Girls’ Day

Auch Frauensache

Sofia Falkovitch amtiert meist gemeinsam mit Gesa Ederberg in der Synagoge Oranienburger Straße. Foto: Stephan Pramme

Im Jahr 2001 wurde in Deutschland der erste Girls’ Day veranstaltet. Industrie‐ und Handwerksvertreter wollten an diesem Tag beispielhaft Mädchen und junge Frauen für Männerberufe interessieren und sie näher an naturwissenschaftliche Wissensgebiete heranführen.

Was der Mehrheitsgesellschaft recht und billig ist, ist der jüdischen teuer. Mit Bea Wyler amtierte 1995 erstmals ein weiblicher Rabbiner in einer deutschen Gemeinde. Seit schließlich 1999 das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam eine Rabbinerausbildung hierzulande anbot, wurden und werden in Deutschland Rabbiner und Rabbinerinnen sowie seit 2008 männliche und weibliche Kantoren ausgebildet.

Doch selbst für viele Juden, die liberale oder konservative Gottesdienste besuchen, ist eine Frau an der Bima nach wie vor ein ungewohntes Bild. Längst sind Bea Wyler Rabbinerinnen wie Gesa Ederberg, Elisa Klapheck, Alina Treiger und Yael Deusel gefolgt, viele von ihnen wurden allerdings im Ausland, vorwiegend in Amerika, ausgebildet. Begleitet werden sie von Avitall Gerstetter, die die Bresche für die weiblichen Kantoren geschlagen hat, ebenso Jalda Rebling und Mimi Sheffer. In der Neuen Synagoge in Berlins Oranienburger Straße sind Frauen, die den Gottesdienst leiten, längst gang und gäbe.

Gottesdienst Ihr klarer Mezzosopran erfüllt die Synagoge im dritten Stockwerk des ehrwürdigen Hauses in der Oranienburger Straße. Souverän führt Sofia Falkovitch durch den Kabbalat Schabbat. Der holzdominierte Raum ist zu einem knappen Drittel gefüllt. Falkovitch muss an diesem Freitagabend alleine – ohne Rabbinerin Gesa Ederberg – amtieren, doch das bereitet der angehenden Kantorin keine Probleme. Stimmlich und textlich sicher ist die junge Frau ohnehin. Eigentlich habe sie ihr Studium bereits abgeschlossen, erzählt sie. Es fehlt nur noch die Amtseinführung. Ihre Tätigkeit macht ihr Spaß: »Meine Stimme ist mein Ausdruck für den Glauben«, sagt sie.

Als sie vor mehr als 30 Jahren in Moskau geboren wurde, war ihr eine solche Zukunft keinesfalls in die Wiege gelegt. Und ihr Weg bis zum Studium gewunden. Sie kam Mitte der 90er‐Jahre mit ihrer Familie nach Deutschland und ging als Austauschschülerin nach Kanada, da war sie 17 Jahre alt. Nach dem Abitur in Deutschland kehrte sie wieder nach Nordamerika zurück, um dort Musik, bildende Kunst und Journalismus zu studieren. Sie machte experimentelle Musik, wollte sehen, welchen Ausdruck Text und Lieder haben, was sie mit ihrer Stimme anstellen kann. Sie gestaltete eine Kultursendung und arbeitete in New York bei einem Nachrichtenmagazin. Die Frage, warum sie nach Deutschland zurückgekommen ist, beantwortet sie bewusst zögerlich. Sie sei einer Inspiration gefolgt, außerdem lebte ja ihre Familie in Deutschland.

wurzeln Den Sinn für ihre jüdischen Wurzeln, die Spiritualität – vielleicht auch die Stimme –, hat Sofia Falkovitch von ihrer Großmutter geerbt, ebenfalls Mezzosopranistin. Sie war es auch, die die Familie schon zu Sowjetzeiten immer mit ihrem Judentum vertraut machte und eine 300‐seitige Ahnentafel und die Geschichte des jüdischen Volkes und der Familie aufschrieb. Heute besucht die alte Dame regelmäßig gemeinsam mit ihrer Enkelin die Gottesdienste in der Pestalozzistraße.

Der dortige Gabbai hatte schließlich Sofia Falkovitch angesprochen, ob sie sich nicht vorstellen könne, an der damals gerade neu eingerichteten Kantorenausbildung des Abraham Geiger Kollegs teilzunehmen, sie solle doch einfach mal mit den Ausbildern sprechen. Die Aufnahmefrist sei längst verstrichen gewesen, erinnert sich Falkovitch, doch Kantorin Mimi Sheffer habe ihr gut zugeredet. Das mache gar nichts, Sofias Kompetenzprofil passe wunderbar zum Ausbildungskonzept.

