Dresden

Auf Glas gesetzt

Die gläserne Bank als Mahnmal: interessiert bestaunt, aber nicht hinterfragt Foto: Steffen Giersch

Als die NPD 2004 in den sächsischen Landtag einzog, beschloss die Dresdner Bildhauerin Marion Kahnemann ein Zeichen gegen rechts zu setzen. Sie wollte drei gläserne Bänke im Dresdner Blüher Park, im Großen Garten und auf der Brühlschen Terrasse aufstellen. Die Inschrift »Nur für Arier« und ein eisernes, in den Boden eingelassenes Spruchband sollten daran erinnern, dass es Juden ab 1938 verboten war, öffentliche Grünanlagen zu betreten. »Parks sind für Dresdner selbstverständlich. Viele können sich kaum vorstellen, diese riesigen Areale zu umgehen«, erklärt die Künstlerin. Die 50-Jährige, die bei ihrer künstlerischen Arbeit ihr Jüdischsein entdeckte, wollte nicht nur auf die schleichende Entrechtung der Juden im Nationalsozilismus hinweisen: »Es geht mir auch um Ausgrenzung heute.«

Unverständnis Mit der Idee rannte sie keine offenen Türen ein. Nur die Berliner Stiftung »Zurückgeben«, die jüdische Frauen fördert, bewilligte der Bildhauerin 2008 ein Stipendium. »Da habe ich erst einen Computer kaufen müssen, um Politikern und Ämtern die zahllosen Briefe schreiben zu können«, erinnert sich die Bildhauerin. Nachdem sie die »zu provokative« Inschrift »Nur für Arier« in »Hinsehen« geändert hatte – konnte die 50-Jährige auch die Politiker überzeugen und bekam die nötigen 22.000 Euro aus der Stadtkasse bewilligt. Nur mit Mühe machten auch die Verwalter der Parkanlagen mit. Sie hatten Angst vor Vandalismus.

Ein Jahr stehen die Bänke nun. Außer leichten Kratzern gibt es keine Schäden an ihnen. Im Gegenteil, Marion Kahnemann beobachtet kleine gute Taten: »Bürger kehren im Herbst das Laub und im Winter den Schnee von den Bänken.« »Vielleicht waren wir am Anfang ein wenig übervorsichtig«, meint Andrea Dietrich, Leiterin von Schlösser und Gärten Dresden, die den Großen Garten und die Brühlsche Terrasse verwalten.

Gesprächsrunde Die Vision scheint erfüllt. Doch die Künstlerin ist nicht zufrieden: »Es ist mir nicht gelungen, einen breiten öffentlichen Diskurs anzuregen.« Nur wenige Fürsprecher habe sie gefunden. So konfrontiert die Religionslehrerin Franziska Mellentin ihre Schüler mit den gläsernen Bänken. Als Vorsitzende des Dresdner Vereins für christlich-jüdische Zusammenarbeit organisiert sie anlässlich der einjährigen Installation auch eine offene Gesprächsrunde in der jüdischen Gemeinde. Sie ahnt: »Wahrscheinlich wird es ein kleiner Kreis werden.«

Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Gemeinde, sieht es gelassen: »Es ist ja häufig so mit Denkmälern: Wenn sie einmal stehen, wird nicht mehr über sie gesprochen.« Da ihr jüdischer Kulturverein »Hatikva« eine Patenschaft für die gläserne Bank auf der Brühlschen Terrasse übernommen hat, sieht sie selbst ab und zu nach dem Kunstwerk und meint: »Für ein buchstäbliches Stadtmöbel ist es umso besser, wenn es die Bürger ohne große Worte annehmen.«

Thüringen

Achava-Festspiele: Dialog zwischen Religionen und Kulturen

Die Achava-Festspiele gehen mit mehr als 80 Veranstaltungen in ihre zwölfte Ausgabe. Neben Konzerten umfasst das Programm Ausstellungen, Filme, Vorträge, interreligiöse Begegnungen sowie Angebote für Familien und Schulen

 02.07.2026

Sport

Maccabiah Chai!

170 Athletinnen und Athleten sind in Israel beim größten jüdischen Sportevent – Wir stellen Ihnen sechs vor

von Katrin Richter, Helmut Kuhn  01.07.2026

Sachsen-Anhalt

»Eine offene Tür ist unsere Antwort«

Landesverbands-Geschäftsführerin Rimma Fil über wachsenden Antisemitismus, Sorgen vor der Landtagswahl und den festen Willen der jüdischen Gemeinden, sichtbar zu bleiben

von Christine Schmitt  01.07.2026

Verlegung

Magdeburg erhält 900. Stolperstein

Seit 2007 wird in Magdeburg mit Stolpersteinen an Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die nunmehr 47. Verlegung wurde auf zwei Tage verteilt

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Festival

Trotz Rekordhitze: Tausende Gäste bei Jüdischer Woche in Leipzig

Trotz der sommerlichen Hitze und damit verbundener Programmänderungen seien die Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet auf großen Zuspruch gestoßen

 29.06.2026