Porträt der Woche

Batmizwa und Jugendweihe

Ich erwache ganz langsam aus der Narkose und höre hebräische Gesänge. Schmerzen habe ich auch keine mehr. Langsam hört das Kribbeln in Händen und Füßen auf. Bin ich im Himmel? Nein, ich liege in Erfurt im Katholischen Krankenhaus. Es sind die 70er-Jahre. Zum Glück bin ich auf einer Privatstation untergekommen, die es offiziell in der DDR gar nicht gibt. Die Galle ist nun weg.

Weil die Gesänge nicht aufhören, klingele ich nach der Schwester. »Im Nachbarzimmer betet ein Jude«, sagt sie. Also muss ich ihn auch kennen, denke ich sofort. Wir sind doch nur noch eine Handvoll. 25 Gemeindemitglieder in ganz Thüringen, das ist wahrlich nicht viel. Und natürlich kannte ich den Mann. Das war kein Wunder. Und wohl auch nicht, dass manche von uns zerstritten waren. Angeblich streiten wir Juden ja mehr als andere. Aber das glaube ich nicht. Nur: Gestritten haben wir tatsächlich.

Tradition Trotzdem habe ich mich sehr wohl gefühlt in der Synagoge. Freitagabend durften wir als Kinder länger aufbleiben. Und Chanukka war immer ganz besonders. Meine Eltern wollten, dass ich mit jüdischer Tradition aufwachse. Das war in der DDR etwas Besonderes. Angst vor Repressalien? Nein, die hatte ich nicht. Auch nicht, dass es blöde Reaktionen in der Schule geben könnte. Ich glaube, sie haben gewusst, dass ich Jüdin bin. Aber es war ihnen egal. Ich war wie sie bei den Pionieren und später in der FDJ. Hatte Batmizwa und später Jugendweihe. Immer schön parallel. Das hat mich nicht gestört. Es war für mich normal.

Die Gemeinde. Die war für mich wie ein Hort. Dort war ich zu Hause. Im Sommer sind wir an die Ostsee gefahren. Gott war für mich selbstverständlich. Das ist er auch heute noch. Aber wenn ich mit ihm rede, muss ich nicht in die Synagoge gehen. Ich brauche kein besonderes Dach, wenn ich ihm nah sein will.

Erst hatte ich mich ja gefreut, dass so viele Jüdinnen und Juden aus Russland und der Ukraine hergekommen sind. Obwohl ich die Sprache seit der Schule nicht mag. Vielleicht, weil sie mir so schwerfällt. Jetzt sind wir in Erfurt endlich wieder viele. Das hatte ich mir ja gewünscht. Aber das ist nicht mehr meine Gemeinde. Ich weiß gar nicht so genau, warum das passiert ist. Ich fühle mich zwischen ihnen so fremd. Gesprochen wird immer noch fast nur Russisch, und ich bin dann draußen. Die paar Wörter aus der Schulzeit reichen nicht.

Feiertage Der Rabbiner hat mir aber gut gefallen. Konstantin Pal hat aufgepasst, dass auch die Alten nicht zu kurz kommen. Manchmal, an Feiertagen, bin ich noch in die Synagoge gegangen. Da habe ich den Rabbi erlebt. Er hat das gut gemacht. Nun ist er wieder weg, in Berlin. Mal sehen, wer nun kommt.

Ich will dem Neuen dann wieder eine Chance geben. Es ist doch gut, dass wir wieder mehr sind, sage ich mir gebetsmühlenartig. Sonst wäre die Jüdische Gemeinde bei uns in Erfurt bald tot. Diese Gefahr sehe ich allerdings trotzdem, denn es gibt so wenige Junge. Wenn meine Mutter noch leben würde, würde sie alles dafür tun, dass das Gemeindeleben läuft.

Sie kam mit Vater aus Breslau. 1934 haben sie geheiratet – noch heiraten dürfen! Mutter ist zum Judentum übergetreten. Doch die Nazis haben behauptet, sie führten eine Mischehe. Vater wurde immer wieder abgeholt und in Konzentrationslager gesperrt. Gegen Ende des Krieges ist er aus Groß-Rosen geflohen. Wie er die 60 Kilometer nach Breslau geschafft hat, weiß ich nicht. Er hat nie darüber geredet. Aber Freunde haben ihnen gesagt, sie sollen auf den Treck gehen. Als Deutsche und Juden könnten sie nach dem Krieg nicht bleiben.

