Predigt

Über alles reden – aber nicht über zehn Minuten

Predigten sollen originell und persönlich sein. Foto: Getty Images / istock

Ein Rabbiner darf über alles reden – nur nicht über zehn Minuten», lautet ein leicht abgewandelter Spruch von Kurt Tucholsky. Falls Sie ihn noch nicht kannten, dann vielleicht aber die Geschichte des neuen Rabbiners, der vom Vorstand die «Empfehlung» bekommt, über alles zu reden, «nur bitte nicht über Politik oder Religion».

Wozu gibt es Predigten? Wozu braucht man sie? Ein Gottesdienst besteht aus verschiedenen Teilen – einschließlich gemeinsamer lauter Gebete, privater leiser oder stiller Gebete, Lesungen aus Bibel- und anderen Texten –, Psalmen und Pijutim, Tora und Propheten.

Interpretation Darauf folgt eine Erklärung, eine Auslegung, damit alles Bedeutung bekommt und nicht als «Zeitverschwendung» empfunden wird. Wenn es schwierig ist, Texte zu verstehen, braucht man jemanden, der sie interpretieren und erklären kann, damit sie relevant werden.

Früher hat der Rabbiner vielleicht nur zweimal im Jahr gepredigt – am Schabbat Hagadol und am Schabbat Schuwa. Heute wird weitaus häufiger erwartet, dass der amtierende Rabbiner «etwas sagt». Doch nicht alle können das.

Eine Predigt bietet Gelegenheit, etwas Wichtiges zu lehren und zu erklären. Es kann eine «Drascha» sein, basierend auf einem Bibeltext, aber hoffentlich nicht nur eine langweilige Wiederholung à la «Der Midrasch sagt ...» – Nein! Der Rabbiner soll sagen, was er selbst sagen möchte, und nicht nur wiederholen, was längst verstorbene Weise damals gedacht haben.

Früher gab es den «Meturgeman», der die Tora in die Landessprache übersetzte, es gab einen Maggid, der Geschichten erzählte (aber außerhalb der Synagoge), und einen Darschan, der eine Auslegung lieferte. Heute gibt es Draschot im Internet und Rabbiner in allen Medien, aber das Prinzip ist das gleiche.

Wie baut man eine Predigt auf? Meine Lehrer sagten: «Erst sagt man, was man sagen wird; dann sagt man, was man sagen will; dann sagt man, was man gesagt hat.» Es ist ratsam, mit einem Witz oder einer Anekdote zu beginnen, einem «Maschal». Man muss das Interesse des Publikums wecken.

Akustik Wichtig ist auch die Technik: Stimme, Akustik, wie man mit lauten Geräuschen von draußen oder mit Kinderstimmen umgeht. Ein Rabbiner sollte zu jedem Anwesenden «persönlich» sprechen: Jeder soll mit neuen Ideen, neuer Inspiration, Kraft oder Entschlossenheit nach Hause gehen können. Jeder soll in seinem Glauben, Wissen, seinem Verständnis und Mut gestärkt werden.

Manchmal erscheint der Rest des Gottesdienstes den Betern viel zu lang und das Gemurmel des Schalich Zibur unverständlich. Doch bei einer Predigt gibt es einige Minuten, in denen die Beter etwas Positives mitnehmen können, etwas aus der jüdischen Tradition, das für das Heute spricht.

Es gibt Rabbiner, die ihre Predigten vorlesen, und andere, die frei sprechen oder aus Notizen vorlesen. Es gibt Rabbiner, die alles vorbereiten, bis hin zur Länge der Pausen, und andere, die improvisieren. Es gibt für faule Rabbiner sogar Agenturen, die – gegen Bezahlung natürlich – vorbereitete Predigten verkaufen. Oj wej!

Betrug Wer aber nur die Predigt eines anderen vorliest, sei er ein guter Schauspieler oder nicht, betrügt seine Gemeinde. Denn die Beter kommen und bezahlen (hoffentlich) Gemeindesteuer, weil sie etwas Frisches, Interessantes und Relevantes hören wollen.

Ich selbst behalte alle meine Predigten als Ausdruck, aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass man denselben Text nicht zweimal benutzen kann. Es geht einfach nicht, denn ich bin dieses Jahr nicht die gleiche Person, die ich vergangenes Jahr an diesem Feiertag oder dieser Parascha war, ich sehe die Dinge jetzt anders. Man kann zwar Bestandteile recyceln, aber die Predigt an sich muss «live» sein.

Und die Themen? Darf man über Politik reden? Die Propheten tun das ständig! Sie liefern Analyse und Kritik, die noch immer aktuell sind. Sie greifen Ungerechtigkeiten, Korruption, Machtmissbrauch und vieles mehr an. Nur deswegen lesen wir noch immer, was sie damals gesagt haben.

Die Predigt sollte der Kern des Treffens in der Synagoge sein – nicht als Gebet, sondern als Stärkung jüdischer Werte. Nur so darf ein Rabbiner niemals beginnen: «Liebe Gemeinde, heute fällt die Predigt aus, weil ich etwas Wichtiges zu sagen habe ...»

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