Kabbalah Centre

Spirituell in Schöneberg

Großes Oh und Ah, als sich die Türen in der Hauptstraße 27 in Berlin-Schöneberg öffnen: Ein so schöner, heller und geschmackvoller Raum dürfte in der gesamten Stadt seinesgleichen suchen. Weiß ist die dominierende Farbe. Alte Deckenfresken, graue Sofas und goldene Buchstaben machen die großzügigen Räume gemütlich. Für den Eröffnungsabend am vergangenen Samstag hat das Kabbalah Centre keine Kosten und Mühen gescheut. Viele freiwillige Helfer kümmern sich um Garderobe, Essen und Trinken. Auf den Stühlen liegen Stifte und Anmeldeformulare für den ersten Kurs: »Die Kraft der Kabbala. Acht Wochen kostenlos«.

Internationales Publikum aller Altersklassen und sogar ein kleiner Hund haben den Weg nach Schöneberg gefunden. Der wichtigste Redner des Abends, Meir Yeshurun, mischt sich unter die Gäste. Sein Lehrer Philip Berg war Begründer der Kabbalah-Centre-Bewegung, die unter anderem durch Madonna in den USA bekannt wurde.

Tel Aviv Yeshurun ist mit seiner Frau Osnat vor drei Monaten aus Amerika nach Berlin gezogen, um hier das Zentrum aufzubauen und zu lehren. Bis in die 9oer-Jahre bekleidete er hohe Verwaltungsämter in der israelischen Regierung, unter anderem als enger Mitarbeiter des Finanzministers und im Bürostab von Premier Menachem Begin, bis er sich, so die Information auf der englischsprachigen Website des Kabbalah Centre, »frustriert von den Machenschaften des politischen Systems« für einen Wechsel in die Privatwirtschaft entschied. Anschließend entdeckte Yeshurun, dass die Kabbala »das wahre Werkzeug ist, um die Welt global zu verändern«, und beteiligte sich an der Eröffnung von Kabbala-Zentren in Tel Aviv, Haifa, Tiberias, Boca Raton, Philadelphia und Chicago.

Dramaturgisch korrekt darf Meir Yeshurun als Hauptakt in Berlin-Schöneberg nicht gleich auf die Bühne. Die etwa 70 Besucher schauen zuerst einen kurzen Film über die Kabbala. Ein Auftakt zu anderthalb Stunden Glücksversprechen: Keine Zufälle mehr! Raus aus der Opferrolle! Erfolgreich in Ehe und Beruf! Dann spricht David Naor, der die deutschsprachigen Kurse am Zentrum leiten wird. Sein Vortrag widmet sich der Überforderung in unserer modernen Welt. Dazu Erklärungen zu Physik und Biologie.

DNA Ähnlich geht es bei Meir Yeshurun weiter. Er erklärt globale Konflikte damit, dass es Menschen leichter fällt, Unterschiede zu sehen als Gemeinsamkeiten. Auch Yeshurun zieht die Karte der Naturwissenschaften und sagt, alle Menschen hätten die gleiche DNA. Kurz gesagt: Die Geheimnisse der Kabbala sind die Lösung für alles. Wie genau das geht, lernt man im Kurs. Schon füllen einige Besucher die Anmeldescheine aus. Kabbala versteht sich nicht als Glaubenssystem oder Religion. Die Redner betonen deswegen mehrmals, dass man an die Kabbala nicht einfach glauben kann, sondern sie studieren und unbedingt hinterfragen muss.

Was Meir Yeshurun aber auch sagt, ist, dass Organisationen wie »Ärzte ohne Grenzen« zwar einen wichtigen Beitrag zur Welt leisteten, aber nur Symptome bekämpften statt Ursachen. Frieden und Vollkommenheit könnten nur einkehren, wenn wir die Lehre der Kabbala studieren und erkennen, dass wir alle gleich sind. Für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dieser Erkenntnis – die, so der Einwand einer jüngeren Besucherin im Gegensatz zu »Ärzte ohne Grenzen« allerdings nichts Konkretes dazu beigetragen habe, die Ebola-Epidemie in Westafrika zu bezwingen – erhebt das Zentrum demnächst eine Kursgebühr von 150 Euro.

Zum Schluss sagt Meir Yeshurun noch, keine Stadt sei besser für ein Kabbala-Zentrum geeignet als Berlin, die Stadt der Wiedervereinigung. Das Interesse an Spiritualität ist in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen, ob aus dem ehemaligen Osten oder Westen, in der Tat kaum zu unterschätzen. Doch gerade heute, in den Zeiten der Flüchtlingskrise, »ist praktische Hilfe für Berlin nicht weniger wichtig als ein spirituelles Studium«, findet ein interessierter Besucher des Kabbalah-Centre-Eröffnungsabends.

Weitere Informationen finden Sie unter
http://de.kabbalah.com

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