Jubiläum

100 Rabbiner und mehr

Liberal und egalitär: Das Abraham Geiger Kolleg bildet Männer und Frauen aus. Foto: Tobias Barniske

Premieren in Serie – mit diesen Worten ließe sich die Entwicklung des Abraham Geiger Kollegs (AGK) in den vergangenen zwei Jahrzehnten am besten beschreiben. 1999 als sogenanntes An-Institut der Universität Potsdam ins Leben gerufen, war das AGK die erste Neugründung eines Rabbinerseminars in Kontinentaleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Urkunde Bereits 2006 erhielten Daniel Alter aus Deutschland, Tomas Kucera aus Tschechien sowie Malcolm Mattitiani aus Südafrika als erste Absolventen die Ordinationsurkunde – ein Ereignis, das für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Denn rund 60 Jahre nach der Schoa hatten nun erstmals wieder in Deutschland ausgebildete Rabbiner ihre Smicha erhalten.

Für Walter Homolka, Rektor und Initiator des Kollegs, war dies ein Meilenstein auf dem Weg hin zu einer »Renaissance des Judentums in Deutschland«. Und 2010 wurde zum ersten Mal nach mehr als 75 Jahren mit der aus der Ukraine stammenden Alina Treiger auch wieder eine Frau zur Rabbinerin in Deutschland ordiniert.

Der Bedarf an Fachkräften war in den 90er-Jahren besonders hoch.

Homolka hatte es verstanden, aus der Not eine Tugend zu machen. Schließlich wuchs die jüdische Gemeinschaft in Deutschland in den 90er-Jahren aufgrund des Zuzugs aus der ehemaligen Sowjetunion sprunghaft an. Entsprechend groß war der Bedarf an Fachkräften. Doch in Israel oder den Vereinigten Staaten ausgebildeten Rabbinern fehlte es einfach an Gespür für die Lebenssituation der Juden in der Bundesrepublik. Deshalb lautete Homolkas Forderung: »Wir brauchen eine Professionalisierung in den jüdischen Gemeinden durch Rabbiner aus Deutschland.« Doch stieß er damit nicht nur auf Zustimmung. »Kritiker sagten, auf der Asche der sechs Millionen ermordeten Juden sei das fast schon unanständig.«

Homolkas Ansatz, der zum Schlüssel für den späteren Erfolg werden sollte, lautete: Das theoretische Wissen über Tora und Talmud allein kann nicht ausreichen, um als Rabbiner sinnvoll zu arbeiten. Deshalb wurde von Anfang an sehr viel Gewicht auf die konkrete seelsorgerische Arbeit gelegt, weshalb die Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung verschiedenste Praktika absolvieren, beispielsweise in Gemeinden oder sogar bei der Bundeswehr.

Liberal Der Namensgeber Abraham Geiger, Mitinitiator der 1872 gegründeten und 1942 von den Nationalsozialisten geschlossenen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, verweist auf die liberale Ausrichtung des Kollegs, weshalb der Rabbinerberuf auch für Frauen zugänglich wurde. Bei vielen der eher traditionell eingestellten Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft stieß dies erst einmal auf Skepsis.

Doch die ist mittlerweile vergessen. Zum einen hatten Persönlichkeiten wie Walter Jacob, selbst ein bedeutender Rabbiner des Reformjudentums und bereits in der 16. Generation Seelsorger, als auch Rabbiner Henry G. Brandt das Projekt nach Kräften unterstützt. Und der deutsch-schweizerische Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich schrieb 2006 an den damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble: »Als letzter aktiver Schüler der letzten Generation der Lehranstalt spüre ich die tiefe Verpflichtung zu helfen, dass das Abraham Geiger Kolleg sich in einer Weise entwickeln kann, dass es in der Geschichte einmal als eine direkte Fortsetzung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums verstanden wird.«

Hoffnungszeichen Zum anderen haben mittlerweile 35 Rabbiner und Kantoren in Potsdam das Studium abgeschlossen und durch ihre Arbeit in Deutschland, Frankreich oder Südafrika den Ruf des Kollegs als hervorragende Ausbildungsstätte weltweit etabliert.

Als 2011 fünf Geiger-Absolventen ihre Ordination erhielten, war der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, deshalb voll des Lobes. Ihre Smicha bezeichnete er als ein »Zeichen der Hoffnung«. Deutschland sei über viele Jahrzehnte hinweg »jüdisch und rabbinisch ziemlich ausgetrocknet« gewesen. »Wir brauchen neue Rabbiner wie die Luft zum Atmen«, betonte er. »Sie sollen uns den Himmel näherbringen, fallen aber nicht vom Himmel.« Er wünschte sich »100 weitere neue Rabbiner«, damit das Judentum in Deutschland wieder neu erblühen kann. »Rabbiner made in Germany« solle zum Markenzeichen und Exportschlager werden.

Aktuell sind 18 Rabbiner- und acht Kantorenstudenten am Kolleg immatrikuliert, weshalb es noch ein wenig dauern dürfte, bis die Zahl 100 erreicht sein wird. Aber sie rückt mit jedem Jahrgang näher. Auf jeden Fall ist Potsdam kein alltäglicher Ausbildungsort.

Das Doppelstudium mit Praktika erfordert von den Stundierenden einen hohen Einsatz.

Das bestätigen Absolventen immer wieder. »Das Abraham Geiger Kolleg hatte die Vision, die Lehrer sowie die Mittel und die Geduld, mich zu einem Rabbiner reifen zu lassen«, erklärt stellvertretend für viele Boris Ronis, seit 2016 Gemeinderabbiner an der Synagoge Rykestraße in Berlin. »So etwas ist nicht selbstverständlich, denn nicht jeder schafft dieses Doppelstudium und die vielen Praktika. Doch Rabbiner Walter Homolka, Rabbiner Allen Howard Podet und Rabbiner Walter Jacob gaben mir diese Chance und ebneten mir den Weg. Dafür empfinde ich unendlich viel Dankbarkeit.«

Wie die meisten seiner Kommilitonen stammt auch Boris Ronis aus der ehemaligen Sowjetunion und spricht Russisch, was die Akzeptanz in den Gemeinden erhöht.

International Ein Markenzeichen des Kollegs ist ebenfalls seine internationale Vernetzung. Wer sich für das Studium dort entscheidet, der verbringt im Regelfall auch einige Semester in Israel oder den Vereinigten Staaten. Auch aus dem Ausland ziehen immer mehr Studierende nach Potsdam, so beispielsweise im kommenden Wintersemester Absolventen des Institute for Modern Jewish Studies in Moskau. Sogar nach Brasilien hat man seine Fühler ausgestreckt.

Und pünktlich zum 20. Jubiläum steht noch Großes an, nämlich der Umzug gemeinsam mit dem konservativen Zacharias Frankel College und dem 2013 gegründeten Institut für jüdische Theologie in das frühere königliche Hofgärtnerhaus am Rande des Schlossparks Sanssouci. Dann findet die Rabbinerausbildung stilvoll im UNESCO-Welterbe statt. Wer hätte sich vor 20 Jahren so etwas vorstellen können?

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