Demütigung

Schlag ins Gesicht

Auch Worte können Schläge sein – und lange wehtun. Foto: Thinkstock

Im Wochenabschnitt Wajeschew wird die berühmte Geschichte von Jehuda und Tamar erzählt. Jehuda hat drei Söhne. Der älteste, Er, heiratet Tamar, doch er stirbt früh und kinderlos. Nach seinem Tod nimmt Jehudas zweiter Sohn, Onan, nach den Gesetzen des Jibum (Leviratsehe) seine Schwägerin Tamar zur Frau. Weil er aber seinen Samen verschwendet, wird er von G’tt mit dem Tod bestraft. Da Jehuda der Meinung ist, dass mit Tamar etwas nicht stimmt und seine Söhne ihretwegen gestorben sind, weigert er sich, den dritten Sohn mit Tamar zu verheiraten.

Doch Tamar hat eine prophetische Offenbarung: Aus der Beziehung der Familie von Jehuda und ihr wird die königliche Familie und insbesondere König David und der Maschiach abstammen. Aus diesem Grund beschließt sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Sie verkleidet sich als Prostituierte und verführt Jehuda. Da er sie an Ort und Stelle nicht bezahlen kann, lässt er ihr seinen Stab, seine Schnur und seinen Siegelring als Pfand zurück.

Tamar wird schwanger. Als es die anderen bemerken, berichteten sie Jehuda, dass Tamar nicht auf seinen dritten Sohn gewartet hat, dem sie eigentlich zugesprochen war, sondern eine andere Beziehung eingegangen und daraus schwanger geworden ist. Daraufhin verurteilt Jehuda sie zum Tod. Doch als Tamar hinausgeführt wird, holt sie die Sachen, die Jehuda ihr als Pfand zurückließ, heraus, und sagt, der Vater des Kindes sei derjenige, dem diese Gegenstände gehören. Daraufhin gesteht Jehuda seinen Fehler und sagt, Tamar sei gerechter als er und trage keine Schuld.

Andeutungen
Tamar hätte von Anfang an verkünden können, dass Jehuda der Vater des Kindes war. Weil sie ihn aber nicht öffentlich beschämen wollte, machte sie nur Andeutungen, sodass Jehuda alles gestehen konnte. Hätte er das nicht getan, hätte sie die Todesstrafe in Kauf genommen. Unsere Weisen ziehen daraus den Schluss, dass es besser ist, sich in das brennende Feuer werfen zu lassen, als einen anderen öffentlich zu beschämen (Sota 10b).

Rabejnu Jona, Jona ben Awraham Gerondi (1200–1263), nimmt diese Aussage in Schaarej Tschuwa (Tor 3, 139) sehr wörtlich und schreibt, es sei besser, sich umbringen zu lassen, als den anderen öffentlich zu beschämen. Denn wenn ein Mensch einen anderen öffentlich bloßstellt, ist es, als würde er ihn töten, und das darf man selbst unter Todesangst nicht. Das Blut des Beschämten verlässt sein Gesicht, sodass es weiß wird. Dasselbe passiert demjenigen, der umgebracht wird.

Blut Der berühmte sefardische Rabbiner Ben Isch Chai, Josef Chaim (1832–1909), entwickelt diese Idee sogar weiter und sagt, es sei schlimmer, jemanden öffentlich zu beschämen, als ihn zu töten. Denn jedes Mal, wenn der Beschämte jemanden wiedersieht, der bei der Beschämung dabei war, wird er sich daran erinnern und das Gefühl, beschämt zu werden, jedes Mal aufs Neue erleben. Aus diesem Grund steht auch in der Aussage der Weisen: »Hamalbin pnej chawero berabim, keilu schofech damim« – »Jemand, der das Gesicht seines Nächsten öffentlich beschämt (wörtlich: weiß macht), gleicht demjenigen, der sein Blut vergossen hat«. Das Wort Blut steht hier in der Mehrzahl: Damim. Denn derjenige, der einen anderen öffentlich beschämt, vergießt dessen Blut nicht nur einmal beim eigentlichen Beschämen, sondern jedes Mal, wenn das Opfer an diese Begebenheit erinnert wird.

Man erzählt, wie eine Gruppe junger Jeschiwastudenten Rabbiner Mosche Feinstein (1895–1986) einmal zum Auto begleitete. Einer der jungen Männer hatte die besondere Ehre, die Autotür hinter dem Rabbiner zu schließen. Nachdem das Auto um die Ecke gefahren war, bat Rabbi Feinstein den Fahrer, kurz anzuhalten. Der Wagen hielt, der Rabbi öffnete die Tür und zog seine schmerzende Hand, die darin eingeklemmt war, ins Innere. Der Fahrer fragte, wieso der Rabbiner nicht sofort geschrien hatte.

Darauf antwortete er: Hätte er das getan, dann hätte er den jungen Jeschiwastudenten, der die Autotür geschlossen hat, öffentlich beschämt und dadurch womöglich sein Selbstvertrauen zerstört. Jetzt bleibt der junge Mann für immer derjenige, der die Ehre hatte, einen der größten Rabbiner seiner Generation zu begleiten. Hätte Rabbi Feinstein geschrien, wäre der Student für immer derjenige, der die Hand des Rabbiners einklemmte.

Schaden Es stimmt zwar, dass die Aussage unserer Weisen bezüglich der Beschämung des anderen nicht vom Schulchan Aruch übernommen wurde. Doch wir sehen, wie schwerwiegend es ist, einen Menschen seelisch zu verletzen und zu beschämen. Der jemandem zugefügte seelische Schaden wird mindestens genauso eingestuft wie der körperliche.

Es ist sehr wichtig, dass wir diese Idee verinnerlichen, insbesondere in einer Zeit, da das Schul-, Berufs-, oder Cybermobbing Menschenleben zerstören kann. Diese Phänomene müssen aktiv von uns bekämpft werden. Wir dürfen es nicht zulassen, dass unsere Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Beleidigungen und Erniedrigungen, egal ob in Facebook oder auf dem Schulhof, zur Normalität werden.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

Der Wochenabschnitt Wajeschew erzählt, wie Josef – zum Ärger seiner Brüder – von seinem Vater Jakow bevorzugt wird. Zudem hat Josef Träume, in denen sich die Brüder vor ihm verneigen. Eines Tages schickt Jakow Josef zu den Brüdern hinaus auf die Weide. Die Brüder verkaufen ihn in die Sklaverei nach Ägypten und erzählen dem Vater, ein wildes Tier habe Josef gerissen. Jakow glaubt ihnen. In der Sklaverei steigt Josef zum Hausverwalter auf. Doch nachdem ihn die Frau seines Herrn Potifar der Vergewaltigung beschuldigt hat, wird Josef ins Gefängnis geworfen. Dort lernt er den königlichen Obermundschenk sowie den Oberbackmeister des Pharaos
kennen und deutet ihre Träume.
1. Buch Mose 37,1 – 40,23

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