Interview

»Alle sehr lustig«

Jürgen Becker Foto: dpa

Herr Becker, Sie haben für das WDR-Fernsehen eine Kabarettsendung aus der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf moderiert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, zum Lachen in die Synagoge zu gehen?
Die Geschichte hat anders angefangen. Es gibt in Köln eine Reihe, die heißt »Escht Kabarett«, dort stehen viele türkische und türkischstämmige Menschen auf der Bühne. Denen habe ich mal gesagt: Euer Programm ist gut, das müsst ihr mal in einer Moschee aufführen. Dann sagten die mir: Ja, machen wir, wenn du moderierst. So haben wir die erste Sendung in der Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh gemacht. Dort war auch ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde Duisburg. Der fand das lustig und wollte auch mal in einer jüdischen Einrichtung eine Sendung haben. Zwischendurch waren wir in einer katholischen Kirche zu Gast und einmal auch bei einem Atheisten, der Zugwagen für den Kölner Karneval herstellt – und jetzt waren wir in der Düsseldorfer Synagoge.

Und, war’s lustig?
Sehr. Auch hinter der Bühne. Eingeladen waren unter anderem die Schauspielerin Adriana Altaras und die Leiterin der Begegnungsstätte in der Duisburger Moschee, Zehra Yilmaz. Und die haben sich auch hinter der Bühne ständig Witze erzählt. Sehr lustig. Eingeladen waren auch Marcel Reif und Michael Rubinstein. Alle sehr lustig.

Kann es denn eine Religion ohne Humor geben?
Die gibt es ja. Nehmen Sie die katholische Kirche, da sind ja Leibfeindlichkeit und Sexualität ein Thema. »Lustig« und »Lust« – das hängt zusammen. Lachen ist wie ein Orgasmus, nämlich ein Kontrollverlust.

Und wie kommen Religion und Humor dann zusammen?
Es geht in beiden Bereichen um Distanz. Religion heißt ja: auf sich selbst runterschauen. Die Frage stellen: Wie sieht mich Gott, wie denkt der über mich? Diese Distanz, dieses Neben-sich-Stellen macht auch Humor aus.

Das Judentum ist stolz auf seinen Witz, der viel mit Selbstironie zu tun hat.
Ja, der jüdische Witz gehört mittlerweile zum Bildungskanon.

Wie kommt’s?
Es hängt vermutlich mit den vielen Geboten und Verboten zusammen. Über 600! Ich habe mir schon oft von Juden und Jüdinnen erklären lassen, dass man die nur mit Humor aushalten kann.

Sie haben in der Sendung auch einen jüdischen Witz aus der NS-Zeit erzählt. Gibt es in Anbetracht der Schoa eine Grenze des Humors?
Ganz allgemein glaube ich, dass es eine Grenze des Humors gibt bei Naturkatastrophen und körperlichen Gebrechen. Beim Holocaust ist die entscheidende Frage, auf wessen Kosten der Witz geht. Wenn er auf Kosten der Nazis geht, wie der, den ich in der Sendung erzählt habe, ist das gut.

Mit dem Kölner Kabarettisten sprach Martin Krauß.

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