ELES

»Yes, Lord!«

Eingeladen hatte das jüdische Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES), gekommen waren Studenten verschiedenster Glaubensrichtungen: Neben Juden auch Katholiken, Protestanten, Muslime, orthodoxe Christen, Aleviten, Hindus sowie Konfessionslose.

»Dialogperspektiven – Religionen und Weltanschauungen im Gespräch« nennt sich das Programm, in dessen Rahmen rund 40 junge Stipendiaten deutscher Begabtenförderungswerke seit vergangenem Herbst zu Themen des interreligiösen Dialogs diskutierten. Seinen Abschluss fand der erste Seminarzyklus mit einer Abendveranstaltung im Berliner Jüdischen Museum.

Projekt Einen »geschützten Raum« für intensive »Gespräche und Debatten zwischen Menschen mit ganz unterschiedlichen religiösen, weltanschaulichen und wissenschaftlichen Verortungen« hätten die »Dialogperspektiven« geschaffen, so Projektkoordinatorin Johanna Korneli: »Es sind Freundschaften entstanden, in denen nicht nur Gemeinsamkeiten gesucht werden, sondern Unterschiede als Bereicherung und Erweiterung der eigenen Perspektive angenommen werden.«

Dass der Dialog zwischen den Religionen funktionieren kann, dafür lieferten die Teilnehmer in ihren selbstgestalteten Präsentationen auf der Abschlussveranstaltung einen eindrucksvollen Beweis. Wohl kaum einen der Zuschauer ließ es unberührt, als die gesamte multikonfessionelle Stipendiatengruppe zum Abschluss mit einer gemeinsamen Interpretation von Matt Redmans Gospellied »Trading My Sorrows« auf die Bühne kam und sang »We say yes Lord, yes Lord, yes yes Lord.«

Debatte »Yes Lord«, ja zu Gott, das schien ein gemeinsamer Nenner zu sein, auf den sich die bunt zusammengewürfelte Gruppe einigen konnte. Am politischsten wurde der Abend an den Stellen, wo gemeinsame Forderungen gegen den Ausschluss religiöser Praktiken aus dem öffentlichen Leben aufgestellt wurden. So widmete sich etwa eine Arbeitsgruppe den sogenannten »Räumen der Stille« an deutschen Universitäten: Diese sind in der öffentlichen Debatte aktuell insbesondere aufgrund ihres mutmaßlichen Missbrauchs durch islamistische Prediger umstritten. Kein Grund, Religion per se von den Universitäten zu verdrängen, befanden die Stipendiaten und stellten ein Konzept vor, das eine gleichberechtigte Nutzung derartiger Räume durch Angehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften sicherstellen soll.

Während in der Abwehr negativer Stereotype, die von außen auf die unterschiedlichen Religionen projiziert werden, weitgehende Einigkeit zu bestehen schien, blitzt hier und dort auch Kritik an einer Position auf, die im Namen des religiösen Pluralismus und des Dialogs vorhandene Unterschiede leugnet. Die provokante Frage eines Teilnehmers: Wäre die ideale pluralistische Gesellschaft etwa eine Art religiöser »Multivitaminsaft«, der überall gleich schmeckt?

Mittelpunkt Kritische Anmerkungen wie diese blieben aber die Ausnahme in den Teilnehmerbeiträgen, die erkennbar die positive Vision der Begegnung zwischen den Religionen in den Mittelpunkt rückten. Anders der New Yorker Rabbiner Yehuda Sarna, der als international renommierter Vertreter des interreligiösen Dialogs gilt: In seiner Ansprache sparte Sarna nicht mit Kritik an bisherigen Bemühungen um Verständigung.

»Utopischen Visionen« erteilte Sarna dabei eine Absage zugunsten der Lösung »lokaler, echter Probleme«. In einem für die Sprache des Dialogs ungewohnten Vokabular rief Sarna interreligiöse Führungspersönlichkeiten auf, echte »Macht« anzustreben. Das Bild des Brückenbaus zwischen den Religionen ersetzte Sarna durch einen Aufruf zum »unbefugten Betreten«, zum Überschreiten echter oder imaginierter Grenzen zwischen den Religionen.

Gewiss hätte Sarnas Absage an oberflächliche Harmonie im interreligiösen Dialog der Arbeit der Stipendiaten noch einmal neue Impulse verleihen können. Doch zu einer echten Synthese der beiden Programmpunkte sollte es an diesem Abend im Jüdischen Museum nicht mehr kommen. Immerhin: Für künftige Stipendiaten-Jahrgänge kündigte Jo Frank, Geschäftsführer von ELES, bereits eine stärkere Einbindung der internationalen Dimension an.

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