Filmdebüt

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Die Sopranistin und Autorin Kim Seligsohn arbeitete acht Jahre lang an ihrem Film und möchte Schoa-Opfern eine Stimme geben. Foto: Stephan Pramme

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In der Dokumentation »Liebe Angst« verarbeitet Kim Seligsohn die Geschichte ihrer Familie

von Alicia Rust  19.03.2023 10:11 Uhr

»Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht«, jene Zeilen von Heinrich Heine, vertont von Robert Schumann, sang Kim Seligsohn bei einem Straßenkonzert während des Lockdowns in der Corona-Zeit. Ein Bild ihrer Großmutter, Marianne Peukert, geborene Seligsohn, stand unterdessen im Fenster. Sie wurde in Auschwitz ermordet.

»Für uns war sie an diesem Tag sehr präsent«, sagt die Sängerin. Mehrfach habe sie in den Abgrund geblickt, doch jetzt schaue sie nach vorn, ohne Groll. Diese Haltung habe sie ein Leben lang geprägt. Im Dokumentarfilm Liebe Angst, der ab dem 23. März in die Kinos kommt, gibt sie Einblicke in ihre Verwundungen, in ihre Seele. Sandra Prechtel führte Regie. Acht Jahre vergingen, bis aus einer Idee ein fertiger Film wurde.

Jeder habe die Wahl: Verbittern wir, denken wir in Kriterien von Hass und Rache? Oder nutzen wir unser Wissen, um Gutes entstehen zu lassen? Wandeln wir negative in positive Energie, oder geben wir uns dem eigenen Schmerz hin? »Ich habe mich für das Positive entschieden«, so die Mezzosopranistin und Co-Autorin des Films, die auch Projektarbeit in der Erinnerungskultur leistet, damit das, was ihrer Familie und anderen in der Schoa passiert ist, niemals vergessen wird.

Abitur Geboren wurde sie in Bremen, bereits mit 17 zog sie von zu Hause aus und ging nach Hamburg, wo sie ihr Abi­tur machte. Dass ihr Weg – über viele Umwege – sie schließlich nach Berlin führte, in eine Altbauwohnung, direkt gegenüber jener Wohnung, in der ihre Großmutter Marianne – vor über 80 Jahren – von den Nazis abgeholt wurde, war Zufall.

Heute betrachte sie es als Fügung. Eines Tages, während eines Telefonats mit ihrer Mutter, erkundigte sich Kim, wo Lore damals in Berlin gelebt habe. Die hochbetagte Mutter erinnerte sich sofort: in der Spenerstraße. Sogar die Hausnummer war ihr noch präsent. Dabei war sie damals gerade sechs Jahre alt.

Auf dem Dachboden einer Bauernfamilie wurden die drei Kinder versteckt.

Von ihrem Wohnzimmerfenster aus kann Kim direkt auf das Haus schauen, in dem ihre Großmutter Marianne mit ihren drei Kindern gewohnt hat. Der nichtjüdische Großvater hatte sich zuvor von ihr getrennt, dadurch wurde sie nicht mehr durch eine »privilegierte Mischehe« geschützt. Als sie nach Auschwitz deportiert wurde, war sie mit dem vierten Kind schwanger. Die drei kleinen Kinder, die sie zurücklassen musste – Kims Mutter war das älteste –, gelangten nach Pommern, wo sie auf dem Dachboden einer Bauernfamilie versteckt den Krieg überlebten. Alle blieben ihr Leben lang traumatisiert. »Dieses Trauma haben auch wir geerbt.«

Als Kim Seligsohn erfuhr, dass sie heute genau dort lebt, in der Straße, in der ihre Mutter ihrer Großmutter zum allerletzten Mal aus dem Fenster nachgeschaut hat, schloss sich für sie ein Kreis. »Lange Zeit habe ich nichts von alledem gewusst. Nichts davon, dass ich aus einer jüdischen Familie stamme, dass auch meine Urgroßmutter Clara Seligsohn, geborene Neumann, mit dem dritten Altentransport nach Theresienstadt deportiert und ermordet wurde.«

Zurückgeben Später besuchte sie die einst gutbürgerliche Wohnung ihrer Großmutter in der Fritschestraße. »Dort hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ich komme ja doch aus einer guten Familie!« Nur ein Stolperstein erinnert noch an sie. Auch vor dem Haus, aus dem ihre Großmutter deportiert wurde, befindet sich ein Stolperstein. »Lange Zeit wusste ich nur, dass mit uns etwas nicht stimmt. Aber niemals wurde über Derartiges gesprochen, bis zu jenem Telefonat, welches mein Leben von einem auf den anderen Tag veränderte.«

Da war sie bereits Ende 30. Von da an war sie von der Idee beseelt, alles zusammenzutragen, um das Unfassbare zu verstehen. Um die Lücken in ihrem Lebenspuzzle zu schließen. 2015 wurde ihr Filmprojekt durch die »Stiftung Zurückgeben« gefördert, das war der Auftakt.

