Paviane

Tiere sind göttliche Schöpfung

Auch die Aktivisten vor dem Nürnberger Tiergarten argumentieren mit der Bibel. Foto: picture alliance/dpa

»Wenn du den Esel deines Feindes siehst, wie er unter seiner Last zusammenbricht, so sollst du nicht achtlos an ihm vorübergehen, sondern ihm helfen, ihn zu entlasten« (2. Buch Mose 23,5). Dieser Vers aus der Tora bildet die Grundlage für eines der zentralen Prinzipien des jüdischen Tierethos: »Tza’ar Ba’alei Chaim« – das Verbot, Tieren unnötiges Leid zuzufügen. Es gilt für Haustiere, Wildtiere, Nutztiere und sogar für Insekten – für jedes Wesen, das Teil der göttlichen Schöpfung ist.

Diese Woche ließ der Nürnberger Tiergarten zwölf Paviane töten. Die Tiere lebten in einem überfüllten Gehege, das für 25 Affen ausgelegt war – nun war ihre Population auf über 40 angewachsen. Die Tiere litten in der Folge unter Stress, verletzten sich gegenseitig. Also wurden sie betäubt und erschossen. Nach ihrem Tod wurden die Paviane wissenschaftlich untersucht und anschließend an Raubtiere verfüttert. Der gesellschaftliche Aufschrei war groß.

Durften die Paviane getötet werden?

Doch was ist die jüdische Sicht auf den Fall? Durften die Paviane getötet werden, um einen besseren Lebensraum für die verbliebenen Tiere schaffen zu können?

Das Verbot von Tierleid ist tief in der Halacha verwurzelt. Der Talmud (Bava Metzia 32b) erklärt, dass selbst ein Tier, das einem Feind gehört, nicht unnötig leiden darf. Der Rambam (Hilchot Rotzeach 13:13) zählt das Zufügen von Tierleid ohne zwingenden Grund zu den verbotenen Handlungen. Der Schulchan Aruch (Even HaEzer 5:14) stellt jedoch klar, dass das Verbot nicht greift, wenn ein legitimer menschlicher Nutzen vorliegt – beispielsweise für Nahrung oder Gefahrenabwehr. Rav Mosche Feinstein (Igrot Mosche, Even HaEzer IV:92) gestattet das Verwenden von Tieren in der Forschung, jedoch nur unter strengsten Bedingungen: wenn es keine Alternative gibt und ein unmittelbarer Nutzen für den Menschen besteht – etwa zur Rettung von Leben.

Man darf Tiere töten, wenn ein legitimer menschlicher Nutzen vorliegt. Doch war das hier der Fall?

Die zentrale Frage ist also: Lag in Nürnberg eine wirkliche Notlage vor? Wenn alle Alternativen – Vermittlung, Geburtenkontrolle, Umsiedlung – über Jahre erfolglos blieben und sich die Tiere gegenseitig verletzten, könnte man aus halachischer Sicht unter Umständen von einer Notmaßnahme sprechen. Die Tötung wäre dann nicht wünschenswert, aber als letztes Mittel zum Schutz des verbliebenen Tierkollektivs denkbar.

Die Halacha ist auch Ausdruck einer ethischen Haltung

Die Halacha ist nicht nur ein Gesetzeskodex, sondern Ausdruck einer ethischen Haltung. Der Talmud (Bava Metzia 85a) erzählt eine bewegende Geschichte von Rabbi Jehuda HaNasi, dem Redaktor der Mischna, der einst ein Zicklein, das sich ängstlich unter seinen Mantel (vor der Schächtung) flüchtete, fortjagte mit den Worten: »Geh, denn dafür bist du bestimmt.« Der Himmel urteilte: »Da du kein Mitleid zeigst, wirst du selbst Schmerz erfahren.« Erst Jahre später, als Rabbi Jehuda Mitgefühl mit jungen Tieren zeigen konnte, wurde er von seinen Leiden geheilt.
Diese Geschichte macht deutlich: Die jüdische Ethik verlangt mehr als nur juristische Abwägung. Sie fordert Empathie. Tiere sind keine Verfügungsmasse, sondern Mitgeschöpfe. Gerade bei intelligenten, sozialen Tieren wie Pavianen wächst unsere Verantwortung.

»Wenn du Meine Schöpfung zerstörst – wer wird sie wiederherstellen?« Kohelet Rabba 7:13


Wer Tiere tötet – selbst wenn es unter bestimmten Umständen erlaubt sein mag – soll es nicht zur Routine werden lassen, sondern mit Zurückhaltung, Gewissensprüfung und Demut handeln. Denn, wie es im Midrasch heißt: »Wenn du Meine Schöpfung zerstörst – wer wird sie wiederherstellen?« (Kohelet Rabba 7:13)

Der Fall in Nürnberg stellt ein schwieriges ethisches sowie halachisches Dilemma dar. Doch wenn tatsächlich alle Alternativen ausgeschöpft wurden, die Population nicht anderweitig regulierbar war und akutes Leid drohte, kann die Tötung unter bestimmten Voraussetzungen als Notmaßnahme betrachtet werden.

Rav Avraham Yitzchak HaKohen Kook, der erste aschkenasische Oberrabbiner von Eretz Israel, sah in der idealen Zukunft eine Welt ohne Tierleid. Er betont, dass das Töten von Tieren heute nur aus der Unvollkommenheit der Welt heraus erlaubt sei – nicht als moralisches Ideal. Die biblische Erlaubnis zur Herrschaft über die Tiere (1. Buch Mose 1,28) sei kein Freibrief zur Ausbeutung, sondern ein Auftrag zur verantwortungsvollen Fürsorge. Das Töten eines Tieres – besonders eines hochentwickelten wie des Pavians – mag in manchen Situationen halachisch erlaubt sein. Doch es sollte niemals zur Routine werden.

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Acharej Mot – Kedoschim

Feuer aus Menschenhand

Heiligung entsteht nicht im Rückzug ins Himmlische, sondern im gestaltenden Eingreifen in die Welt

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  23.04.2026

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026