Gelsenkirchen

Anteilnahme und Aktuelle Stunde

Am 14. Mai zeigten Anwohner und Initiativen Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde. Foto: picture alliance/dpa

Die kommenden Stunden an diesem Sonntag hat Judith Neuwald-Tasbach fest verplant: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen möchte die »unglaublich vielen« Briefe, Postkarten, Mails, WhatsApp-Nachrichten und SMS beantworten, die sie seit der nicht angemeldeten antisemitischen Kundgebung am 12. Mai erhalten hat.

Rund 180 Demonstranten waren vom Bahnhofsvorplatz in Richtung Synagoge gezogen, aufgehalten wurden sie von Polizeibeamten. Trotz antisemitischer Parolen griffen diese aber nicht ein, wie auf einem in sozialen Medien verbreiteten Video zu sehen war. Die Polizisten warteten auf Verstärkung. Als weitere Einsatzkräfte eingetroffen waren, hatte sich der Demonstrationszug bereits wieder aufgelöst, heißt es bei der Polizei.
Als Zeichen der Solidarität legten viele Menschen vor der Synagoge Blumen nieder und stellten Kerzen auf. »Die Schüler der Grundschule hier gegenüber haben uns ein Herz aus Holz geschnitzt und eine Kerze hineingestellt«, sagt die Gemeindevorsitzende.

Viele Zuwanderer erleben ein Déjà-vu und erinnern sich an die Repressalien in ihrer Heimat.

mahnwache Ihm fehlten die Worte, wenn er an die schrecklichen Taten denke, so der Verfasser eines Briefes. Er sei »entsetzt und sprachlos«. Ein anderer schreibt: »Ich bin enttäuscht. Wenn ich irgendwie ehrenamtlich helfen kann, dann geben Sie mir Bescheid.« Das nahm die Gemeinde gerne an. Bei der Mahnwache, die zwei Tage später stattfand, stellten sich etliche Menschen als Schutzschilde vor die Synagoge.

Die Anteilnahme tue ihr gut, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Früher hätte sie gedacht, dass sie so einen Anschlag auf ihre Gemeinde locker wegstecken würde, denn auch 2014, als der Nahostkonflikt ebenfalls eskalierte, wurde eine Scheibe der Synagoge eingeworfen. Aber nun spüre sie, dass es sie sehr treffe. »Ich würde sagen, dass ich mich in einer Schockstarre befinde.« Sie mache sich Sorgen und frage sich, wie es weitergehen werde. »Meine Gedanken kreisen ständig um diese vergangenen Tage.« Die Protestierenden hätten mindestens 30-mal »Scheiß Juden« geschrien und teils türkische Fahnen geschwenkt.

Zum ersten Gottesdienst nach einer dreiwöchigen Pause kamen mehr Beter. Sie hatten das Bedürfnis, sich auszutauschen.

Judith Neuwald-Tasbach

Ebenfalls zwei Tage nach der propalästinensischen Demo fand nach drei Wochen Pause aufgrund der hohen Corona-Inzidenzzahlen wieder ein Gottesdienst statt. Und nun kamen mehr Beter, als Neuwald-Tasbach erwartet hatte. Sie standen im Gemeindehaus und hatten das Bedürfnis, sich auszutauschen. »Für unsere Mitglieder war der Angriff besonders verletzend, weil viele aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion kommen und dort Repressalien erleben mussten.« Nun hätten sie ein Déjà-vu. Sie versuche, die Gemeindemitglieder zu beruhigen.

Auch unter Jugendlichen werde über das Thema gesprochen, sagt Neuwald-Tasbach. Sie sei froh, dass ab Juni wieder Religionsunterricht in der Gemeinde angeboten wird. »Unser Religionslehrer wird mit den Kindern sprechen, und ich habe mir auch vorgenommen, dazuzukommen und zu reden.« Sie wisse auch schon, was sie ihnen mit auf den Weg geben will: »Sie sollen Mut fassen und selbstbewusst sein.«

Es sei eine kleine, aber laute Minderheit, die sie an diesem Tag bedroht habe. Jugendzentrumsleiter Daniel Schwarz erzählt, dass sich die Jugendlichen über Zoom austauschten. Da sie sich coronabedingt derzeit nicht im Klubraum treffen können, bliebe nur diese Möglichkeit, sagt der 20-Jährige.

Hass Nicht nur in Gelsenkirchen, auch in Düsseldorf, Solingen, Münster und Köln hatte es antisemitische Aktionen gegen Jüdische Gemeinden gegeben.

»Mittlerweile schaue ich beim Klingeln meines Handys sofort auf das Display. Ich bin erschrocken«, bekennt Judith Neuwald-Tasbach. »Solche Taten regen und wühlen mich auf.« Die hasserfüllten Gesichter, die sie in ihrer Heimatstadt gesehen hat, gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie sieht sie ständig vor sich, ebenso die geballten Fäuste. Auch Kinder seien bei dem Zug dabei gewesen, sagt sie entsetzt.