Eignung Heute weiß Sofia Falkovitch: »Der Kantorenberuf ist prima für Frauen geeignet.« Sie bedauere nur, dass es so wenige Kantorinnen in Europa gebe, das sei in Nord‐ und Mittelamerika ganz anders. Da wundert es auch nicht, dass sie letztlich kein musikalisches Vorbild als Kantorin hat. Aber eigentlich müsse jede Kantorin ihren eigenen Stil finden, meint sie. Und Frauen seien in puncto Spiritualität sicherlich besonders geeignet, das Kantorenamt auszufüllen. »In Europa gibt es in diesem Bereich noch viel zu tun«, sagt Sofia Falkovitch sehr betont. Sie jedenfalls wolle mit ihrer Stimme die Menschen überzeugen.

Sonja Pilz befindet sich noch mitten in einer mehrsemestrigen Rabbinerausbildung. Im dritten Jahr, sagt die 29‐Jährige aus Freiburg. Wie es mit ihr studienmäßig weitergehe, wisse sie nicht genau. Das Studium der Judaistik hatte sie in Freiburg bereits mit einem Master abgeschlossen, war Lehrerin und Vorbeterin im liberalen Gottesdienst und im Vorstand der liberalen Gemeinde tätig.

Die reine akademische Lehre fand sie aber immer etwas fern vom jüdischen Alltag. Als sie durch Zufall mit Walter Homolka, dem Direktor des Abraham Geiger Kollegs, ins Gespräch kam, ließ sie sich überzeugen, dass ein Rabbinatsstudium in Potsdam richtig für sie sein könne.

Vorbilder Auch sie tut sich mit Vorbildern eher schwer. Da ist Bea Wyler, die 1995 bis 2004 in Oldenburg amtierte und danach wieder in ihre Heimat Schweiz zurückkehrte. Mit Gesa Ederberg und Jalda Rebling tausche sie sich regelmäßig aus, sagt Pilz. Sie findet es wichtig und richtig, dass Frauen Rabbinerinnen sind, und bedauert, dass es selbst im liberalen Geiger‐Kolleg sehr wenige weibliche Lehrkräfte gibt.

Wie wichtig sie als religiöse Ansprechpartnerin sei, habe sie bei diversen Praktika in den Gemeinden erlebt. Mädchen und junge Frauen vertrauten sich gern einer Frau an. »Die Rolle ist klar gegendert«, sagt Pilz. Umgekehrt würden pubertierende Jungen auch lieber das Gespräch mit einem männlichen Rabbiner suchen.

Und in der Gottesdienstpraxis? Da existierten durchaus noch Vorbehalte, habe sie gemerkt. Selbst in einer liberalen Gemeinde gebe es Männer, die Schwierigkeiten hätten, in einem Gottesdienst Handlungen von einer Frau vollzogen zu sehen, die traditionell von männlichen Kollegen ausgeführt werden. Für Frauen sei da noch einiges zu erarbeiten.

Mit Regina Jonas, der weltweit ersten Frau im Rabbineramt, habe sie so ihre Schwierigkeiten, räumt Pilz ein. »In meiner allerersten Hausarbeit habe ich mich schon kritisch mit ihrer Abschlussarbeit Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden? auseinandergesetzt.«

Sie kann, das sieht man zunehmend in den vergangenen zehn Jahren. Derzeit hat das Abraham Geiger Kolleg 27 Studierende, neun für das Kantorenamt, drei von ihnen sind Frauen. Von den 18 Rabbinatsstudenten sind sieben weiblich. Unter den aktuellen Bewerbern für ein Studium am Kolleg sind vier Kandidatinnen. Doch das Geschlechterverhältnis habe sich nicht erkennbar verändert, erklärt Martin Kujawa vom Institut.

Rollenteilung Alina Treiger war die erste Frau, die in Deutschland ausgebildet, ordiniert und als Rabbinerin in einer Gemeinde tätig wurde. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Jona Simon ist sie in Oldenburg und Delmenhorst tätig. Für sie ist die Lösung ideal, sagt sie. »Für alles, was Gefühl, soziale Kompetenz, also die klassischen weiblichen Tugenden, angeht, bin ich zuständig«, sagt die schlanke junge Frau. Von ihr erwarte man auch keine scharfe Ansprache. »Da ist mein Mann viel präsenter.« Sie überlässt ihm gern den Part des »Zupackens«, oder mit den Jungen Fußballmatches zu arrangieren.

Alina Treiger weiß aber ganz sicher, dass sie in allem, was Ehe, Familie und Schicksalsschläge angeht, die erste Person ist, die angesprochen wird. Sie ist sich allerdings nicht ganz im Klaren darüber, ob das Studium sie hierfür genügend gerüstet hat. »Vieles lernt man trotz aller Praktika und Unterstützung schließlich doch nur im Alltag.«

Hier werden schon bald die Kommilitoninnen von Sonja Pilz und Sofia Falkovitch folgen. Doch bei allem Fortschritt in Ausbildung und Beruf sind die Frauen in der Männerdomäne »Jüdische Religion« in Deutschland und Europa noch lange nicht so weit wie jenseits des Atlantiks. Für die Studentinnen bleibt die Herausforderung, die für sie aber auch Anreiz bedeutet.

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