München

Auf dem Weg zur Normalität

Bei der Veranstaltungsreihe »Mitdenken. Vordenken. Umdenken.« des Bayerischen Staatsministeriums hat Ulrike Scharf (CSU) am Dienstag vergangener Woche mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, über jüdisches Leben in Bayern, das Gefühl von Heimat und Zivilcourage diskutiert. Das Gespräch im Hubert-Burda-Saal moderierte Sybille Giel vom Bayerischen Rundfunk. Zunächst gratulierte die Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales der IKG-Präsidentin nachträglich zum 90. Geburtstag.

»Das Schönste war alles«, antwortete Charlotte Knobloch auf die Frage, was ihr an ihrer Geburtstagsfeier Ende Oktober am besten gefallen habe. »Ich war von Freunden umgeben.« Zu der Feier am Jakobsplatz waren mehrere Hundert Gäste erschienen, darunter auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Mar-
kus Söder und Oberbürgermeister Dieter Reiter. »Wir sind eine Gemeinschaft, eine tolle Gemeinschaft.«

sicherheit Heute sei die jüdische Gemeinde in München sichtbarer und selbstbewusster als je zuvor in der Zeit nach 1945. »Trotzdem: Der Weg zur Normalität jüdischen Lebens führt weiter nur über die Sicherheit. Damit der Kampf gegen Judenhass erfolgreich geführt werden kann, müssen Politik, Gesellschaft und Justiz an einem Strang ziehen und Abwehrreflexen und Bagatellisierungen einen Riegel vorschieben«, sagte Knobloch.

Als sie vier Jahre alt war, durften die anderen Kinder nicht mehr mit ihr spielen. Sie wurde »Judenkind« genannt und verstand nicht, was das zu bedeuten hatte, da sie das Wort »Jude« nicht kannte. Sie überlebte den Holocaust, weil sie in Mittelfranken von einer Hausangestellten ihres Onkels versteckt wurde. Als sie 1945 wiederkam, wollte sie nicht bleiben.
»Ich wollte nicht in die Stadt zurück, wegen der alten Nazis. Zu denen, die uns angespuckt, getreten, ermordet hatten«, sagte Charlotte Knobloch auf der Bühne des Hubert-Burda-Saals. »Es wurde den Juden in Deutschland nicht verziehen, dass sie überlebt hatten.«

Seit 20 Jahren geht Charlotte Knobloch in Schulen, um Jugendlichen persönlich von ihren Erinnerungen an die schrecklichen Verbrechen zu erzählen.

Sie wollte auswandern, weg aus Deutschland, wollte mit ihrem Ehemann in die USA. Sie hatten sogar schon eine Arbeitserlaubnis. »Da haben uns die Kinder einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Die dreifache Mutter Charlotte Knobloch blieb, doch habe es Jahrzehnte gedauert, bis München wieder ihre Heimat wurde.

zeitzeugin Seit 20 Jahren geht die Zeitzeugin in Schulen, um Jugendlichen persönlich von ihren Erinnerungen an die schrecklichen Verbrechen zu erzählen. »Am Anfang war das Interesse nicht so groß. Es wurde Zeitung gelesen oder ein Nickerchen gemacht.« Das habe sich geändert, die Jugendlichen hätten sich geändert, man würde merken, wenn die Lehrkräfte sie vorbereiteten.

Manche Jugendliche würden nicht glauben können, dass sie die Wahrheit erzählt darüber, »was Menschen Menschen antun können«, berichtete die IKG-Präsidentin. Es würden Fragen kommen, warum nicht alle Juden ausgewandert seien, oder ob es stimmen würde, dass Juden keine Steuern zahlen müssen: »So etwas hören sie von den Eltern.« Und sie mahnt, dass der Judenhass wieder spürbar zugenommen hat.

»Die vermehrten antisemitischen Vorfälle sind erschreckend. Jegliche Feindschaft gegen Juden ist inakzeptabel und darf nicht toleriert werden. Jüdisches Leben muss in Bayern ohne Gefahr sichtbar sein können«, forderte Ulrike Scharf. Über 80 Prozent mehr antisemitische Vorfälle verzeichnet eine Meldestelle für das Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr. »Die Zahl antisemitischer Angriffe ist erschreckend nach oben gegangen«, berichtete Scharf. Insgesamt wurden allein in München 249 judenfeindliche Vorfälle dokumentiert.

Innerhalb der Zivilgesellschaft muss Präventionsarbeit geleistet werden.

In der anschließenden offenen Fragerunde fordert der Antisemitismusbeauftragte der Stadt Bamberg, Patrick Nitzsche, klare Grenzen. Denn bisher hätte Judenhass nur dann juristische Folgen, wenn es sich um die Relativierung des Holocaust handelt. Auch im Internet wird Judenhass gestreut wie Gift. Mit digitalen Streetworkern soll Aufklärungsarbeit geleistet werden. Besonders in Schulen, aber auch in Kindergärten soll Medienkompetenz unterrichtet werden, die genauso wichtig sei wie Lesen und Schreiben.

Innerhalb der Zivilgesellschaft müsse Präventionsarbeit geleistet werden, darin waren sich die Podiumsteilnehmerinnen einig. So wie beispielsweise in Form der Wanderausstellung Mit Davidstern und Lederhose, die in verschiedenen Städten in Bayern gezeigt wird und mit »Jüdischen G’schichtn on Tour« Bewusstsein schaffen und das Gemeinschaftsgefühl stärken soll. »Dieses Gefühl der Gemeinschaft macht Heimat aus«, sagt Sozialministerin Scharf. Nur wer sich sicher, dazugehörig und nicht ausgegrenzt fühle, sei wirklich zu Hause.

Wie wichtig ein Gemeinschaftsgefühl ist, wenn es um Zivilcourage geht, weiß eine Frau aus dem Publikum. Sie erzählte von einer Zugfahrt, auf der eine Gruppe judenfeindliche Parolen rief. Die anderen Fahrgäste ignorierten die antisemitischen Aussagen. Allein traute sie sich nicht, die Gruppe anzusprechen. Ganz anders sei es gewesen, als sie als Mitglied der »Omas gegen Rechts« nur wenige Tage später Rechtspopulisten aus vollem Hals anschrie.

tabuzone Besonders würde schmerzen, dass Antisemitismus in Intellektuellenkreisen ebenfalls zunehmen würde, wie die documenta und vor Kurzem ein Theaterstück in München zeigten, das erst nach der Kritik von jüdischen Studierenden abgesetzt wurde. »Sprechen wir zu wenig?«, fragte die Moderatorin. Charlotte Knob­loch antwortete: »Wenn wir reden, dann muss man auch zuhören.« Die Sozialministerin ruft zudem dazu auf, Themen, die schwierig anzugehen sind, der Tabuzone zu entreißen. Auch die IKG-Präsidentin fordert von der Öffentlichkeit, sich zu wehren, und von der Politik, schneller und intensiver zu reagieren.

»Jüdischsein in Bayern, das ist immer noch eine Herausforderung, trotz vieler Fortschritte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten«, sagt Charlotte Knob­loch. Es habe Jahrzehnte gedauert, bis sie wieder ein Heimatgefühl entwickelte. Heute sei sie glücklich darüber, dass sie mit anderen das jüdische Leben in München wiederaufbauen konnte – in einer Gemeinde, die mit mehr als 9000 Mitgliedern die größte in Deutschland ist.

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