Chanukka

Wofür es sich zu kämpfen lohnt

Lernen ist wichtig: Man kann es sich nur dann leisten, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen, wenn man über genügend Wissen in der eigenen verfügt. Foto: ddp

Seit meiner Jugend hat sich die Farbe und der Geschmack des englischen Judentums, ja des Weltjudentums, verändert. Ich wuchs in einer Welt auf, in der die überwiegende Mehrheit der Juden sich danach sehnte, von den Nichtjuden akzeptiert zu werden, und deshalb ihr Jüdischsein an den Rand ihres Lebens verbannten.

Von kleinen Enklaven abgesehen, gab es in Großbritannien praktisch keine jüdische Erziehung. Zudem hatten zwei Weltkriege das jüdische Leben von zwei Generationen durcheinandergebracht, und die sozialen Umbrüche in Westeuropa brachten eine Generation kultureller jüdischer Waisen hervor. Was dabei überrascht, ist die Entschlossenheit einiger weniger, nicht aufzugeben.

spießbürgerlich Großbritannien war untypisch insofern, als die jüdische Gemeinde ausgesprochen spießbürgerlich war und an Kultur nicht das geringste Interesse hatte. Was es an Kultur gab, schien nur dank der anhaltenden Einwanderung aus Wien und den mitteleuropäischen Kulturzentren zu bestehen. Innerhalb der jüdischen Gemeinde existierte ein kulturelles Judentum so gut wie gar nicht.

Frankreich war anders. Hier gab es, und gibt es heute noch, eine lebendige säkulare jüdische Tradition, genau wie in Belgien, den Vereinigten Staaten und selbstverständlich auch in Israel. Dank dieser Einflüsse von außen kann man einen Anstieg der säkularen Kultur als Ausdruck jüdischer Identität auch in Großbritannien beobachten.

Makkabäer Wenn wir in die Zeit von Antiochus IV. und des Aufstands der Makkabäer zurückblicken, finden wir eine ganz ähnliche Situation vor. Babylon war das New York jener Zeit, die Stadt, in der die meisten Juden lebten. Juden gab es auch in den wirtschaftlichen und politischen Zentren der damaligen Welt, das heißt in Alexandria, Rom und sogar weit im Osten, in Indien.

Auch damals schon waren Juden also eine facettenreiche und multikulturelle Menschengruppe. Dennoch identifizierte man sich auch in jener Zeit mit einem Land und seiner Kultur im Kern über seine religiösen Traditionen, auch wenn das Ausmaß dieser Identifikation natürlich variierte.

Alexander der Große hatte die Idee einer intellektuellen Kultur ins Leben gerufen, einer Kultur, die sich über verschiedene Kontinente und verschiedene religiöse Traditionen erstreckte. Die griechische Kultur schuf die erste kulturenübergreifende Tradition, deren technologische und methodische Innovationen das Judentum entlieh, während es ihren Rationalismus und Materialismus zurückwies. (So wurde etwa die Idee der Schule von den Griechen übernommen.)

Israel Im Land Israels hatte Alexander den Juden gestattet, ihre religiösen Bräuche fortzuführen, solange sie sich im Politischen der übergeordneten Macht seines Reiches unterwarfen. Nomineller Führer der Juden war der Hohepriester. Bislang ein religiöses Amt, wurde es jetzt zu einem politischen.

Rivalisierende Priesterfamilien brachten sich mithilfe von Bestechung und Intrigen an die Macht und spielten die rivalisierenden Mächte, die nach Alexanders Tod sein Reich untereinander aufgeteilt hatten und sich um die Vorherrschaft im Land Israels bekriegten, gegeneinander aus. Israel stand in der Mitte, gefangen zwischen den Ptolemäern in Ägypten und den Seleukiden in Syrien.

