Nachgefragt

Auswandern ist kein Thema

»Teudat Ole«, der Ausweis für Neueinwanderer in Israel. Foto: Flash 90

Nervös schaut Maya auf ihr Handy. Ihre Söhne sollten jeden Moment mit dem Bus eintreffen. Maya will lieber anonym bleiben, denn beide Teenager besuchen das jüdische Gymnasium in Berlin-Mitte. Vor zwei Jahren wurde der Ältere auf dem Heimweg von muslimischen Jugendlichen angegriffen, mitten am Tag in der City-West.

Sie hätten sich von seinem Davidstern provoziert gefühlt, sagten die Angreifer damals. Seitdem hat die 40-Jährige keine ruhige Minute mehr. Erst recht nicht seit den Anschlägen von Paris. »Eine jüdische Schule, ein koscherer Supermarkt – so etwas wie in Frankreich kann jederzeit auch hier passieren«, befürchtet Maya, die nun überlegt, Deutschland zu verlassen.

anfeindungen Gedanken wie diese kann Billy Rückert gut verstehen. Dennoch kommt Auswandern für die 45-Jährige nicht infrage. Auch ihr Sohn besucht das jüdische Gymnasium. »Eine starke jüdische Identität ist der einzige Weg, um Anfeindungen entgegenzutreten«, ist die Grafikdesignerin überzeugt. »Was ist denn die Alternative? Dass wir uns verstecken oder fliehen?« Außerdem fühlt sie sich in Deutschland sicher und beschützt – mit einer Ausnahme, während der Beschneidungsdebatte 2012.

»Damals warfen mir nichtjüdische Freunde vor, ich würde meine Kinder verstümmeln.« Das habe sie zutiefst getroffen: Nach außen hin weltoffen und tolerant, doch immer folgte Sätzen wie »Ich habe nichts gegen Muslime oder Juden« ein großes »Aber«. »Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter«, gesteht die Berlinerin, die in Tel Aviv geboren wurde. Mit türkischen, persischen und arabischen Deutschen habe sie hingegen bislang meist positive Erfahrungen gemacht.

Bei Gerhard Haase-Hindeberg ist es umgekehrt. Angst habe er weniger vor nichtjüdischen Deutschen als vor gewaltbereiten Muslimen. Er sei durch und durch deutsch sozialisiert, »davonzulaufen« leuchte ihm »nicht ein«. Der Schauspieler und Buchautor ist überzeugt: Die Bundesregierung werde Juden immer schützen. »Anders als 1933 ist heute der Staat auf unserer Seite«, das sei der große Unterschied.

Haim und Wladimir aus Nürnberg sehen das ähnlich. Anfeindungen und gewalttätige Pöbeleien wie in Frankreich wären in Deutschland »völlig inakzeptabel«, so die Studenten. Ihr Freund Ilia ist da skeptischer. »Noch immer hallen mir die Tweets aus Paris im Ohr: Juden ermordet, weil sie Juden waren«, sagt der 31-jährige Jurist leise und gibt zu bedenken: »Das war kein Zufall.« Sein Onkel aus Israel wollte wissen, ob er schon die Koffer gepackt habe. »Nein, Auswandern ist kein Thema«, antwortete Ilia, aber er sei vorsichtiger geworden.

etabliert 90 Prozent der Juden in Deutschland hätten bereits eine komplette Auswanderung hinter sich, erklärt Haim. »Nach 20 Jahren haben wir russischsprachige Zuwanderer es geschafft, uns beruflich zu etablieren und sprachlich zu integrieren. Wir haben uns in Deutschland etwas aufgebaut, das gibt man nicht so leicht wieder auf«, so der angehende Akademiker. Bedroht fühle er sich nicht. Seit den Anschlägen von Paris hätten jedoch viele Gemeindemitglieder ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis.

»Wenn Juden sich nicht sicher fühlen in diesem Land, dann stimmt etwas nicht«, meint Ilia. Dass Salafisten und Pegida solchen Zulauf hätten, offenbare auch ein Versagen der Politik. Vor allem die Gewaltbereitschaft radikaler Muslime erschrecke ihn. »Wie kann das sein?«, fragt er. »Das passiert doch nicht über Nacht.« Hier seien vor allem muslimische Verbände und Imame gefragt: in puncto Jugendarbeit, Aufklärung und Bildung.

Man sollte überhaupt nicht ans Auswandern denken, wirft Wladimir leidenschaftlich ein. »Wenn wir bei jedem Anzeichen von Bedrohung ans Weggehen denken, dann haben wir nirgendwo eine Zukunft.« Er will dableiben und Probleme anpacken. Doch wie? »Können diese Belehrungen, wie Juden zu sein haben, nicht immer wieder aufflammen, ob mit dem nächsten Gaza-Krieg, Grass-Gedicht oder Beschneidungsthema?«, bemerkt Haim.

