Talmudisches

Zwei Ziegenböcke

Ritual: Einer von beiden wird per Los zum Sündenbock. Foto: Getty Images/iStockphoto

Seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels dürfen die in der Tora vorgeschriebenen Tieropfer nicht mehr dargebracht werden, und der Hohepriester (hebräisch: Kohen Gadol) kann an Jom Kippur seinen im Wochenabschnitt Achare Mot (3. Buch Mose 16) beschriebenen Dienst (hebräisch: Avoda) nicht mehr verrichten.

Ein fester Bestandteil der Avoda an Jom Kippur war die feierliche Zeremonie, bei der der Hohepriester zwei Lose zog, die über das Schicksal der zwei Ziegenböcke entschieden, die sich im Vorhof befanden (Talmud, Joma 37a). Der eine Bock wurde im Heiligtum als Sündopfer (hebräisch: Chatat) dargebracht, der andere – oft »Sündenbock« genannt – wurde kurze Zeit danach fortgeschickt in die Wüste.

LOSE Die Mischna schildert, wie die Auslosung erfolgte: »Der Kohen Gadol rührte in der Urne um und holte die zwei Lose hervor. Auf dem einen Los stand ›für Gott‹, auf dem anderen stand ›für Azazel‹. Der Priesterpräses stand zu seiner Rechten und der Obmann der Familienwache zu seiner Linken. Geriet das Los ›für Gott‹ in seine Rechte, so sprach der Priesterpräses zu ihm: Kohen Gadol, erhebe deine Rechte; geriet das Los ›für Gott‹ in seine Linke, so sprach der Obmann zu ihm: Kohen Gadol, erhebe deine Linke. Alsdann legte er die Lose auf beide Ziegenböcke« (Joma 39a).

Der Talmud will wissen, warum das Umrühren in der Urne notwendig war. Seine Antwort – »damit er nicht ziehe und dann hervorhole« – bedarf einer Erklärung. Was für ein Interesse könnte der Hohepriester haben, um das Ergebnis der Auslosung zu manipulieren? Es dürfte ihm doch völlig egal sein, welcher Bock wo landet.

Raschi (1040–1105) erläutert die Antwort der Gemara: Ohne Umrühren in der Urne könnte der Kohen Gadol die Wahl dahingehend beeinflussen, dass das Los »für Gott« in seiner Rechten landet – dies wäre ein gutes Zeichen! Durch diese Erläuterung verstehen wir, dass es bei der Lose-Zeremonie nicht nur darum ging, das Schicksal der zwei Ziegenböcke festzulegen.

wunder Die Zuschauer achteten auf Zeichen und Wunder! Von einem Wunder kann deshalb die Rede sein, weil im Talmud berichtet wird: »Während der 40 Amtsjahre Simons des Gerechten geriet das Los ›für Gott‹ stets in die Rechte; von da ab geriet es zuweilen in die Rechte und zuweilen in die Linke (…) 40 Jahre vor der Zerstörung des Heiligtums geriet das Los ›für Gott‹ niemals in die Rechte« (Joma 39ab).

Dass der Hohepriester 40 Jahre hintereinander dasselbe Los in die rechte Hand bekommt, ist so unwahrscheinlich, dass sogar Skeptiker die Erscheinung eines Wunders nicht bestreiten werden.

Der israelische Mathematiker Eli Merzbach hat die statistische Wahrscheinlichkeit bei der Auslosung am Versöhnungstag durch das folgende Beispiel verdeutlicht: Würde der Kohen Gadol nicht nur an Jom Kippur Lose ziehen, sondern an jedem Tag des Jahres, und zwar jeweils nicht nur einmal, sondern 1000-mal, dann bräuchte er nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit drei Millionen Jahre, um dasselbe Ergebnis 40-mal hintereinander zu erzielen.

RECHTSORDNUNGEN Unsere Weisen haben die Gebote der Tora in zwei Gruppen eingeteilt: »Meine Rechtsordnungen übt und meine Gesetze hütet, um in ihnen zu wandeln« (3. Buch Mose 18,4).