So werde der Hass von Generation zu Generation weitergegeben. Sie habe aber beobachtet, dass die Kinder, wenn sie mit ihrer Kita-Gruppe oder ihrer Klasse die Synagoge besuchen, schnell auftauten – und auch mitunter Gemeinsamkeiten der Religionen erkennen.

Rund 300 Menschen bekundeten: »Kein Platz für Antisemitismus.«


Was ihr und den Gemeindemitgliedern gutgetan hat, war auch die Mahnwache, zu der die »Initiative gegen Antisemitismus Gelsenkirchen« eingeladen hatte und die vor der Synagoge abgehalten wurde. Mehr als 300 Menschen kamen. Die Aktion stand unter dem Motto »Kein Platz für Antisemitismus – Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen!«. Der Rotary und der Lions Club haben bereits finanzielle Unterstützung zugesagt, um Projekte zu realisieren, die den interreli-giösen Dialog fördern.

Ebenfalls hat sich »Schalke hilft!«-Geschäftsführer Sebastian Buntkirchen bei ihr gemeldet. Und Christina Rühl-Hamers, Vorstandsmitglied des FC Schalke 04, hat an der Mahnwache teilgenommen. Auch beim Fußballverein gibt es schon länger Projekte gegen Antisemitismus.

Warum gerade Gelsenkirchen? Judith Neuwald-Tasbach hat keine Antwort. »Wenn wir hier durch die Straßen gehen, hören wir viele verschiedenen Sprachen. Wir leben hier alle.«

Stadtgesellschaft Oberbürgermeisterin Karin Welge (SPD) äußerte sich in einer Presseerklärung auf der Website der Stadt: »Die Szenen vor der Synagoge am Mittwochabend werden die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen noch lange emotional aufwühlen, und auch unsere Stadtgesellschaft wird dieser Mittwochabend noch lange beschäftigen. Für uns gilt mehr denn je: ›Wir tolerieren hier in Gelsenkirchen weder Hass, Hetze, Gewalt noch Antisemitismus. Wir stehen an der Seite der Jüdischen Gemeinde.‹«

Die Oberbürgermeisterin, die Polizeipräsidentin Britta Zur, Propst Markus Pottbäcker und Superintendent Heiner Montanus suchten in diesen Tagen den Vorstand der Jüdischen Gemeinde auf, dem neben der Vorsitzenden Neuwald-Tasbach auch Efim Maschinski und Ludmila Ismakova angehören.

»Antisemitische Äußerungen sind ein Problem, das uns alle in dieser Stadt betrifft, nicht nur unsere jüdischen Mitmenschen. Deshalb müssen wir jetzt genau hinschauen, die Mechanismen des zu verurteilenden Geschehens verstehen und mit aller Konsequenz Grenzen aufzeigen. Diese Schritte sind wir bereit zu gehen. Heute, morgen und so lange es auch dauern mag. Ich erwarte von jeder Gelsenkirchenerin und jedem Gelsenkirchener, es uns gleichzutun. Auch und besonders dort, wo klare Haltung Rückgrat erfordert, ist sie besonders wichtig«, betont die Oberbürgermeisterin.

NRW-Landtag NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nahm als Zeichen der Solidarität an einem Gottesdienst in der Kölner Synagoge teil. Der nordrhein-westfälische Landtag hat am Donnerstag gemeinsam ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. In einer Aktuellen Stunde des Landtags zu den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen versicherten Vertreter aller fünf Landtagsparteien den jüdischen Gemeinden, alles Nötige zu ihrem Schutz zu tun. »Antisemitische Rufe, judenfeindliche Hetze, holocaustverherrlichende Parolen werden wir in Nordrhein-Westfalen nicht hinnehmen«, sagte der Präsident des nordrhein-westfälischen Landtags, André Kuper. »Das Existenzrecht Israels ist nicht verhandelbar.«

Der Rat der Stadt Gelsenkirchen beschloss am 20. Mai eine Resolution mit dem Titel »Gegen jeden Antisemitismus«, in der die Politiker die antisemitischen Vorfälle vom 12. Mai aufs Schärfste verurteilen. »Weder Hass, Hetze, Gewalt noch Antisemitismus werden in Gelsenkirchen toleriert. Der Rat der Stadt steht solidarisch an der Seite der jüdischen Gemeinde in unserer Stadt.«

Gleichzeitig fahndet die Polizei weiter nach den mutmaßlichen Anführern des antisemitischen Protestes und hat bereits Porträtfotos mit dem Aufruf veröffentlicht, bei der Identifizierung zu helfen.

»Erst einmal soll wieder Ruhe einkehren – und dann werden wir Projekte überlegen, um Schüler und deren Eltern zu erreichen. Wir wollen weiterhin an einem besseren Verständnis füreinander arbeiten«, sagt Judith Neuwald-Tasbach.

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