Delmenhorst

Angekommen und mittendrin

Es ist wie eine Lebensaufgabe», beschreibt Pedro Becerra sein Engagement für die Jüdische Gemeinde Delmenhorst. Bis 1940 hatten die Nationalsozialisten das gesamte jüdische Leben in der Stadt ausgelöscht. 1997 wurde die Gemeinde auf Mitinitiative von Becerra neu gegründet. Am vergangenen Sonntag feierte sie in einem Festakt und mit einem Tag der offenen Tür ihr 20-jähriges Jubiläum.

140 Gäste waren in die «Markthalle» gekommen. Festredner war Oberbürgermeister Axel Jahnz, der die am 24. August 1997 neu gegründete Gemeinde Delmenhorst würdigte. Sie sei eine Bereicherung für die Stadt, sagte Jahnz. Die Gemeindemitglieder hätten Enormes geleistet, betonte der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Grünberg, der die Grüße des Zentralrats überbrachte. Die Delmenhorster Juden seien gut integriert.

Heute hat die Gemeinde 188 Mitglieder, die ein vielfältiges soziales und kulturelles Leben pflegen. Mit Alina Treiger hat sie zudem eine aktive Rabbinerin, die neben Delmenhorst auch in Oldenburg amtiert.

Pedro Benjamin Becerra, der seit der Neugründung Gemeindevorsitzender ist, kam 1974 mit seinen Eltern aus Chile nach Oldenburg, das etwa 40 Kilometer entfernt von Delmenhorst liegt. Sein Vater hatte dort eine Musikprofessur inne. Vater und Sohn waren an der Neugründung der Gemeinde 1992 beteiligt. Als im Rahmen der erleichterten Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion immer mehr Juden ihren Weg nach Delmenhorst fanden, war für Becerra klar: «Wir müssen eine eigene Gemeinde gründen.»

17. Jahrhundert In Delmenhorst hat es jüdisches Leben seit 1695 gegeben, als die damals dänischen Machthaber Levin Lazarus erlaubten, sich als sogenannter Schutzjude anzusiedeln. Bis Ende des 18. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde aufgrund der restriktiven Haltung des Magistrats kaum und umfasste nur 20 Personen. Dennoch stieg die Zahl der Delmenhorster Juden, weil die dortige Industrie vielen Emigranten aus Osteuropa Arbeit bot. Jüdisches Leben gehörte immer mehr zur Stadt.

100 Jahre später, in der Pogromnacht 1938, steckten die Nationalsozialisten die Synagoge in Brand. Spätestens nach den «Nürnberger Rassengesetzen» 1935 versuchten viele Delmenhorster Juden, sich durch Emigration zu retten. Alle verbliebenen Gemeindemitglieder wurden bis 1940 deportiert. «Wir sind nicht nur zweier Generationen beraubt worden», sagt Becerra. «Durch die Zerstörung der Gemeindedokumente hat man uns auch einen Teil unserer Geschichte genommen.»

Dialog Heute befinden sich die Gemeinderäumlichkeiten in der Louisenstraße, zentral gelegen und in der Nähe des Bahnhofs. «Wir wollen Brücken zur nichtjüdischen Nachbarschaft schlagen», sagt Becerra. Dass Austausch und Dialog zentrale Anliegen der Gemeinde sind, zeigt sich auch in ihren sozialen und kulturellen Angeboten. So etwa in der öffentlich zugänglichen Bibliothek. Dort gibt es nicht nur über 3500 Bände russischsprachiger Judaica und Belletristik, sondern auch eine Sammlung deutschsprachiger Werke, von denen Becerra noch mehr anschaffen möchte.

Daneben tritt das Theater- und Gesangsensemble «Shalom» regelmäßig auf. Nicht zuletzt bietet die Gemeinde an der Volkshochschule Deutschkurse an, die sich nicht nur an ihre russischsprachigen Mitglieder richten: «Am Unterricht nehmen auch Geflüchtete teil, die größtenteils aus islamisch geprägten Ländern kommen», sagt Becerra.