Was sind Rechtsordnungen (hebräisch: Mischpatim)? »Das sind diejenigen Gesetze, die, wenn sie nicht geschrieben worden wären, doch geschrieben werden müssten: Verbote von Götzendienst, Unzucht, Blutvergießen, Raub und Lästerung des göttlichen Namens.«

Und was sind Gesetze (hebräisch: Chukim)? »Das sind diejenigen Vorschriften, gegen die Satan und die Völker der Welt Einwendungen erheben: Essen von Schweinefleisch, Tragen von Mischgewebe, die Chalitza an der Schwägerin, die Reinigung der Aussätzigen, der fortzuschickende Bock« (Joma 67b).

ritual Das Sündenbock-Ritual zählt also zu den Chukim. Warum der Ewige dieses Gebot erlassen hat, können wir nicht wissen. Wohl aber können wir uns mit der Frage beschäftigen: Was lehrt uns das Ritual mit den zwei Ziegenböcken?

Eine symbolische Deutung des Zeremoniells hat Jizhak Abravanel (1437–1509) in seinem Torakommentar vorgeschlagen. Abravanel sieht in beiden Ziegenböcken einen Hinweis auf das Volk Israel. Sie symbolisieren die Alternative, vor der Israel steht: Der Bock, der im Heiligtum als Sündopfer dargebracht wird, steht für eine Lebensführung gemäß den Anweisungen des Ewigen, die zu einer Annäherung an Gott führt. Wandelt Israel aber nicht auf dem richtigen Weg und entfernt sich von Gottes Weisungen, so wird es fortgeschickt werden wie der Sündenbock. Das Ritual an Jom Kippur erinnert demnach an die uns gegebene Wahlfreiheit und an die Möglichkeit des Exils.

Talmudisches

Sitzen

Was unsere Weisen über das Verharren auf Stuhl, Sessel und Sofa lehrten

von Detlef David Kauschke  04.09.2026

Nizawim–Wajelech

Geheimnis des Neubeginns

Die Rückkehr zum Ewigen ist ein tiefgreifender Prozess – für den Einzelnen und das ganze Volk

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  03.09.2026

Interview

»Meine Musik soll Herzen öffnen«

Motty Steinmetz ist in der orthodoxen Welt ein Superstar. Sein Großvater überlebte Auschwitz, nun tritt er zum ersten Mal in Deutschland auf. Wir haben mit dem chassidischen Sänger gesprochen

von Jan Feldmann, Mascha Malburg  02.09.2026

Ki Tawo

Demut ist größer als Erfolg

Was die Tora über Dankbarkeit, Besitz und den respektvollen Umgang mit anderen lehrt

von Rabbiner Elie Dues  28.08.2026

Rezension

»Eine ziemlich dramatische Zeit«

Rabbiner Walter Rothschild wäre beinahe an einer Infektion gestorben – nun hat er über den Kampf um sein Leben geschrieben

von Detlef David Kauschke  28.08.2026

Talmudisches

Die Folgen des Hasses

Was unsere Weisen über die Konsequenzen aus Feindschaft und Groll lehrten

von Chajm Guski  27.08.2026

Schule

Jüdisch alphabetisiert

Zum ersten Mal seit der Schoa entstehen in Deutschland Arbeitsbücher für den jüdischen Religionsunterricht. Der erste Band widmet sich der Tora und ist nun erschienen

von Mascha Malburg  25.08.2026

Einspruch

Jeden Tag neu

Rabbinerin Ulrike Offenberg erinnert daran, dass im Elul alle Verantwortung tragen, sich selbst zu verändern

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  25.08.2026

Ki Teze

Geben statt nehmen

In der Ehe wie in der Beziehung zu G’tt geht es nicht darum, was uns zusteht, sondern darum, was wir aus Liebe für den anderen tun können

von Vyacheslav Dobrovych  21.08.2026