Brauch

Sieben Tage

Religion, culture and memory of the past. Foto: Getty Images

Es gibt diesen bittersüßen Witz, der für mich in den vergangenen Wochen zu einem sehr realen Gefühl geworden ist: Ein Mann fragt seinen jüdischen Arbeitskollegen: »Haben Sie eigentlich Verwandte in Israel?« Und der antwortet: »Ja, klar – ein paar Millionen.« Doch wie trauert man um mehr als tausend ermordete Verwandte, die man nie kennengelernt hat? Um entfernte Onkel und Tanten, von denen manche noch gar nicht in der Erde ruhen?

Eigentlich richten sich die jüdischen Rituale und Regeln nach der Nähe zum Verstorbenen: Nur direkte Verwandte sitzen Schiwa. Sie kommen im Haus des Verstorbenen zusammen, verhängen die Spiegel, hocken auf niedrigen Stühlen oder gleich auf dem Boden. Sieben Tage lang gehen sie kaum vor die Tür. Eltern, Ehepartner, Schwestern und Brüder trauern danach weiter, bis zum Ablauf eines Monats. Und die Kinder des Toten verzichten sogar ein ganzes Jahr auf Feierlichkeiten.

hilfe Alle anderen Angehörigen sind vor allem dafür da, diesen Kern an Trauernden zu unterstützen: Sie helfen, die Beerdigung zu planen, bringen Essen vorbei, sie hören zu und legen den Arm um die Schulter. Wie eine tröstende Wolke umschweben sie die Menschen, die der Tod des Allernächsten wie ein Blitz getroffen hat.

Als ich das letzte Mal Teil dieser Wolke war, merkte ich, wie gut es tat, eine Aufgabe zu haben. Mir fiel es schwer, die richtigen Worte zu finden, also kaufte ich Kerzen. Während die Familie beim Bestatter saß, organisierte ich einen Minjan für die Beerdigung. Und als bei der Schiwa alle müde wurden, kochte ich Tee.

Ich kannte den Verstorbenen nicht gut genug, um ihn wirklich zu vermissen. Vielmehr spürte ich die Leere, die sich gerade zwischen seinen Liebsten auftat. Als wir alle zusammen auf dem Teppich saßen, fehlte jemand. Wir sprachen, aber jemand sprach nicht. Und ich trauerte um den Verlust der anderen.

TROST Das Gefühl seit dem 7. Oktober ist ähnlich, und ich versuche, wieder Teil der tröstenden Wolke zu werden. Ich merke, dass es vielen meiner jüdischen Freunde so geht. Wir versuchen eine Aufgabe zu finden, um die gefühlte – und manchmal auch sehr reale – Trauerfamilie in Israel zu unterstützen. Vielleicht auch, um selbst mit der Leere fertigzuwerden.

Manche gehen auf Demonstrationen, andere lesen Psalmen. Ich lade meine jüdischen Freunde ein, wir sitzen im Wohnzimmer und sprechen, ohne uns erklären zu müssen. Wir trinken Tee – und wenn die Nachrichten besonders düster werden, auch Wodka. Dann wünsche ich mir, wir würden die Stühle beiseiteschieben und uns auf den Teppich hocken. Denn eigentlich, denke ich, sitzen wir hier doch Schiwa.

SCHIWA Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen. Ich glaube, weil in der Schiwa vieles selbstverständlich ist, das in den letzten Wochen in unserer Gesellschaft missachtet wird. Ein Beispiel: Wer auf eine Schiwa kommt, beginnt nicht sofort, loszureden. Es ist in den ersten Tagen sogar verboten, direkt zu fragen, wie es den Trauernden geht. Sie entscheiden selbst, ob sie über den Verlust sprechen wollen. Es ist üblich, sich zur Begrüßung einfach zuzunicken. Und es ist vollkommen okay, nichts zu sagen.

Ganz anders empfinde ich viele Gespräche, die ich in den letzten Wochen mit nichtjüdischen Freunden führe: Ich muss die Trauer erklären, verteidigen – und zwar ohne vorher gefragt zu werden, ob ich überhaupt darüber sprechen möchte. Über die Regeln der Schiwa nachzudenken, half mir zu verstehen, warum ich mich nach diesen Treffen so schlecht fühlte. Häufig hatten meine Freunde und Bekannten ja nichts Schlimmes gesagt – viele von ihnen beschäftigt auch, was in Israel geschieht, sie verfolgen sehr eifrig die Nachrichten und wollen von mir wissen, wie ich das alles sehe. Aber ich brauchte vielleicht einfach ein Nicken.

Was können wir von den Regeln der Schiwa lernen? Wir alle, egal ob wir nun Teil der trauernden Wolke sind, weil wir reale oder gefühlte Verwandte in Israel haben, oder Außenstehende, die sich fragen, wie sie ihre jüdischen Kollegen auf diese Zeit ansprechen sollen?

Ich glaube, wir müssen ein Äquivalent für das Nicken finden. »Ich musste in letzter Zeit an dich denken (…) Wenn du mal spazieren gehen magst, sag Bescheid«, schrieb mir eine Freundin. Es fühlte sich wie ein Nicken an. Ich sagte zu, und als wir durch die Kälte liefen, wollte ich plötzlich sprechen, alles platzte aus mir heraus, und sie fragte weder nach meiner politischen Einschätzung noch versuchte sie mir zu erklären, wie wichtig es sei, doch auch Israel zu kritisieren. Sie hörte einfach zu. Ich glaube, sie verstand, dass ich trauerte.

Chabad

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