Nazis Die beiden hat es, wie einige andere aus Breslau, nach Erfurt verschlagen. Und hier sind sie geblieben. Vater haben sie ein Haus im Dichterviertel angeboten, dem besten Viertel der Stadt. Dort hatten Nazis gewohnt. Die sind nach Kriegsende Hals über Kopf geflohen. Nein, hat Vater gesagt, er will ein solches Haus nicht. Man hat ihn und seine Frau vertrieben, er wird niemanden vertreiben – obwohl die ja schon weg waren! Stattdessen sind wir dann in eine Straße gezogen, die an das Blechbüchsenviertel grenzte. So nennt man bis heute hier in Erfurt jenen Stadtteil, in dem es mehr soziale Brennpunkte gibt als anderswo.

Dass ich geboren wurde, war ein Wunder, haben sie gesagt. Geboren nach 17 Jahren Ehe! Vielleicht haben die Ereignisse in Breslau eine frühere Schwangerschaft verhindert. Meine Mutter war dort nicht gleich schwanger geworden. Also gingen sie in ein Waisenhaus. Tana kam in die Familie. Sieben war sie, als die Nazis sie verschleppt und vergast haben. Ich habe Bilder von ihr nach Yad Vashem mitgenommen, ins Kinder-Memorial. Ich muss jedes Mal weinen, wenn ich von ihr rede. Aber ich will nicht, dass dieses Kind, sozusagen meine Schwester, vergessen wird. Jetzt erst recht nicht. Antisemitismus ist doch längst wieder ein Thema. Wer das leugnet, lügt.

Ich betreibe in der Stadt ein Café. Dorthin kam viele Jahre eine Stadtverordnete mit guten Manieren und hochintelligent. Während eines Chanukkafestes traf sie mich und fragte, was ich denn im Kaisersaal mache. Ich habe ihr geantwortet, ich sei Jüdin. Sie war verblüfft – und kommt seither nicht mehr in mein Café. Vielleicht ist das ja nur Zufall. Ich würde gern daran glauben. Antisemitismus hat aber nicht nur Springerstiefel an. Wenn ich solche Gedanken entwickle, fühle ich mich ganz einsam. Die einen sagen, ich übertreibe, und die anderen ziehen den Kopf ein. Mit einem aufgesetzten Lachen beende ich dann ernsthafte Gespräche.

Israel Aber vergessen kann ich die Situation nicht. Auch, wenn ich in meinem Café immer sehr freundlich und betont gut gelaunt bin, nagt ganz tief drin etwas in mir. Meinem Alex kann ich mit solchen Dingen auch nicht wirklich kommen. Vor fünf Jahren ist er mit 23 nach Israel gegangen. Dort fühlt er sich wohl. Wenn ich ihn besuche, ist alles schön. Aber ich brauche die deutsche Sprache und die Bücher und das Theater – und die Erfurter. Ich bin mit 62 zu alt, um freiwillig wegzugehen.

Es ist der Fluch der Kinder der Holocaust-Überlebenden, dass wir sonst keine Verwandten haben. Wie gern wäre ich als Kind zu Tante und Onkel, zu Cousinen oder Cousins, zu Großmutter oder Großvater gefahren. Sie kamen alle ins Gas. Alle. Ich habe die anderen in der Schule beneidet um ihre Verwandten. Und ich glaube, ich beneide sie bis heute. Weil ich in Deutschland nun wieder die Einzige bin. Mutter und Vater sind ja tot.

Davon erzähle ich in meinem Café natürlich nichts. Das geht die Gäste ja auch nichts an. Ins Café kommen die Leute, damit sie einen kleinen Schwatz halten können, selbstgebackenen Kuchen verzehren und Kaffee trinken. Sie kennen mich nur gut gelaunt. Ich gebe die Fröhliche – und bin es sogar auch. So soll es sein. Probleme haben die anderen selbst genug.

Und Geschichten, die die Alten erzählen, langweilen nur. Das habe ich selbst erlebt, als ich vor der Wende einige Jahre in der Jüdischen Gemeinde gearbeitet habe. Und da war ich den alten Leuten nun wirklich immer sehr zugetan. Manchmal hätte ich ihnen aber gern gesagt, sie sollen die alten Geschichten ruhen lassen. Und nun bin ich selbst eine von diesen Alten mit diesen Geschichten.

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