Moral

Von ganzem Herzen

Danke – Merci – Toda Foto: Thinkstock

Bereschit bara Elokim et Haschamajim we et Haarez» – «im Anfang schuf G’tt den Himmel und die Erde», so beginnt die Tora. Unsere Gelehrten legen den ersten Vers der Heiligen Schrift unterschiedlich aus. Eine der berühmten Auslegungen versteht den Vers als Appell an die jüdische Dankbarkeit: «bereschit» bedeutet «im Anfang» oder «als Erstes». Das Wort «Reschit» meint «das Erste» oder «den Beginn».

Im Wochenabschnitt Ki Tawo finden wir zu Beginn das Gebot der «Erstlingsfrüchte». Dabei handelt es sich um das Darbringen von Erstlingsfrüchten, die herangereift sind als Zeichen der Dankbarkeit gegenüber G’tt. Im Tempel erhalten dann die Kohanim, die Priester, die Erstlingsfrüchte in einem speziellen Korb.

Unsere Gelehrten interpretieren das Wort «Bereschit» in Analogie zum Gebot der Erstlingsfrüchte, indem sie auslegen: «Für das Gebot der Erstlingsfrüchte, für das ›Reschit‹ also, wurde die Welt erschaffen.» Damit ist auch gemeint: Für den dankenden Menschen, dessen Dankbarkeit G’tt gegenüber zum Beispiel im Gebot der Erstlingsfrüchte zum Tragen kommt, war es wert, die Welt zu erschaffen.

Verbot Die Thematisierung von Dankbarkeit ist überhaupt ein Dauerthema der Tora, auch außerhalb des Wochenabschnittes Ki Tawo. So finden wir zum Beispiel im 5. Buch Mose ein sonderbares Verbot. Dort steht geschrieben, dass «keine Ammoniter und Moabiter in die Gemeinde des Ewigen aufgenommen werden». Männliche Abkömmlinge der Ammoniter und Moabiter haben keinen Zutritt in die jüdische Volksgemeinschaft. Sie können durch Übertritt niemals Juden werden. Die Begründung hierfür: «Weil sie euch, als ihr unterwegs wart, als ihr aus Ägypten zoget, nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen sind und weil sie gegen dich den Bileam beauftragt haben, dass er dir fluche.»

Der Ramban, Nachmanides (1194–1270), schreibt, dass die Moabiter und Ammoniter besondere Völker waren. Beide nämlich waren Abkömmlinge von Lot, dem Neffen Awrahams. Der rettete Lot das Leben, indem er ihn von seinen Entführern im großen Krieg der Könige befreite. Was aber taten stattdessen die Nachkommen von Lot, also die Moabiter und Ammoniter? Die Ammoniter wendeten sich von den Israeliten ab, als diese sich nach der Wüstenwanderung ihrer Landesgrenze näherten. Sie waren nicht einmal bereit, den Israeliten Brot und Wasser zu geben. Die Moabiter gingen sogar so weit, gegen die Israeliten den korrupten Propheten Bileam zu hetzen. Dieser sollte das jüdische Volk verfluchen und dessen Dominanz ein Ende setzen.

So sah also die Dankbarkeit dieser Völker aus, die vergessen haben, wessen Verdienst es war, dass sie überhaupt als Völker und Nachkommen von Lot entstehen konnten. Der Ramban fügt noch einen Gedanken hinzu: Jedes Volk hat seine Geschichten und Überlieferungen. Die Moabiter und Ammoniter aber waren nicht bereit, die Überlebensgeschichte ihres Gründervaters Lot und Awrahams Einsatz für dessen Leben hervorzuheben. Daher sollte das jüdische Volk ihnen keinen Einlass in die eigene Religionsgemeinschaft gewähren. Wer Dankbarkeit ablehnt, der lehnt jüdische Glaubenssätze ab.