Vor der Schoa Ein weiteres Anliegen der Gemeinde ist es, die Erinnerung an das jüdische Leben in Delmenhorst vor der Schoa zu bewahren. Dessen Spuren finden sich etwa in der Cramerstraße, wo das Gebäude der alten Synagoge trotz der Brandstiftung in Teilen erhalten blieb. 1939 wurde die Immobilie von der Oldenburger Landessparkasse unter Wert an einen Privatmann verkauft, da die wenigen verbliebenen Gemeindemitglieder die darauf lastenden Schulden nicht mehr begleichen konnten. Heute wird die ehemalige Synagoge als privates Wohnhaus genutzt. Eine Erinnerungstafel verweist auf dessen Geschichte.

Auch die «Markthalle», das in der Innenstadt gelegene Veranstaltungszentrum, ist ein Ort mit NS-Geschichte. In den 40ern fanden dort Versteigerungen und Verkäufe von jüdischem Besitz statt. Das Raubgut stammte nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus den Benelux-Ländern, da Delmenhorst ein wichtiger Umschlagplatz für dessen Weiterverteilung war. Für die Betreiber der «Markthalle» scheint dies allerdings kein Thema zu sein: Auf ihrer Webseite erwähnen sie diesen Teil der Geschichte nicht nur mit keinem Wort. Vielmehr werben sie mit dem zauberhaften «Charme einer lebendigen Historie».

«Schulungszentrum» In der Region ist Delmenhorst bekannt für seine rechte Szene. Als 2006 der Hamburger Anwalt Jürgen Rieger versuchte, ein leerstehendes Hotel in zentraler Lage für ein Neonazi-«Schulungszentrum» zu kaufen, beteiligte sich auch die Gemeinde an den wochenlangen Protesten. Mit Erfolg, denn am Ende kaufte die Stadt die Immobilie. Zuvor waren viele Gemeindemitglieder vor allem mit Antisemitismus in der Sowjetunion konfrontiert gewesen: «Ich kannte Nazis bisher nur aus Büchern und aus dem Fernsehen», sagte Sofia Rubinstein damals der Jüdischen Allgemeinen.

Auch gegen rechtspopulistische Vereinnahmungsversuche engagiert sich die Gemeinde. Aus Protest gegen die Teilnahme von AfD-Ratsherren am offiziellen Gedenken an das Novemberpogrom verließen ihre Vertreter letztes Jahr demonstrativ die Zeremonie und erteilten ihnen Hausverbot auf dem jüdischen Friedhof. Dieses Jahr ist die Gemeinde mit der Gestaltung des Gedenkens betraut – und kann somit entscheiden, wer daran teilnimmt, erzählt Becerra zufrieden.

Als die Gruppe «Die Feder» kürzlich in der Bremer Innenstadt über die vermeintliche Illegalität Israels «abstimmen» wollte, mobilisierte die Gemeinde unter anderem zusammen mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wieder einen Protest: Nach nur kurzer Zeit packten die Islamisten ihre Propagandamaterialien resigniert ein und fuhren zurück nach Hause – nach Delmenhorst.

«Auch in Zukunft werden wir uns gesellschaftspolitisch einmischen und für Demokratie und Toleranz eintreten», sagt Becerra. Er freue sich auf den Dialog und die Zusammenarbeit mit den nichtjüdischen Delmenhorstern. Mit einem eigenen Freundes- und Förderkreis kooperiert die Gemeinde fast zeitgleich seit ihrem Wiederbestehen. Gerade in der Gründungsphase sei dies eine enorme Hilfe gewesen. «Heute organisieren wir vor allem gemeinsame Veranstaltungen. Wie etwa anlässlich unseres Jubiläums das Klezmer-Konzert mit ›Cladatje‹ in der ›Markthalle‹», sagt Becerra. «Wir sind mittendrin in der Stadt – und angekommen.»

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