Sachsenhausen

Abgeschnitten

Arthur ist ein sportlicher junger Mann. Mit seinem Fahrrad fährt der 26-Jährige zur Universität, zum Einkaufen, eigentlich überall hin. »Das Rad ist in einer Großstadt wie Berlin einfach das bequemste Verkehrsmittel«, ist der Student überzeugt. Doch nicht nur in der Berliner City schwingt sich Arthur bei Wind und Wetter auf sein Fahrrad. Der Weg vom S-Bahnhof Oranienburg zur Straße der Nationen Nummer 2 ist für den passionierten Radler aus dem Wedding ein Klacks. Er fährt ihn mehrmals pro Woche.

An guten Tagen braucht er nicht länger als fünf Minuten. Hier, in der Gedenkstätte Sachsenhausen, arbeitet Arthur Molt seit April des vergangenen Jahres. Als Guide führt er Besuchergruppen über das Areal des einstigen Konzentrationslagers der Nationalsozialisten und späteren sowjetischen Speziallagers. An diesem authentischen Ort der nationalsozialistischen Verbrechen erklärt der Gedenkstättenmitarbeiter den Besuchern die Funktionsweise des perfiden, menschenverachtenden NS-Lagersystems.

Am Beginn jeder Führung steht der Blick auf das große Gebäude am Eingang, in dem sich die zentrale Lagerverwaltung befand. Arthur spricht Deutsch und Englisch. Die Teilnehmer seiner Führungen kommen aus aller Welt.

Takt Mit dem Rad gelangen allerdings die wenigsten nach Oranienburg. Wer als Besucher der Gedenkstätte nördlich von Berlin kein Auto zur Verfügung hat und keinen Fußmarsch von 30 Minuten auf sich nehmen will, ist vom Bahnhof aus auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Besser gesagt, auf den Bus der Linie 804 der Oberhavel Verkehrsgesellschaft mbH, kurz OVG, der vom Bahnhof bis vor die Tür der Gedenkstätte fährt. Dies tut er wochentags allerdings nur einmal pro Stunde. Am Wochenende, wenn besonders viele Besucher unterwegs sind, fährt die Linie 804 nur im Zweistundentakt.

»Das ist viel zu selten«, sagt der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch. »Das Angebot war immer schon unzureichend und entspricht jetzt einfach in keiner Weise mehr den stark gestiegenen Besucherzahlen in der Gedenkstätte, die sich innerhalb von zehn Jahren auf jetzt mehr als 700.000 Besucher verdoppelt haben«, erklärt Morsch.

Um überfüllte Busse und chaotische Zustände an den Haltestellen zu vermeiden, müsse es schnell eine deutliche Erhöhung der Taktzeiten geben, fordert der Historiker, der als Direktor auch die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, die Dokumentationsstelle Brandenburg sowie die Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald betreut.

Arthur Molt kann seinem Chef nur zustimmen. »Ich sehe immer die Menschentrauben am Bahnhof. Das geht einfach gar nicht. Wir Guides tragen dann die Konsequenzen, wenn die Besuchergruppen zu spät und abgehetzt die Gedenkstätte erreichen«, sagt er. Wenig erfreut sind auch die Oranienburger Bürger. Wegen der vielen Besucher kommen sie häufig gar nicht mehr in ihre Stadtbusse hinein und haben das Nachsehen.

Unterschriftenaktion Wegen dieses unhaltbaren Zustands haben sich Molt und seine Kollegen auch an der von der Gedenkstättenleitung initiierten Unterschriftenaktion für kürzere Busintervalle beteiligt. Bis Mitte Dezember kamen rund 14.000 Unterschriften zusammen. Gemeinsam mit dem Generalsekretär des Internationalen Sachsenhausen-Komitees, dem Niederländer Dik de Boef, wollte Günter Morsch die gesammelten Unterschriften dem OVG-Geschäftsführer, Klaus-Peter Fischer, überreichen. Dieser wollte die beiden Männer aber nicht empfangen und sich auch nicht zur Unterschriftenaktion positionieren.

Fischer verweist beim Thema Taktintervalle der Linie 804 auf die Abgeordneten des Kreistags, die für die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs in Oranienburg verantwortlich seien. »Die Verkehrsgesellschaft selbst hat keinerlei Entscheidungsbefugnis zur Erbringung von Verkehrsleistungen inne. Sie hat letztlich die aus dem Verkehrsvertrag resultierende Verkehrsleistung zu erbringen, die der Landkreis bestellt«, heißt es in einer Stellungnahme der Verkehrsbetriebe.

Der Landkreis könnte also ohne Weiteres einen neuen Fahrplan beschließen, den die Verkehrsgesellschaft dann umsetzen muss. Doch danach sieht es nicht aus. Der Landkreis bezweifelt den Bedarf an häufigeren Busfahrten vom Bahnhof zur Gedenkstätte mit Verweis auf eine Fahrgasterhebung aus dem Jahr 2015, die der Linie 804 eine geringe Auslastung attestiert.

Außerdem hätten die meisten der nach Oranienburg fahrenden Gedenkstättenbesucher ein ABC-Ticket der Berliner Verkehrsbetriebe, mit dem sie die Busse der OVG ohne Zusatzkosten nutzen können. Mit anderen Worten: Mehr Busse sind wirtschaftlich schlicht nicht attraktiv.

Lösung Ein runder Tisch kurz vor dem Jahreswechsel, an dem Gedenkstättenleitung, Landkreis und Verkehrsbetriebe zum Gespräch zusammengekommen waren, brachte keine Annäherung der Positionen. Die Fronten bleiben verhärtet. Gedenkstättenleiter Morsch ist frustriert, hatte es doch vor dem Gespräch durchaus positive Signale vom Landrat gegeben: »Anstatt dass uns, wie vom Landrat in Aussicht gestellt, konstruktive Lösungsvorschläge unterbreitet worden wären, wurde das augenfällige Problem, das man vor Ort nahezu täglich beobachten kann, bezweifelt.«

Die Forderung nach einer verbesserten Busanbindung der Gedenkstätte sei kein Selbstzweck, sondern trage dem großen internationalen Besucherinteresse Rechnung. Und das resultiere wiederum aus dem Umstand, dass die Gedenkstätte sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem modernen zeithistorischen Museum mit besonderen humanitären und bildungspolitischen Aufgaben entwickelt habe, erklärt Morsch.

Das sehen die Lokalpolitiker offenbar anders. So wird sich Arthur Molt wohl auch im neuen Jahr durch die Menschentrauben am Bahnhof Oranienburg kämpfen müssen, bevor er sich in Richtung Gedenkstätte auf sein Rad schwingt.

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