Leipzig

Ausgebildet in Deutschland

Der besondere Augenblick: Rabbiner Chanoch Ehrentreu (l.) überreicht die Urkunde an Shlomo Afanasev (M.) und Moshe Baumel. Foto: Douglas Abuelo

Die Ordinierungsurkunde will Shlomo Afanasev seiner Mutter in Obhut geben. Dort sei sie gut aufgehoben. Er selbst wird seine erste Stelle als Rabbiner in Potsdam antreten. Dass ihn eine schwere Aufgabe erwartet, weiß der 27‐Jährige. Doch es schreckt ihn nicht. Genauso wenig Moshe Baumel, auch er seit vergangenem Montag frisch ordinierter Rabbiner. Der 22‐Jährige geht an eine Religionsschule nach Wien.

Afanasev und Baumel sind zwei Absolventen des Berliner Rabbinerseminars, das von der Ronald S. Lauder Foundation und dem Zentralrat der Juden in Deutschland 2005 gegründet wurde. Am Montag erhalten der im usbekischen Taschkent geborene Afanasev und der aus Vilnius stammende Moshe Baumel in einer feierlichen Zeremonie aus der Hand ihres Lehrers Chanoch Ehrentreu die Urkunden.

Ihnen zu Ehren sind viele Rabbiner der Orthodoxen Rabbinerkonferenz gekommen. Vertreter der Allgemeinen Rabbinerkonferenz, Gemeindevorsitzende, der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, seine Präsidiumskolleginnen Hanna Sperling und Lala Süsskind, Landes‐ und Bundespolitiker, der Präsident des World Jewish Congress und Stiftungsgründer, Ronald S. Lauder, Rabbiner Joshua Spinner, Vizepräsident der Lauderstiftung in Berlin und viele mehr. Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Gregor Gysi bahnt sich einen Weg durch die Reihen, seine Parteikollegin Petra Pau ist als Vizepräsidentin des Bundestages gekommen, der Polizeipräsident von Sachsen, Bernd Merbitz, nimmt im Mittelblock neben Zentralratsgeneralsekretär Stephan J. Kramer Platz.

Aufmerksamkeit Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch muss sich gleich zweimal durch die Reihen zwängen. Sie holt Ministerpräsident Stanislaw Tillich an der Eingangstür ab, begrüßt Rabbiner und Freunde rechts und links. »Die Synagoge ist voll wie an hohen jüdischen Feiertagen«, sagt Landesrabbiner Salomon Almekias‐Siegl fröhlich. Es ist ihm anzusehen, dass er es genießt, dass in seiner Synagoge mit Shlomo Afanasev ein Gemeindemitglied zum Rabbiner ordiniert wird. Und auch Gemeindevorsitzender Küf Kaufmann freut sich von Leipzig aus, ein Gemeindemitglied als geistigen und geistlichen Führer in die Welt zu entlassen. »Es ist einfach ein schöner Tag«, sagt Kaufmann knapp, schön, obwohl dunkle Wolken am Himmel Regen ankündigen. Doch regnen wird es nicht, bevor auch der Empfang später im Ariowitsch‐Haus zu Ende sein wird. Die Feier hatte schon am Vorabend mit einem Festessen begonnen, von dessen Atmosphäre Heinz‐Joachim Aris, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Sachsen noch einen Tag später schwärmt.

Pünktlich 11 Uhr beginnt die Ordinierungszeremonie, Rabbinerstudenten gehen paarweise, einer rechts, einer links durch den Gang vor zur Bima und stellen sich rechts von ihr auf. Ihnen folgen die Rabbiner und Ausbilder im Berliner Seminar und nehmen in den ersten Reihen Platz. Eine Ehrenformation für zwei junge Männer, die heute ihre Smicha erhalten.

Eigengewächs Moshe Baumel stellt sich vor: »Ich bin deutscher Staatsbürger, habe hier mein Abitur gemacht und an einem deutschen Rabbinerseminar studiert.« Er stellt vor, was einerseits das Konzept der Ausbildungsstätte ist und andererseits viele der Ehrengäste noch vor 15 Jahren für unmöglich gehalten haben. Übereinstimmend fragen fast alle Redner: Hätten wir uns so etwas vorstellen können? Es ist die zweite orthodoxe Rabbinerordination und die zweite Feier im Freistaat Sachsen.

Zentralratspräsidentin Knobloch nennt es »die wahr gewordene Utopie«, die nirgendwo sichtbarer sei als in Leipzig, wo 1989 noch 30 Juden und heute 1.300 leben. »Die Ankunft dieser Schwestern und Brüder aus der Ex‐UdSSR hat die letzten Reste Liquidationsmentalität verdrängt und in Deutschland definitiv ein auf Dauer angelegtes Judentum etabliert«, sagt sie.

Ronald S. Lauder erinnert sich an eine Situation im Fahrstuhl des General Motor‐Centers in Manhattan. Zwischen der 1. und der 42. Etage habe er mit Josh Spinner darüber nachgedacht, wie man die Gemeinden Dresden und Leipzig unterstützen könne. Ungewöhnlich wortkarg habe sein neuer Mitarbeiter gesagt, er kenne Leipzig nicht. Das war vor elf Jahren. Er habe damals nicht geahnt, dass eine Frage im Aufzug ihn mal zu einer solchen eindrucksvollen Zeremonie nach Leipzig bringen würde.

Demokratie Ministerpräsident Stanislaw Tillich erinnert an die große jüdische Gemeinde, die es vor der Schoa in dieser Stadt gab. Die Rabbiner‐Ordination sei eine Ehre für den Freistaat und stelle wie auch die Eröffnung des Ariowitsch‐Begegnungszentrums 2009 die Renaissance jüdischen Lebens in Sachsen unter Beweis. Den Feinden des offenen und toleranten Miteinanders entgegnet Tillich: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und ich füge hinzu: Die Demokratie ist wehrhaft.« Er sehe daher den Auftrag aller Demokraten, die Selbstverständlichkeit auch jüdischen Lebens in Deutschland zu verteidigen.

Mit Verve beantwortet Rabbiner Ehrentreu die Frage, ob man sich hätte vorstellen können, dass hier wieder jüdisches Leben einzieht, mit: Ja! »Denn die Physis einer Torarolle habe man vielleicht im Holocaust oder durch antisemitische Angriffe vernichten können, doch niemals ihren Geist, ihre Spiritualität.« So ist für ihn die Ordination seiner Studenten und das Aufleben jüdischen Lebens nur ein weiteres aktuelles beredtes Zeichen ihrer Kraft.

»Joreh, joreh keDat schel Tora«, lauten die wichtigsten Worte, die die beiden jungen Rabbiner schwarz auf weiß geschrieben in den Händen halten. »Er wird entsprechend der Tora richten«, ist das Zeugnis, das Rabbiner Chanoch ausstellt. Für sie sei gesorgt worden, sagt Shlomo Afanasev. »Wir sind aus demselben Holz geschnitzt wie die Mitglieder unserer jüdischen Gemeinden«, betont der junge Rabbiner. Mit der Arbeit in der Gemeinde wollen sie dankbar zurückgeben, was ihnen das Studiun an Möglichkeiten eröffnet hat.

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