Ägypter Einen umgekehrten Sachverhalt finden wir dann an einer anderen Stelle der Tora, im Zusammenhang mit einem anderen Volk, den Ägyptern: «Du sollst nicht den Ägypter verabscheuen, denn Fremdling warst du in seinem Land» (5. Buch Mose 23,8). Dieses Gebot darf doch verwundern. Schließlich waren die Israeliten Sklaven und Knechte im alten Ägypten und wurden dort ausgebeutet und unterdrückt. Wieso dann das Verbot der «Verabscheuung»?

Unsere Gelehrten sagen, dass es trotz der finsteren Phasen im ägyptisch-israelischen Verhältnis auch menschliche und freundschaftliche Momente in der Begegnung zwischen den beiden Völkern gegeben hat. Die Ägypter nahmen die Hebräer auf, als diese nach Zufluchtsstätten vor dem Hunger im eigenen Land suchten. Die Pharaonen der ersten Generation waren bereit zu helfen. «Der Brunnen, aus dem du einst getrunken hast», so unsere Gelehrten, solle nicht «verächtlich in deinen Augen sein».

Die Dankbarkeit für das Gute, das uns die Ägypter zeitweise haben widerfahren lassen, verbietet uns eine pauschale Verabscheuung. Dankbarkeit für das Gute, auf die Waagschale geworfen, setzt sich durch gegen Verabscheuung für das Schlechte. Denn Dankbarkeit ist eine Eigenschaft, die sich vor allem dann ganz entfaltet, wenn sie sich den eigenen Gegenargumenten erfolgreich widersetzt. Im Judentum hat die Dankbarkeit im Kampf gegen die niedrigen Instinkte zu triumphieren.

Natur Dankbar zu sein, bezieht sich nicht nur auf die Begegnung mit Menschen. Sogar (und vielleicht gerade) in unserem Verhältnis zur Natur gilt Dankbarkeit ebenso: «Wenn du eine Stadt lange einschließt und bekriegst, um sie einzunehmen, so sollst du die Bäume um sie herum nicht zerstören, indem du die Axt gegen sie schwingst, sondern sollst nur von ihnen essen, sie selbst aber nicht umhauen.»

Dieser Toravers spricht über den Belagerungszustand im Krieg. Im Krieg ist normalerweise vieles erlaubt, denn der Krieg ist eine Ausnahmesituation. Der um sein Überleben kämpfende Soldat zeigt nicht immer seine ethischen Seiten. Und doch verbietet die Tora auch in dieser Sondersituation das Zerstören der Natur. Denn das Fällen des unschuldigen Baums, der Frucht und Leben schenkt, widerspricht der menschlichen Dankbarkeitspflicht allem Existierenden gegenüber. Wenn wir dem Baum gegenüber Dankbarkeit zu erweisen haben, wie viel mehr dann erst unseren Mitmenschen, die uns bewusst und unbewusst Gutes tun.

Der dankbare Mensch ist also ein Thema der Tora und vor allem unseres Wochenabschnitts Ki Tawo. Dankbarkeit ist ein Dauerthema des Lebens! Wer sich dankbar zeigt, dem zeigt sich die Welt von ihrer schönen Seite. Denn Dankbarkeit wird immer belohnt. Von G’tt sowieso, aber auch von den Mitmenschen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Mainz.

Inhalt
Im Wochenabschnitt Ki Tawo lesen wir, wie den Israeliten aufgetragen wird, aus Dankbarkeit für die Ernte und die Befreiung aus der Sklaverei ein Zehntel der Erstlingsfrüchte zu opfern. Und sie sollen die Gebote G’ttes auf großen Steinen ausstellen, damit alle sie sehen können. Danach schildert die Tora Fluchandrohungen gegen bestimmte Vergehen der Leviten. Dem folgt die Aussicht auf Segen, wenn die Mizwot befolgt werden. Zum Abschluss erinnert Mosche die Israeliten daran, dass sie den Bund mit dem Ewigen beachten sollen.
5. Buch Mose 26,1 – 29,8

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