Ein weiteres Projekt heißt »Hymne an die Namen«. Den Opfern des Holocaust eine Stimme zu geben, das sei ihr Anliegen. Die Hymne hat sie in den Jüdischen Museen Berlin und München gesungen, im Bode-Museum, im Gorki-Theater, in Gedenkstätten, sogar in der Mall of Berlin. »Beim ersten Mal war der Name meiner Großmutter dabei, was bei mir ein tief sitzendes Trauma hervorgerufen hat.« Die Hymne möchte sie weiter singen, vor Inhaftierten, vor Sympathisanten rechten Gedankenguts, vor ganz normalen Menschen im öffentlichen Raum. »Ich erhebe meine Stimme – im wahrsten Sinne des Wortes!«

Am liebsten singt sie »beseelte« Musik von Spirituals bis Schumann.

Über viele Umwege sei sie dort angekommen, wo sie sich heute heimisch fühle: Über ihren Weg als Soul-Sängerin habe sie zum klassischen Gesang gefunden. Am liebsten singe sie »beseelte Musik« von Spirituals bis zu Schumann. Bis zu diesem Ankommen war es ein langer Weg. Kurz nach ihrer Geburt trennten sich ihre Eltern, Kims Bruder Tom war knapp zwei Jahre älter als sie. Ihre Mutter beschreibt sie als sehr engagierte Frau. »Sie ging mit uns Kindern auf Demos.«

hingabe Tagsüber arbeitete sie mit großer Hingabe als pädagogische Hilfskraft in einer Schule, in den Nächten putzte sie oftmals in einer Stadtbibliothek, da sie an Schlaflosigkeit litt. »Meine Mutter hatte regelrecht Angst davor, zu Bett zu gehen.« In den Nächten lief Lore oft in ihrem Zimmer im Kreis herum und rief: »Ich sterbe, ich sterbe.« Kim und ihr Bruder hielten sich unterdessen an den Händen und weinten: »Mama, bitte nicht sterben!« Sie sei eben nie über den Verlust ihrer eigenen Mutter hinweggekommen.

Mit 13 hatte Kim es nicht länger ausgehalten und lief erstmals weg. Zunächst kam sie bei einer Lehrerin unter, doch für die sei sie nur eine kostenlose Babysitterin und Putzfrau gewesen. Damals hatte sie noch Ballett- und Klavierunterricht, was ihr die Mutter immerhin ermöglichte.

Mit 14 gründete Kim ihre erste Band. Später sei sie von Profi-Musikern der Band »Rescue Party« abgeworben worden. »Bei einem Open-Air-Konzert in Oldenburg waren wir sogar die Vorband von Joe Cocker. Über 7000 Menschen sind gekommen.«

Bei ihrer Bewerbung an der Musikhochschule Berlin – als 25-Jährige – hatte sie es bei 473 Bewerbern unter die letzten sieben geschafft.

Bei ihrer Bewerbung an der Musikhochschule Berlin – als 25-Jährige – hatte sie es bei 473 Bewerbern unter die letzten sieben geschafft. Somit scheiterte sie nur knapp. Aber es löste ein Tief aus. »Ein Jahr lang befand ich mich in einer psychischen Krise. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, um mich ein weiteres Mal für einen Studienplatz zu bewerben.« Ihre Gesangsausbildung finanzierte sie folglich privat. Glücklicherweise erhielt sie später ein Drei-Jahres-Stipendium.

Religion »Auf der Bühne zu stehen, das war meine Art, gesehen zu werden.« Während sie ein freies Leben führte, blieb Tom bei der Mutter. Dem Wahnsinn zu Hause entzog er sich durch den Rückzug in seine innere Welt. »Er fühlte sich verantwortlich für unsere Mutter.« Am Familientrauma sei ihr Bruder schlussendlich zugrunde gegangen. Als er sich das Leben nahm, brach für sie eine Welt zusammen.

Als sie an den Punkt gelangte, an dem sie nicht weiterwusste, fand sie schließlich zum Glauben. Sie, die nicht mit Religion aufgewachsen war, ließ sich mit Mitte 40 katholisch taufen. »Bei uns gab es keinerlei Bräuche, weder haben wir Schabbat noch Weihnachten gefeiert«, sagt sie. Dass sie Katholikin wurde, fühlte sich zunächst ein bisschen wie ein Verrat an ihrer jüdischen Herkunft an.

»Dabei war Jesus doch Jude! Und die ›Mutter Gottes‹, Maria, war eine jüdische Frau.« Für Kim Seligsohn schließt das eine – das Gefühl, endlich zu wissen, woher ein Teil von ihr stammt – das andere nicht aus. »Der Glaube ist etwas sehr Privates und sollte niemals ausschlaggebend dafür sein, über andere Menschen zu richten. Im Gegenteil, der Glaube an etwas Gutes hat die Macht, uns alle miteinander zu verbinden.«

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