Überlieferung

Von Generation zu Generation

Wenn der Opa mit dem Enkel: Von Großvätern kann man viel lernen – etwa, wie man mit Holzbausteinen ein Haus errichtet. Foto: Thinkstock

In unserem Wochenabschnitt lesen wir folgenden Vers: »Gedenke der Tage der Ewigkeit, betrachtet die Jahre der Generationen! Frage deinen Vater, er wird’s dir verkünden, deine Alten, sie werden’s dir sagen« (5. Buch Moses 32,7).

Was dieser Vers bedeutet, lässt sich am besten mit einer Geschichte erklären: Vor vielen Jahren mussten in einem fremden Land alle Juden einer kleinen Stadt von einem Moment auf den anderen fliehen. Eine Welle von Verfolgungen breitete sich mit großer Geschwindigkeit aus und zwang alle Juden, sofort die Flucht zu ergreifen. Es blieb kaum Zeit zum Packen, und nur wenig konnte mit auf die Flucht genommen werden.

Zwei junge Männer, die zusammen in der Stadt aufgewachsen und miteinander befreundet waren, konnten gemeinsam fliehen. Beiden gelang es, beim schnellen Verlassen ihres Elternhauses bereitstehende Koffer zu ergreifen und auf den Weg mitzunehmen.

erstaunen Nachdem sich die beiden Freunde nach mehrtägiger gefahrvoller Flucht in Sicherheit bringen konnten, fanden sie eine Unterkunft, in der sie sich vorübergehend aufhalten konnten. Als sie dort ihre Koffer öffneten, musste der eine der beiden Freunde zu seinem großen Erstaunen und Entsetzen feststellen, dass sein Koffer leer war. Doch der andere fand in seinem Koffer alles für ihn Notwendige vor. Alles, was er für sein Überleben und Weiterleben brauchte, war in diesem Koffer vorhanden.

Die beiden Freunde begannen sich sofort zu fragen, wie es geschehen konnte, dass der Koffer des einen leer, derjenige des anderen jedoch voll und mit den notwendigen Gütern versehen war. Beide stammten aus einigermaßen wohlhabenden Familien, die die gleichen Möglichkeiten hatten, ihre Koffer mit dem Notwendigen zu füllen. Während ihres Gespräches stellte sich heraus, warum der eine Koffer voll, der andere aber leer war.

In beiden Familien stand für den Fall einer plötzlichen Flucht immer ein Koffer bereit. Der Koffer wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es war bekannt, wofür der Koffer vorgesehen war, und beide Familien bewahrten ihren Koffer sorgfältig, sogar mit etwas Respekt auf. Doch es bestand ein großer Unterschied zwischen den beiden Familien: In der einen blieb der Koffer immer geschlossen, in der anderen wurde er immer wieder geöffnet.

Die Familie, die den Koffer nie öffnete, war der Ansicht, dass Familientraditionen nicht zu hinterfragen seien; dass es genug sei, den Koffer bereitzuhalten, und man sich darauf verlassen könne, dass der tradierte Inhalt des Koffers das Richtige und Notwendige beinhalte.

Die Familie war sich aber nicht dessen bewusst, dass sich der Inhalt des Koffers im Laufe der Jahre und Generationen langsam zersetzte. Er bekam Risse, fiel auseinander, zerbröckelte immer mehr und löste sich zum Schluss ganz auf. So kam es, dass der Koffer zwar von Generation zu Generation voller Respekt aufbewahrt und weitergegeben wurde, sich im entscheidenden Moment aber herausstellte, dass er ohne Inhalt und damit zwecklos geworden war.

risse Die andere Familie hingegen öffnete ihren Koffer regelmäßig, um den Inhalt zu betrachten. Sie wollte wissen, woraus er bestand, wie und in welchen Situationen er anzuwenden sei, und wollte sich auch vergewissern, dass er immer in gutem Zustand blieb.

Sie kannte den Inhalt des Koffers daher sehr genau, setzte sich ausführlich mit seinen Funktionen auseinander und überlieferte ihre Kenntnisse von Generation zu Generation. Zwar zeigten sich auch hier manchmal Risse oder Beulen. Sie wurden aber sofort behandelt und konnten deshalb leicht wieder in Ordnung gebracht werden.

Aus diesen Gründen blieb der Koffer dieser Familie voll, enthielt das für den jungen Mann unterwegs Notwendige und half ihm, seinen Lebensweg trotz der schwierigen Umstände zu finden. Was wir daraus lernen: Betrachtet die Koffer der Generationen!

Der Autor ist Rabbiner einer Gemeinde in Efrat bei Jerusalem und lehrt an den Universitäten Zürich und Luzern. Die Originalfassung des Textes erschien in dem Band »Mismor LeDavid. Rabbinische Betrachtungen zum Wochenabschnitt« (Verlag Morascha, Basel 2007).

inhalt
Der Wochenabschnitt Ha’asinu gibt zum Großteil das »Lied Mosches« wieder. Es erzählt von der Macht G’ttes und wie sie sich in der Geschichte der Welt gezeigt hat. Es erinnert an das Gute, das der Ewige Israel zuteil werden ließ, aber auch an die Widerspenstigkeit der Israeliten und die Bestrafung dafür. G’tt spricht zu Mosche und fordert ihn auf, auf den Berg Nebo zu kommen. Von dort soll er auf das Land Israel schauen. Betreten aber darf er es nicht.
5. Buch Moses 32, 1-52

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  06.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Israel

Feiern zu Lag BaOmer am Berg Meron eingeschränkt

An Lag BaOmer gedenken Juden des Aufstands gegen Rom. Zehntausende pilgern traditionell zum Berg Meron in Nordisrael. Kriegsbedingt dürfen dieses Jahr nur 600 kommen – doch Tausende umgehen die Sperren

 05.05.2026

Lag BaOmer

Feuer und Flamme

Zu dem Feiertag werden in Israel viele Lagerfeuer entzündet. Was symbolisieren sie?

von Chajm Guski  05.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026