseres, um Herzen und Köpfe zu öffnen, als Musik, Begegnung, Kommunikation?«

»Seien Sie neugierig!«, gibt Intendant Kranz seinen Gästen mit auf den Weg. »Kommen Sie zu Achava.«

www.achava-festspiele.de

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