Anlässe wie diese förderten immer wieder vor allem eines zutage: viel Unkenntnis und wenig Bereitschaft, Juden einfach so anzunehmen, wie sie sind. »Israel ist unsere Lebensversicherung, also müssen wir diese Verbindung unterstützen«, schlägt er deshalb vor. Insbesondere aber gelte es, jüdische Gemeinden hierzulande von innen zu stärken. Zusammenrücken, Judentum aktiv leben – das sei den jungen Leuten wichtig.

stabil Die Jewish Agency nennt keine aktuellen Auswanderungsdaten. Laut Israels Immigrationsministerium wanderten 2014 jedoch 136 Personen aus Deutschland nach Israel ein. Nach Einschätzung von Sergei Tcherniak von Keren Hayesod unterschieden sich diese Zahlen kaum von denen der Vorjahre: So waren es 2013 etwa 130, 2012 nur 111 und 2011 wiederum 135 Menschen. Die Einwanderung nach Israel aus Deutschland sei stabil, selbst nach den Ereignissen des vergangenen Sommers. Antragszahlen für den Zeitraum nach den Pariser Anschlägen lägen allerdings noch nicht vor.

»Ich lebe mein Leben ganz normal weiter«, sagt auch Rafael Kune aus Hannover. Der 23-jährige Wirtschaftsinformatiker gibt sich kämpferisch: »Wir müssen zeigen, dass wir da sind. Nur so können wir dem Terror und Antisemitismus etwas entgegensetzen – jetzt erst recht.«

Auch Rebecca Mitzner lässt sich nicht beirren. Angst vor Terror sei ein legitimer Auswanderungsgrund, findet die Philosophiestudentin aus Bamberg, aber eine Art »Weltflucht« und daher das falsche Motiv. »Man kann sich nicht entziehen«, sagt die 23-Jährige. Denn die Angst vor Terror sei eine gesellschaftliche Angst, die viele Menschen gleicher Wertvorstellungen teilen, egal ob Juden, Christen oder Muslime.

Dialog Diese Angst nähre sich auch aus einer steigenden Tendenz zu Rassismus, egal ob gegenüber Flüchtlingen, Muslimen oder Juden – ein Warnzeichen, das David Holinstat schon lange alarmiert. »Die nächsten Schritte sind da ganz klein«, sagt der Ingenieur aus Tübingen besorgt. Doch wie damit umgehen? Ein Patentrezept gebe es nicht, so der 60-Jährige, der sich in Stuttgart im interreligiösen Dialog engagiert.

Er plädiert für Offenheit, alltäglichen Kontakt und unermüdlichen Dialog. Besonders wichtig sei es, antisemitischen, rassistischen, islamophoben und frauenfeindlichen Bemerkungen konsequent zu widersprechen. Das gelte insbesondere für Meinungsbildner wie Lehrer, Geistliche oder Politiker. Deutschland sei zwar beispielhaft in seiner Geschichtsaufarbeitung, dennoch hätte man es »nicht geschafft, alle mitzunehmen«. Umso mehr müsse man Nichtjuden die Möglichkeit geben, das Judentum zu entdecken.

Alles nur Augenwischerei, winkt Mirna Funk ab. Antisemitismus habe in Deutschland immer geschwelt. Wer etwas anderes glauben wolle, schiebe das nur vor, um hierbleiben zu können, sagt die Journalistin. Mirna bleibt nicht. Sie wolle »lieber unter Freunden als unter Feinden sterben«. Im April wandert sie nach Israel aus. Die Entscheidung fiel schon vor Paris. Die Anti-Israel-Demonstrationen und Facebook-Einträge vermeintlicher Freunde brachten für die 34-Jährige im vergangenen Sommer das Fass zum Überlaufen. Die »blinde Identifikation mit den Palästinensern und die Uninformiertheit über Israel« seien schier unerträglich. »Egal wie faktenbezogen man argumentiert, bei Israel beharren die Leute auf ihrer Sicht«, sagt Funk.

Masken Diese Erfahrung teilt auch Vivian Kanner. Menschen hätten während des letzten Gazakriegs ihre Masken fallen lassen, sagt die Sängerin und Schauspielerin aus Berlin. Seitdem ist Auswandern für sie ein Thema: weil antijüdische Beschimpfungen ungeahndet blieben.

Dabei hat die 44-jährige Tochter eines Auschwitz-Überlebenden Deutschland Zeit ihres Lebens verteidigt. »Meine Koffer waren immer ausgepackt.« Die Wut ist ihr deutlich anzumerken. »Mein Vater ist dageblieben, um zu zeigen, dass Hitler nicht gesiegt hat.« Israel ist für sie keine Option. »Mein Herz schlägt schwarz-rot-gold, nicht nur zur Fußball-WM. Ich möchte ungern ungewollt weg«, betont Kanner. Doch die westlich-demokratischen Werte seien in Gefahr. Das habe die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt.

Ähnlich geht es auch Helmut R. Er überlebte als Kind die Schoa und will lieber anonym bleiben. Illusionen hat er keine: Mit der Schoa sei die einstige Kraft des Judentums erloschen. Zudem hätten Politik und Gesellschaft zu lange das Problem der muslimischen Zuwanderer ignoriert, so der pensionierte Jurist. Mit fatalen Folgen. Für den 76-Jährigen geht es daher weniger um die Entscheidung: Bleiben oder gehen? Er sieht die zunehmende Bedrohung durch Terror und Antisemitismus als Ansporn – für neue jüdische Lebendigkeit. Bleiben? Ja. Aber unter anderen Vorzeichen.

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