Balak

Verfluchter Fluch

Draco Malfoy (gespielt von Tom Felton) in einem Zauberduell in dem Spielfilm »Harry Potter und die Kammer des Schreckens« (USA 2002) Foto: picture alliance/United Archives

Balak, der König von Moaw, ist voller Sorge. Gerade hat er erfahren, was Sichon, dem König von Emor, durch die Israeliten widerfahren ist. Allerdings hatte Sichon die Israeliten zuerst angegriffen. Dabei hatten sie eigentlich nur friedlich durch das Land der Emoriter ziehen wollen. Aus diesem Grund hatten sie zuvor Botschafter zu Sichon geschickt, um ihm zu sagen: »Lass uns durch dein Land ziehen! Wir wollen weder in Äcker noch in Weingärten ausweichen und auch kein Wasser aus der Zisterne trinken, sondern auf der Heerstraße bleiben, bis wir über deine Grenze hinaus sind.«

Doch damit war Sichon nicht einverstanden. Vermutlich misstraute er den Israeliten, daher griff er sie mit seinem ganzen Heer an. Aber das emoritische Heer und sein König wurden vernichtend geschlagen von den Kindern Israels, und anstatt friedlich hindurchzuziehen, eroberten sie das Land des Emori, vom Arnon bis zum Jabbok, also bis zur Grenze Amons. Und nicht anders als dem König Sichon erging es hernach dem König Og von Baschan. Damit endete Paraschat Chukat in der vergangenen Woche.

Nun lagern die Kinder Israels in den Ebenen von Moaw. In unserer heutigen Parascha lesen wir, wie dies alles dem König Balak bewusst wird. Er rechnet sich aus, was diese Tatsache für ihn und sein Land wohl bedeuten wird.

Balak überlegt, was er tun kann. Statt sich der Vernunft zu bedienen und mit den Kindern Israels zu verhandeln, will er versuchen, sie mit einem Fluch aufzuhalten. Seine Furcht ist offenbar so groß, dass er glaubt, man könne sich nur noch mit übernatürlicher Kraft gegen sie zur Wehr setzen. Zu diesem Zweck engagiert er den Seher Bileam.

Aber handelt es sich dabei wirklich um eine Zauberei, eine Art Voodoo, die Balak von Bileam haben will? Eigentlich nicht, auch wenn es uns zuerst vielleicht so erscheinen mag. Nein, es ist viel einfacher – und gleichzeitig viel größer. Es ist die Macht des gesprochenen Wortes.

Balak verspricht dem Seher Bileam eine hohe Belohnung für seine Dienste und schickt ihm als Boten zauberkundige Älteste aus Moaw. Balak vermittelt Bileam damit den Eindruck, er halte ihn für mächtiger als all die anderen Magier. Und er schmeichelt ihm noch obendrein, indem er ihm sagt: »Ich weiß doch, wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.«

Bileam ist nicht vom Ewigen gesandt – ganz im Gegenteil

Das ist eine gewaltige Aussage – und sie kommt uns sicherlich bekannt vor, allerdings in völlig anderem Zusammenhang. »Wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.« Das ist die Kraft, mit der der Ewige Seine von Ihm Gesandten ausstattet. Bileam aber ist nicht vom Ewigen gesandt – ganz im Gegenteil. Er weiß genau, dass er gegen den ausdrücklichen Willen des Ewigen vorgeht. Er darf das Volk keinesfalls verfluchen, denn es ist gesegnet. All dessen ist sich Bileam sehr wohl bewusst. Er sagt Balaks Leuten auch klar, dass er gegen den Willen des Ewigen nichts ausrichten kann und dies auch nicht will. Doch Balak beharrt auf seinem Vorhaben.

Hätte Balak doch nur auf Bileam gehört! Dann wäre zwar der erhoffte Fluch ausgeblieben, aber auch der Segen, den Bileam schließlich über das israelitische Volk ausspricht. Dreimal segnet er es, und Balak ist darüber völlig entsetzt. Und so wendet sich dessen Plan, den Kindern Israels, die er so sehr fürchtet, mit Zauberei Herr zu werden, in vollem Maße gegen ihn selbst.

Etwas Ähnliches ist den Israeliten schon einmal begegnet, damals in Ägypten. Hatte nicht auch der Pharao seine Magier, seine Wahrsager und Zauberkundigen gegen sie zu Hilfe geholt? Und war er nicht genauso kläglich und am Ende auf tragische Weise gescheitert?

Denn der Ewige, und Er allein, steht über allen natürlichen Gewalten – und erst recht über allen übernatürlichen Dingen. Das lässt Er nicht nur den Pharao und nach ihm nun den König von Moaw erfahren. Er beweist es damit auch den Kindern Israels, einst beim Auszug aus Ägypten und nun bei der Vorbereitung zum Einzug in das versprochene Land Kanaan.

Wen der Ewige segnet, der ist gesegnet. Und wen Er verflucht?

Ich bin der Ewige, dein G’tt, spricht der Ewige. Er ist der Herr, der Schöpfer von allem und der König über allen. Wen Er segnet, der ist gesegnet. Und wen Er verflucht? Der Ewige verflucht gewiss nicht leicht. Schwer ist Er zu erzürnen, und leicht lässt Er sich um Verzeihung bitten. Er gewährt sie jedem, der aufrichtig bereut, gegen Ihn gehandelt zu haben, wie es heißt: »Langmütig und voller Gnade ist Er« (2. Buch Mose 34,6).

Vielleicht wünschen wir uns manchmal wie Balak, wir könnten unsere Probleme mit Zauberei lösen, ganz nach unserem Willen. Wie oft möchten wir etwas erzwingen und wissen doch im Grunde recht gut, dass wir besser daran täten, auf unseren Verstand und auf unser Gewissen zu hören.

Nicht umsonst heißt es, wir sollen den Ewigen im Gebet um Beistand und um Erfüllung unserer Herzenswünsche zum Guten und zum Segen bitten. Wie oft denken wir aber, eher fordernd als bittend: Erfülle uns doch bitte diesen oder jenen unserer Wünsche, Punkt. Und manch einer vergisst das »Bitte« dabei ebenso wie danach das »Danke«.

Der Ewige ist kein Deus ex machina, und wir können Seine Hilfe auch nicht erzwingen. Er ist nicht nur unser König, sondern auch unser Vater. Und ein guter Vater erfüllt ganz sicher nicht alle Wünsche seiner Kinder, nur wegen eines trotzigen »Ich will aber!«. Mancher Herzenswunsch bleibt unerfüllt. Die Gründe dafür kennt allein der Ewige. Nicht immer können wir Seinen Ratschluss verstehen. Und mancher Wunsch erfüllt sich tatsächlich und lehrt uns: Das hättest du dir besser nicht gewünscht!

Wir sollen durchaus nicht alles resigniert hinnehmen, was uns begegnet, ganz im Gegenteil. Wie Mosche am Schilfmeer vom Ewigen aufgefordert wurde, aktiv zu handeln, so haben auch wir unseren Teil dazu beizutragen, unsere Probleme zu lösen. Aber im Vertrauen auf den Ewigen, und nicht etwa auf zweifelhafte Helfer. So mancher vermeintlich gute Geist entpuppt sich im Nachhinein womöglich als Dämon. Und manche scheinbar gute Idee führt nur in die Irre und richtet am Ende beträchtlichen Schaden an.

Vertrauen wir in unserem Tun stattdessen auf den Ewigen, damit unser Handeln zum Guten und zum Segen sei, für uns und unsere Mitmenschen.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9

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