Die Priester bildeten eine Partei, die Sadduzäer, deren Name sich von der herrschenden Priesterfamilie Zadok herleitet. Der überwiegende Teil der Klasse der Priester und Kaufleute war wohlhabend und ausgesprochen griechenfreundlich. Sie übernahmen von den Griechen die Kultur und mehr. Sie brachten das Theater, den Zirkus und Spiele nach Jerusalem. Die armen Bauern standen mehrheitlich auf der Seite der Rabbiner, die den Namen Pharisäer annahmen (wörtlich: die Rebellen). Sie waren nationalistischer und widerständiger gegen kulturelle Einflüsse von außen.

machtkampf Die beiden Parteien stritten sich um die Macht, und bekämpften sich im Verlauf der folgenden 200 Jahre mit großer Verbitterung und Gewalttätigkeit, mal mehr und mal weniger. Es gab aber auch Priester, die aufseiten der Rabbiner gegen ihre eigene Mehrheit kämpften, und was den Gottesdienst im Tempel betraf, herrschte für lange Zeit Waffenstillstand.

Tatsache aber ist, dass die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung auf dem besten Weg war, sich in der neuen und aufregenden griechischen Welt zu assimilieren; und die Juden wären damals bald von der Bildfläche verschwunden, hätte Antiochus IV. 168 nicht den fatalen Fehler begangen, auf den Rat einiger assimilierter Juden zu hören.

Sie schlugen vor, die Rabbiner durch ein Verbot zum Verschwinden zu bringen, und so beauftragte er seine Stellvertreter in Israel, den jüdischen Gottesdienst und die jüdischen Bräuche außerhalb des Tempels zu verbieten und den Tempel selbst zu einem Zentrum des Griechentums zu machen.

Wir Juden sind ein komisches Volk. Wenn man uns in Ruhe lässt, sind wir nur zu bereit, unsere Traditionen preiszugeben, sobald aber einer kommt und versucht, uns zu zwingen, werden wir pampig! Eine kleine Gruppe frommer Männer beschloss, dass die Zeit zum Zurückschlagen gekommen war. Hätte diese Handvoll religiöser Fanatiker, religiöser Fundamentalisten – oder wie immer man sie nennen will – sich nicht berufen gefühlt, den Reizen einer freien, liberalen und ausschweifenden Welt zu widerstehen, wären wir wohl von der Erde verschwunden.

Überzeugung Chanukka erzählt die Geschichte, wie eine religiöse Überzeugung, auch wenn sie aus der Mode gekommen ist, widersteht und sich bewahrt. Kulturelle Identifikation hatte die Juden in eine Sackgasse geführt. So wichtig und wertvoll kulturelles Judentum auch war und ist, was uns am Ende unterscheidet, ist unsere religiöse Tradition.

Interessant, dass die nach dem Vorbild der Griechen ins Leben gerufenen jüdischen Spiele sich Makkabi nennen, richtete sich der Makkabäeraufstand doch zunächst gegen alles Kulturelle, wofür Griechenland stand. Später assimilierten sich die Makkabäer selbst und fühlten sich mehr römisch als jüdisch – genau aus diesem Grund erwähnt sie der Talmud mit keinem Wort! Und aus dem gleichen Grund taten die Rabbiner alles, um sicherzustellen, dass die primäre Botschaft Chanukkas nicht der militärische Sieg, sondern das spirituelle Überleben ist.

Die Moral dieser ganzen Chanukka-Geschichte ist also, dass wir ohne ein tiefgreifendes Engagement für eine jüdische Lebensweise verloren sind. Dennoch kann ein Fundamentalismus, der den technologischen Fortschritt nicht annimmt (dabei aber seine Integrität wahrt), nicht als lebendige Möglichkeit, sondern nur als Fossil überleben. Doch man kann es sich nur dann leisten, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen, wenn man tief verwurzelt in der eigenen Kultur ist und über gründliches Wissen über sie verfügt. Sonst wird die dominante Kultur obsiegen.

Der Autor ist Dozent und Gemeinderabbiner in New York und hat mehrere Bücher zum Judentum veröffentlicht.

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