Fulda

Vor 80 Jahren - Schuldbekenntnis der Bischöfe nach dem Krieg

Hamburg im Mai 1945 Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Trümmerstädte, ein zusammengebrochener Staat und Millionen Flüchtlinge: Vor 80 Jahren, am 23. August 1945, versammelten sich die katholischen Bischöfe Deutschlands erstmals nach dem Krieg wieder zu einer Vollversammlung in Fulda. Noch vor dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche formulierten sie ein Eingeständnis über Schuld und Versagen.

Das Ansehen der katholischen Kirche war damals groß: Für viele Deutsche erschien sie als »Siegerin in Trümmern«, die anders als die Protestanten nicht durch Kollaboration mit den Nazis diskreditiert war. Auch der für religiöse Angelegenheiten zuständige britische Besatzungsoffizier schrieb aus Fulda, die Bischöfe verfügten »über das Prestige eines ungebrochenen Widerstandes«.

Schon unmittelbar nach Kriegsende hatten einzelne Bischöfe die NS-Verbrechen öffentlich beklagt, dies aber immer mit Verweisen auf das Leid der Deutschen verbunden. In Fulda formulierten die Bischöfe dann gemeinsam ein Bekenntnis, das auch das Versagen vieler Katholiken benannte, aber offen ließ, ob auch die Kirche als Organisation versagt hatte.

Genozid an Juden nicht benannt

In dem Hirtenwort lobten sie »die unerschütterliche Treue«, mit der Klerus und einfache Gläubige zur Kirche gestanden hätten. Das katholische Volk habe sich in großem Ausmaß vom »Götzendienst der brutalen Macht freigehalten«, viele hätten »nie und nimmer ihre Knie vor Baal gebeugt«.

Die Bischöfe bekannten Verbrechen in deutschem Namen, ohne aber den Genozid an Millionen von europäischen Juden klar zu benennen. »Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen.« Viele seien selber Verbrecher geworden. Andererseits aber wurde der Widerstand betont: Katholiken hätten sich nicht gescheut, »Volksgenossen fremden Stammes zu beschützen, zu verteidigen, ihnen christliche Liebe zu erweisen«, hieß es in schwammigen Worten.

Nach Erkenntnissen des früheren Archivleiters des Kölner Erzbistums, Ulrich Helbach, ist der entscheidende Einschub »auch aus unseren Reihen« erst nach vielen Debatten in den Text gelangt. Dahinter verbargen sich unterschiedliche Einschätzungen der Bischöfe zur eigenen Rolle während der Nazi-Zeit.

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Versagen der Institution Kirche

Dabei hatte es unter den Bischöfen durchaus Nachdenken über ein Versagen der Institution Kirche gegeben. In einer internen Eingabe der elf nordwestdeutschen Bischöfe an Papst Pius XII. werde deutlich, dass es »offensichtlich etliche Bischöfe gab, die überzeugt waren, dass offener Protest für die Kirche und gegebenenfalls für die Opfer von Vorteil« gewesen wäre, analysierte Helbach.

Diese Bischöfe zeigten sich laut dem Kirchenhistoriker auch überzeugt, dass zumindest »die allermeisten denkenden Deutschen« geahnt hätten, dass »in den KZ entsetzliche Ungerechtigkeiten geschehen« seien. »Hinsichtlich der Juden war es allen praktische Gewissheit«, so die Bischöfe. Nach einer öffentlichen Rückendeckung durch den Papst allerdings verschwanden diese selbstkritischen Positionen.

Pius XII. gab am 2. Juni 1945 eine Ehrenerklärung ab, lobte Mut, Treue und Geschlossenheit der deutschen Katholiken. Seitdem verfolgten die Bischöfe eine einheitliche Linie: Rechristianisierung, Abwehr von Kollektivschuld und Wächteramt der Kirche gegenüber der Politik.

Bild gerät ins Wanken

Erst Ende der 50er Jahre geriet das Bild einer geschlossenen katholischen Abwehrfront gegen die Nazis ins Wanken - nicht nur durch Rolf Hochhuths Schauspiel »Der Stellvertreter« über Papst Pius XII. Es war der Katholik und spätere Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, der 1961 analysierte, welche Mithilfe prominente Katholiken 1933 Hitler geleistet hatten. Und 1963 kritisierte der katholische Publizist Carl Amery, die Katholiken hätten lediglich für den Erhalt ihres Milieus gekämpft, niemals aber für Menschenrechte oder Demokratie.

Ein klares Schuldbekenntnis formulierte die Bischofskonferenz dann im Mai 2020 zum 75. Jahrestag des Kriegsendes. »Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges Nein entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg«, hieß es. »Auch gegen die ungeheuerlichen Verbrechen an den als «rassenfremd» diskriminierten und verfolgten Anderen, insbesondere den Juden, erhob sich in der Kirche in Deutschland kaum eine Stimme.«

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