Selbstfürsorge

Von der Mizwa, ein Bad zu nehmen

Foto: Getty Images

In den vergangenen Jahren ist die Sorge um die eigene mentale Gesundheit und die Achtung des eigenen Wohlbefindens selbst in Bereichen angekommen, in denen früher kein Wort darüber verloren wurde. Auch im Spitzenfußball sprechen Spieler heute offen über den Druck, den sie erleben, und ziehen sich nicht erst aus dem Leistungssport zurück, wenn ihnen, wortwörtlich, die Beine wegbrechen.

Auch Jürgen Klopp hört in diesem Sommer als Liverpool-Trainer auf. Seine Begründung: »Ich habe keine Energie mehr.« Er wolle sich anderen, vielleicht wichtigeren Dingen im Leben widmen. So schlicht und einfach geht das.

»Ich habe keine Energie mehr.«

Jürgen Klopp

Schon Hillel, einer der prägendsten Lehrer des Judentums, wusste, wie wichtig die Selbstfürsorge ist. Als seine Schüler ihn fragten, wohin er gehe, antwortete er: »Eine Mizwa machen.« Sie wollten es aber genau wissen: »Welche Mizwa?« Er antwortete: »Im Badehaus ein Bad nehmen.« Sie konnten es nicht fassen: »Ist das wirklich eine Mizwa?« Er antwortete: »Auf jeden Fall« (Berachot 51b).

Wenn unsere eigenen Ressourcen erschöpft sind, sind wir nicht in der Lage, für die Menschen um uns herum zu sorgen. Hillel hat dies auf die so berühmte Formel gebracht: »Wenn ich nicht für mich selbst (verantwortlich) bin, wer wird es dann sein? Und wenn ich nur für mich selbst (verantwortlich) bin, was bin ich dann? Und wenn nicht jetzt (um Verantwortung für die Selbstfürsorge zu übernehmen), wann dann?«

Das ist wie bei der Sicherheitsanweisung im Flugzeug. Wer als Erwachsener mit seinem Kind fliegt, muss bei Druckabfall in der Flugkabine zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen und sich erst danach um das Kind kümmern. Das hört sich erst einmal kontraintuitiv an, ist aber unglaublich sinnvoll, denn was nutzt es dem Kind, wenn der Erwachsene, der es betreut, bewusstlos ist?

Selbstfürsorge ist die Grundlage der eigenen Fähigkeit, für andere zu sorgen. Die Tora beschreibt dies in einem bahnbrechenden Vers: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Doch wie liebt und sorgt man für sich selbst? Unserer jüdischen Tradition lassen sich viele Antworten auf diese Frage entnehmen. Beobachte deine Gedanken und Gefühle mit Haschem. Tanke Natur, staune über Gʼttes Schöpfung und noch mehr über den Schöpfer selbst. Ernähre dich gesund und gern auch mit den Dingen, die dir am besten schmecken.

Selbstfürsorge ist die Grundlage der eigenen Fähigkeit, für andere zu sorgen

Suche nach dem Nagel im Reifen, dem Ding, das dafür verantwortlich ist, dass du platt geworden bist. Vielleicht hast du zu viel Stress und schläfst deshalb zu wenig? Oder vielleicht machst du dir zu viele Sorgen über das, was war und was noch kommt?

Sei mutig! Das bedeutet, tu das Richtige, auch wenn du jetzt keine Kraft und Lust dazu hast. Bleib nicht vor deinem Platten stehen, versuche, dich den Herausforderungen zu stellen, indem du akzeptierst, was du nicht ändern kannst, und all das angehst, was in deiner Macht liegt, verändert zu werden. Vor allem: Sei dankbar für das Auto und die anderen drei vollgepumpten Reifen!

Es geht also bei alldem darum, sich unserer Gefühle bewusst zu sein und sich auf Verhaltensweisen einzulassen, die den negativen Auswirkungen von Stress und einer zu starken Fokussierung auf einen bestimmten Lebensbereich, auf unsere Probleme, entgegenwirken.

Wir müssen lernen, aus der Situation herauszuzoomen, als würden wir eine Drohne steuern. Von oben ändert sich die Perspektive, wir erhalten Weitblick, und plötzlich erkennt man wieder viele gute Dinge um sich herum, die ganz in Vergessenheit geraten waren. Rabbi Nachman überträgt diesen schöpferischen Prozess in die Motivation: »Zwing dich, glücklich zu sein«, auch oder erst recht dann, wenn dir eben nicht danach ist.

Binnenflüchtlinge sind entwurzelt – obwohl sie im eigenen Land leben

Selbstfürsorge kann also im ersten Schritt bedeuten, ein Bad zu nehmen, sich etwas Gutes zu tun. Aber sie hat wenig mit Luxus oder Wellness zu tun. Vor ein paar Monaten besuchte ich israelische Binnenflüchtlinge in ziemlich schicken Hotels in Tiberias. Der luxuriöse Komfort löste bei ihnen aber keine Urlaubsstimmung aus, sondern es herrschte ernste Bedrückung. Sie kamen von der Nord- oder Südgrenze Israels und mussten wegen der Angriffe der Hamas oder der Hisbollah evakuiert werden. Sie sind entwurzelt – obwohl sie im eigenen Land leben.

Vor Schabbat spielte ich mit den Kindern ein Turnier an der Playstation. Den Eltern erzählte ich dann, dass mein Lieblingsverein Borussia Dortmund Überlebende des 7. Oktober nach Dortmund eingeladen und auch Kfar Aza besucht hatte, um zu sehen, was der Terror der Hamas hier angerichtet hat. Ich konnte es in ihren Gesichtern sehen: Diese Solidarität gab ihnen Kraft.

Nach dem Schabbat schafften wir es dann sogar, ein echtes »El Clasico« zu organisieren: Hotel Leonardo Club gegen Leonardo Plaza, zwei Teams Evakuierter, inklusive Fantribüne. Inmitten des Schlechten nahmen wir uns den Raum, fröhlich zu sein. Gewonnen haben wir dabei übrigens alle! Die besondere Zauberformel für unseren Erfolg war: Selbstfürsorge.

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026