Geburtstag

»A richtiger Jid«

Am 31. Dezember wäre Paul Spiegel 75 Jahre alt geworden – Erinnerungen eines Freundes

von Herbert Rubinstein  18.12.2012 10:35 Uhr

Geboren am 31. Dezember 1937 in Warendorf: Paul Spiegel sel. A. Foto: ddp

Am 31. Dezember wäre Paul Spiegel 75 Jahre alt geworden – Erinnerungen eines Freundes

von Herbert Rubinstein  18.12.2012 10:35 Uhr

Paul Spiegel sel. A. musste sein Leben lang die Rolle des Starken, des Vorreiters, des Leitbildes der jüdischen Jugend und später der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, spielen. Dabei war er eine empfindsame, verletzliche, gütige Seele, dessen langjährige Freundschaft mir unglaublich viel dazu verholfen hat, auch mein eigenes Ich zu finden.

Als wir uns 1958 in Düsseldorf kennenlernten – Paul war nur knappe zwei Jahre jünger als ich –, waren wir beide Anfang 20, also in den besten Sturm- und Drangjahren. Und wir entschieden uns, einen gemeinsamen Weg zu gehen, der leider viel zu früh endete, als Paul vor beinahe sieben Jahren verstarb. Für unsere Familien, für unseren Freundeskreis und für die jüdische Gemeinschaft war das ein großer Verlust, den wir noch lange nicht verkraftet haben.

Erinnerung In unserer schnelllebigen Zeit, mit ihrer Flut an Nachrichten, Informationen und dem Tagesgeschehen, hat die Erinnerung oft leider kaum Platz. Und doch ist unsere Tora, unsere Tausende Jahre alte und doch junge jüdische Geschichte voll mit Namen, die, jeder für sich, ein eigenes Geschehen bedeuten.

Den Werdegang von Paul, als Sohn des Viehhändlers Hugo Spiegel sel. A. aus Warendorf in Westfalen und der lieben Mutter Ruth Spiegel, geborene Weinberg, ist der eines Selfmademan. Lehre bei der Jüdischen Allgemeinen unter Karl Marx sel. A. und Hermann Levy sel. A., Redakteur, Journalist, Medienmensch, Jugendarbeit als Madrich in Wembach und Sobernheim. 1968 oder 1969, so genau weiß ich das nicht mehr, Wahl in den Gemeinderat der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dort nach einigen Jahren Vorsitzender des Gemeinderates.

Brückenbauer Im Beruf war er Büroleiter des Generalsekretärs des Zentralrats in Düsseldorf, Hendrik van Dam, und, nach dem Tod von Ignatz Bubis sel. A., Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ein Brückenbauer, so empfanden wir ihn alle. Beruflich gab es mehrere Stationen bis er sich mit seiner Künstleragentur selbstständig machen konnte. Dieses alles aufzuzählen, ist nicht mein Thema.

Mein Thema ist Paul, der Familienmensch, Paul, der treue und kritische Freund, Paul, für mich mein wirklicher Bruder, obwohl ich Einzelkind bin. Er hat mir die jüdische Welt erweitert, indem er mich motiviert hatte, mich, meine Frau Ruthi, unsere Kinder, seine Kinder und seine innigst geliebte Frau Gisèle, sich auch mit Leib und Seele unserem Judentum, unserer ehrenamtlichen, vielfältigen Arbeit zu widmen. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar, auch wenn es keine leichte Aufgabe ist.

Ignatz Bubis sel. A. benutzte immer eine besondere Redewendung, wenn er jüdische Menschen beurteilte. Er sagte dann häufig: »Der ist ein Jude, aber a Jid is er nicht«. Mein Freund Paul war a richtiger Jid.

Porträt der Woche

Musik lebendig werden lassen

Avner Geiger ist Flötist und würdigt seine Großtante Betsy mit einem Konzertprogramm

von Christine Schmitt  16.10.2021

Frankfurt am Main

Mit einem Augenzwinkern

Die Jüdischen Kulturwochen begeisterten mit viel Leichtigkeit und allerbestem Entertainment

von Eugen El  16.10.2021

Stahnsdorf

»Die Entscheidung war ein Fehler«

Nach der Beisetzung eines Neonazis im früheren Grab des Musikwissenschaftlers Max Friedlaender fordern Kirchenvertreter eine Umbettung

 15.10.2021

Zeitzeugin

Bestmöglich versorgt?

Um die angemessene Betreuung der Schoa-Überlebenden Inge Deutschkron ist eine Diskussion entbrannt

von Christine Schmitt  15.10.2021

Sachsen-Anhalt

Weg zum Baustart für die Synagoge Magdeburg ist frei

Baubeginn soll im Frühjahr 2022 sein, wie die Synagogen-Gemeinde mitteilt

 15.10.2021

Pandemie

Geimpft, genesen, getestet

2G- oder 3G-Regel – in den verschiedenen Gemeinden werden unterschiedliche Konzepte genutzt

von Elke Wittich  14.10.2021

Podcast

Erinnerung auf die Ohren

Mit einem neuen Format wollen Forscher aus Münster ihre Erkenntnisse besonders an junge Zielgruppen weitergeben

von Hans-Ulrich Dillmann  14.10.2021

München

Jewy Louis auf Schienen

Eine Trambahn mit Motiven des Comiczeichners Ben Gershon dreht noch bis Ende Oktober ihre Runden

 12.10.2021

Görlitz

Tief im Osten

Die kürzlich eröffnete Synagoge bietet neue Chancen für das Gemeindeleben

von Brigitte Jähnigen  12.10.2021